Montag, 04. Juli 2022

Antisemitismus bei Documenta
Missbrauch der Kunstfreiheit

Das antisemitische Kunstwerk „People’s Justice“ ist nicht zufällig auf die Documenta 15 gelangt, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Die antijüdische Bildsprache des Werks liege auf einer Linie mit der Gesinnung des Kuratorenkollektivs. Der zur Schau gestellte Antisemismus erscheine wie ein Missbrauch der Kunstfreiheit.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht | 21.06.2022

Mit schwarzem Tuch verhüllt: "People's Justice" (2002) mit den umstrittenen Figuren des Kollektivs Taring Padi. Das Bild müsse abgehängt werden, fordert Sebastian Engelbrecht.
Mit schwarzem Tuch verhüllt: "People's Justice" (2002) mit den umstrittenen Figuren des Kollektivs Taring Padi. Das Bild wird nach anhaltender Kritik abgehängt. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Deutschland diskutiert in diesen Tagen über den Umgang mit dem schweren Erbe der Schmähdarstellungen von Juden in mittelalterlichen Kirchen. Es schien, als habe diese Gesellschaft 77 Jahre nach der Shoah eine höhere Bewusstseinsstufe erklommen. Aber weit gefehlt. Denn jetzt hat auch Kassel seine „Judensau“, wie die Schmähreliefs auch genannt werden. Sie ist nicht tausend Jahre alt, sondern eben frisch aufgehängt worden auf einer weltweit beachteten Kunstschau, der Documenta.

Kuratorenkollektiv Ruangrupa vertritt antisemitische Positionen

Das ist nicht zufällig geschehen, sondern mit vollem Bewusstsein. Die Leitung der Documenta hat ein indonesisches Kuratorenkollektiv namens Ruangrupa beauftragt. Es vertritt ein dualistisches Weltbild und antisemitische Positionen. Dieses Künstlerkollektiv hat - ebenfalls nicht zufällig - so gut wie keine jüdisch-israelischen Künstler zugelassen und Sympathisanten der antiisraelischen Boykottbewegung „BDS“ Raum zur Ausstellung ihrer Kunst gegeben.
Nun ist obendrein passiert, was passieren musste: Der Antisemitismus ist nicht nur verklausuliert in ausgestellten Kunstwerken sichtbar geworden. Es kam auch noch zum künstlerischen Super-GAU, zum Rückfall in die antisemitische Ikonographie des NS-Regimes. Das Wimmelbild „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi zeigt den Kampf der unterdrückten Völker des Südens gegen einen kapitalistisch-martialischen Norden. Dieser wird unter anderem symbolisiert durch ein Schwein, auf dessen Soldatenhelm der Name des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad zu lesen ist. Um den Hals trägt das Schwein ein rotes Tuch mit Davidstern. Das Soldatenschwein steht für das Böse, Seit an Seit mit dem Teufel und der Karikatur eines Juden mit Kippah, Hut, Schläfenlocken, Raffzähnen und SS-Runen.

Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann muss gehen

Diese mörderische Bildsprache, diese antijüdische Gewalt, ist nicht zufällig nach Kassel gelangt. Deshalb ist es mit dem Verdecken des monumental großen Bildes durch schwarzes Tuch nicht getan. Die Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, muss die Verantwortung für diesen vorsätzlich zur Schau gestellten Antisemitismus übernehmen und zurücktreten. Jüdische Institutionen in Deutschland haben seit Monaten vor der antisemitischen Gesinnung des Kuratorenkollektivs gewarnt.
Schormanns Erklärung, die Geschäftsführung der Documenta lasse sich künstlerische Exponate nicht vorab zur Prüfung vorlegen, erscheint nach einer monatelangen Diskussion über Antisemitismus in der Kunst wie ein Missbrauch der Kunstfreiheit. Judenhass lässt sich nicht relativieren. Die antisemitische Kunst muss abgehängt werden, und die Verantwortliche muss gehen.
Korrespondent Sebastian Engelbrecht
Korrespondent Sebastian Engelbrecht
Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.