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StartseiteKultur heuteDoch (k)ein Spion?02.05.2009

Doch (k)ein Spion?

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Rolle Walter Kempowskis nach dem Zweiten Weltkrieg

Dem 2007 verstorbenen Schriftsteller Walter Kempowski wird erneut Spionage für den damaligen US-Geheimdienst CIC vorgeworfen. Laut Volker Hage, Literaturredakteur beim "Spiegel", verändern die neuerlichen Vorwürfe nicht die Sicht auf die Person oder das Werk Kempowskis.

Volker Hage im Gespräch mit Michael Köhler

Der Schriftsteller Walter Kempowski  (AP)
Der Schriftsteller Walter Kempowski (AP)

Walter Kempowski: Ich hab mein ganzes Leben lang weiter nichts gemacht, als mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, mit dieser Frage nach den drei Blutstropfen im Schnee sozusagen. Wo kommen sie her, warum? Das ist mein Lebenszweck.

Michael Köhler: Eindeutig die Stimme von Walter Kempowski. Der Schriftsteller hat ein umfangreiches literarisches Werk zur Geschichte vorgelegt, ein belletristisches. Im Oktober 2007 starb er, vor drei Tagen wäre er 80 Jahre geworden. Im Gespräch mit Alan Keele, einem amerikanischen Germanisten und Freund des deutschen Schriftstellers, hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" heute erfahren, dass Walter Kempowskis Verhaftung 1948 nicht nur wegen angeblicher Spionage, wie es bislang immer heißt, erfolgte, sondern tatsächlich Spionage vorlag. Alan Keele, der die "Hundstage" von Kempowski übersetzt hat und dem er auch den ersten Teil seines Werks "Echolot" gewidmet hat, hat sich nämlich Unterlagen der CIC, das ist die Vorgängerorganisation der CIA, aus den Jahren 1947 bis 1948 angesehen. Und in Kempowskis Roman, da ist von Frachtbriefen oft die Rede, mit Einzelheiten über sowjetische Pläne in Rostock, die Kempowski dem CIC übergeben habe. Die hatte er aber wohl nie. Das würde ihn eigentlich sogar noch entlasten. In der Tat habe sich Kempowski aber viel häufiger mit dem CIC getroffen als zugegeben. Laut Alan Keele habe Kempowski selbsttätig den CIC häufig aufgesucht und seine Dienste angeboten. Das sei also insgesamt eindeutig ein Fall von Spionage. Deshalb Frage an Volker Hage, Literaturredakteur beim "Spiegel", der über Kempowski gerade auch veröffentlicht hat und ihn sehr gut kannte: Haben wir wieder einen Fall, dass ein deutscher Autor etwas vergessen hat?

Volker Hage: Ja, das ist das Ärgerliche an dieser Geschichte, die überhaupt gar nicht spektakulär ist in Wirklichkeit, wenn man sich ein bisschen auskennt damit. Die Merkwürdigkeit besteht eigentlich in der Intonierung schon der Überschrift, "War doch ein Spion", so als hätte das sowjetische Militärtribunal, das ihn 1948 verurteilte, irgendwie doch recht - immerhin zu 25 Jahren Zwangsarbeit, von denen er dann, der arme Kerl, acht Jahre in Bautzen absitzen musste. Das ist ziemlich absurd. Und das ganze Wort Spion ist natürlich in dem Zusammenhang auch komisch, weil da stellt man sich natürlich irgendwas in der Richtung von John le Carré vor. Und wenn da so was wirklich gewesen wäre in diesem fast romantischen Sinne, dann fragt man sich natürlich, warum die Amerikaner ihn denn in den acht Jahren nicht irgendwie ausgetauscht haben gegen sozusagen andere Spione. Er war offenbar sehr naiv und hatte die Vorstellung ... Er war ja längst im Westen, er war in Hamburg als Buchhändler und hatte dann in Wiesbaden bei der US Army gearbeitet - und so muss er irgendwie auf die Idee gekommen sein, vielleicht kann ich da Informationen liefern, weil die Sowjets da drüben in meiner Heimatstadt diese ganzen Dinger abbauen und das müsste doch irgendwie festgehalten werden. Das war offenbar seine fixe Idee. Und er hat es eigentlich immer so dargestellt - jetzt nicht in seinen Romanen, sondern auch im privaten Gespräch -, als konnten die mit ihm auch gar nicht so richtig viel anfangen. Also die haben ihn nicht richtig jetzt eingesetzt. Und von Spion, das klingt schon ziemlich komisch.

Köhler: Keele sagt im Interview: Ich glaube, dass die Kempowskis mehr in Spionage-Angelegenheiten involviert waren, als man bisher dachte. Das ist ja jemand, der mit ihm befreundet ist, Kempowski hat ihm Teile von Romanen gewidmet, das ist ja niemand, der schmutzige Wäsche waschen will. Teilen Sie die Ansicht?

Hage: Ja, also es ist natürlich interessant, man müsste jetzt genauer wissen, was der Keele, der in der Tat ein Freund Kempowskis ist, wie übrigens auch der Interviewer in der "FAZ" mir bekannt ist durchaus auch als jemand, der Kempowski sehr wohlwollend gegenübersteht, soweit ich weiß auch an einer Biografie über ihn arbeitet. Es ist selbstverständlich interessant, was genau denn damals in den Akten zu finden wäre, was damals genau passiert ist. Für jeden Biografen, auch für die Kempowski-Forschung ist das gewiss verdienstvoll. Und da in diese Akten hineinzusehen, ist sehr einleuchtend und logisch, nur jetzt wird das so merkwürdig unkommentiert dahingestellt, und in der Tat fragen jetzt alle, wie kann man das denn einschätzen. Und da ist eigentlich zumindest zu warnen davor, das jetzt so in diese Richtung zu stellen. Es gab ja auch schon mal den Vorwurf, Kempowski als Abschreiber. Also da hatte er ein paar Zitate in einem Roman verwendet, was durchaus üblich ist in der Literatur. Also es gibt das eigenartige Phänomen, dass Kempowski offenbar reizt, immer wieder ihn - da er ja so prominent ist - so ein bisschen vorzuführen, was ich nicht verstehe.

Köhler: Er wollte als 18-Jähriger ein besseres Leben im Westen führen, nennt Keele als Motiv für dieses Angebot, der CIC, der Vorgängerorganisation der CIA, zuzuarbeiten. Haben Sie eigentlich mal über so was geredet? Sie haben ja intensive Kontakte oder ist das absichtsvoll verschwiegen worden, haben Sie danach mal gefragt?

Hage: Nein, es erschien auch gar nicht so als so ein großes Rätsel, weil das war ja in der Tat eigentlich eine zentrale Stelle seines Lebens, auch das große Trauma, diese acht Jahre Haft. Und er hat sich ja geradezu verzweifelt sein Leben lang damit abgemüht, irgendwie zurechtzukommen, dass er auch seine Mutter ins Gefängnis gebracht hat und dass er auch seinen Bruder ins Gefängnis gebracht hat. Er wurde ja auch regelrecht gefoltert, und es klingt ja komisch, dass man plötzlich, wie gesagt, dieses Militärtribunal im Nachhinein fast als ein ordentliches Gerichtsverfahren anzusehen scheint oder es wird zumindest suggeriert. Ich finde, man muss da sehr aufpassen.

Köhler: Verändert das Blick auf Person und Werk?

Hage: Nein, überhaupt nicht. Also das wüsste ich gar nicht, was daran sich ändern solle. Sie erinnern sich ja auch daran, dass Marcel Reich-Ranicki eine Zeitlang in diesen Verdacht kam. Da ging es ja immerhin darum, jemandem geschadet zu haben, was nie erhärtet werden konnte. Davon kann ja hier überhaupt gar keine Rede sein, sondern es ist ja tatsächlich so, dass es doch hoffentlich noch erlaubt ist zu sagen, dass der Kempowski damals glaubte, was Gutes zu tun und zeitlebens, was ihm ja viele verübelt haben auch, diesen Unrechtsstaat DDR mit einer gewissen Abscheu zu verbinden.

Köhler: Er ist durch die Haft zu Kommunistenfresser geworden, weil er 1950 sogar einen Selbstmordversuch gemacht hat. Aber wir finden in Agenturen, aus denen sich auch Journalisten wie Sie und ich bedienen, immer wieder den Hinweis auf dieses berühmte "angeblich", angebliche Spionage. Muss man das jetzt vielleicht künftig dann doch tilgen?

Hage: Na ja, das ist immer wieder die Frage, was fasst man unter diesen Begriff Spionage? Also dass jemand Informationen gewissermaßen über die Firma des Vaters, über die Demontage in den Westen bringt, für mich ist das keine Spionage in diesem Sinne, da ist er gewissermaßen in die Falle gelaufen, wenn man so will, als Spion. Ich finde, das ist ziemlich lächerlich. Er war ja ganz betrübt, dass er nicht als politischer Häftling anerkennt wurde und dass er nie eine Wiedergutmachung gekriegt hat. Das hat ihn ja wirklich gewurmt, weil er doch mit einem gewissen Recht immer sagte: Ich habe doch für die gute Seite arbeiten wollen, und jetzt wollen die von mir überhaupt nichts wissen. Und die Amerikaner haben dann hinterher offenbar so getan, als hätten sie mit ihm nie was zu tun gehabt. Das ist allerdings jetzt seine Darstellung, insofern muss man jetzt mal sehen, was da wirklich an Fakten vorliegt.

Köhler: Das sagt Volker Hage, Literaturredakteur beim "Spiegel", der auch veröffentlicht hat über Kempowski zur Veröffentlichung der "FAZ" heute, Walter Kempowski sei 1948 Spion gewesen.

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