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StartseiteInterview"Die Türkei missbraucht willkürlich internationales Recht"25.08.2017

Dogan Akhanli"Die Türkei missbraucht willkürlich internationales Recht"

Der in Spanien festgenommene deutsch-türkische Autor Dogan Akhanli hofft, dass ein mögliches Verfahren gegen ihn Aufmerksamkeit auf das Vorgehen der Türkei gegen Oppositionelle im Ausland lenken wird. Er rechnet nicht mit seiner Auslieferung, sagte er im Dlf. Die Vorwürfe gegen ihn seien erfunden und vor der Weltöffentlichkeit nicht zu halten.

Dogan Akhanli im Gespräch mit Sandra Schulz

Dogan Akhanli während einer Pressekonferenz in Madrid im August 2017 (imago stock&people)
"Wenn sie auch mit der Antragstellung so schlampig arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein spanischer Richter überzeugt ist", sagte Doghan Akhanli über die Erklärung vom Innenministerium in einer türkischen Zeitung. (imago stock&people)
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Sandra Schulz: Wie geht es Ihnen?

Dogan Akhanli: Jetzt geht es mir besser. Ich habe meinen Schock fast überwunden und da es unglaubliche Solidarität gibt in Deutschland und aber auch europaweit, das hat meine Situation verbessert, gefühlsmäßig, dass ich nicht einsam bin und dass dieses Auslieferungsgefühl nicht mehr da ist.

Schulz: Ist es denn jetzt so, dass Sie sich in Madrid völlig frei bewegen können, oder gibt es da noch Auflagen?

Akhanli: Nur montags muss ich mich melden. Sonst kann ich mich frei bewegen und bewege ich mich auch frei.

Schulz: Und Sie können das Land verlassen. Könnten Sie jetzt nach Deutschland reisen?

Akhanli: Offiziell gesehen darf ich Spanien nicht verlassen. Ich kann nur abhauen, aber ich will ja nicht. Nach so viel Wirbel und der Krise will ich natürlich hier bleiben und diesen Prozess erleben, mit der Hoffnung, dass die Menschen auch erfahren, dass es kein Einzelfall ist, dass die Türkei willkürlich ein internationales Recht missbraucht.

"Von den deutschen Behörden hat mich keiner gewarnt"

Schulz: Wie erleben Sie jetzt die Betreuung durch die deutsche Botschaft?

Akhanli: Sehr gut.

Schulz: Herr Akhanli, Sie haben gesagt, Sie dachten, in Europa seien Sie sicher.

Akhanli: Ja.

Schulz: Das heißt, Sie haben keine Warnung bekommen, bevor Sie nach Spanien gereist sind oder früher?

Akhanli: Nein, leider nicht. Ich habe auch in der Presse gelesen, dass angeblich die Türkei 2013 den Auslieferungsantrag gestellt hat. Von den deutschen Behörden hat mich keiner gewarnt, dass ich in anderen Ländern in Gefahr bin.

Schulz: Und wie war das? 2013 gab es ja die Entscheidung in der Türkei, Ihr Verfahren noch mal aufzurollen. Wie haben Sie da reagiert? War das da eine Idee, mal auf die deutschen Behörden zuzugehen und zu fragen, was heißt das für mich? Kann das jetzt für mich gefährlich werden, wenn ich ins Ausland reise?

Akhanli: Ja, das war vielleicht auch meine Naivität. Rückblickend würde man auch sagen, dass dies auch mein Fehler war, dass ich gar nichts unternommen habe.

Schulz: Sie sind bisher aber auch in Europa immer frei herumgereist und da war nie was, oder?

Akhanli: Ich habe überall gereist in Europa, auch nach Israel und nach Armenien gereist, auch nach Russland. Nirgendwo ist ein Problem passiert. Deshalb hat mich das in Spanien auch überrascht. Ich dachte, vielleicht wenn es einen internationalen Haftbefehl gibt, dann kann ich in Gefahr außerhalb Europas sein. Ich dachte, ich bin Deutscher, wenn ein europäisches Land mich aus irgendeinem Grund festnimmt, dann sagen sie den deutschen Behörden Bescheid, dass ich festgenommen worden bin, und dann vielleicht lassen sie mich wieder frei.

Schulz: Wenn man das jetzt so zusammennimmt - Sie schildern das so: Sie sind nicht gewarnt worden. Deutschland hätte offenbar auch bei Interpol die Möglichkeit gehabt, einen Hinweis zu hinterlegen, dass es sich in Ihrem Fall, in Ihrem Verfahren sehr wahrscheinlich um politische Verfolgung gehandelt hat. Wie groß ist da jetzt Ihre Enttäuschung, dass nichts von dem passiert ist?

Akhanli: Das weiß ich nicht ganz genau. Das können nur die deutschen Behörden sagen, was sie unternommen haben oder ob sie gar nichts unternommen haben. Natürlich wäre es enttäuschend für mich, wenn tatsächlich Deutschland mich nicht gewarnt hat. Vielleicht haben sie das deshalb vernachlässigt, weil sie glaubten, in Deutschland passiert ja nichts. Aber man hat auch nicht gedacht, dass ich in andere Länder fahre.

"Sie können mich nicht mit einem erfundenen Vorwurf verurteilen"

Schulz: Das ist jetzt in dem Moment noch nicht geklärt. Diese Fragen an die deutschen Behörden, die wird es sicherlich auch geben. Jetzt gibt es mehrere Äußerungen von Juristen hier in Deutschland, die sagen, das ist eigentlich nicht vorstellbar, dass Spanien ausliefert. Wie groß ist Ihre Sorge, wie groß ist Ihre Unsicherheit mit Blick auf diese Auslieferung?

Akhanli: Ich habe auch dieselbe Hoffnung oder Ansicht, dass fast ausgeschlossen ist, dass Spanien mich ausliefern wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Türkei einen korrekten Antrag stellen kann. Gestern habe ich in einer türkischen Zeitung auch die Erklärung vom Innenministerium studiert und geguckt. Faktisch gesehen war das eine Katastrophe, was sie über mich geschrieben haben. Wenn sie auch mit der Antragstellung so schlampig arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein spanischer Richter überzeugt ist.

Auf der anderen Seite: Das ist nicht nur mein Problem, wenn sie mich ausliefern. Das ist jetzt etwas sehr politisiert, die Situation, wenn sie wegen demselben Vorwurf mich in die Türkei ausliefern und dass ich auch im Gefängnis sein muss. Natürlich kämpfe ich und bereite ich mich vor auf einen politischen Prozess und in diesem Prozess kann die Türkei auch Schiffbruch erleiden und es kann sehr peinlich sein, meiner Meinung nach. Sie können nicht mit einem erfundenen Vorwurf mich verurteilen vor der Weltöffentlichkeit. Diese Sache ist so internationalisiert, da wird auch die Türkei jetzt, wenn sie unbedingt mich wieder zurück haben wollen, vor der Weltöffentlichkeit diesen Prozess durchführen müssen - oder die Weltöffentlichkeit ausschließen und mich sozusagen lebenslang ins Gefängnis stecken. Das kann auch sein.

Schulz: Was ist Ihre Einschätzung? Was will Ankara jetzt mit diesem Prozess gegen Sie zeigen?

Akhanli: Ich spüre, wenn ich die türkischen Berichte über meine Festnahme in Spanien lese, lese ich ziemlich unsicheren Auftritt von der türkischen Seite, weil sie wissen, dass die Begründung der Auslieferung eine erfundene Begründung ist. Sie wissen das ganz genau. Sie können deshalb auch nicht so aggressiv auftreten. Und die Leute, die mich verurteilen möchten, sind ja jetzt als Putschist sozusagen auch verfolgt. Dieser Prozess ist so kompliziert für die türkische Regierung, dass sie wirklich nicht wünschen, dass sich so ein Prozess wiederholt.

"Wahrscheinlich bin ich vorsichtiger"

Schulz: Sagen Sie uns doch noch: Was heißt das jetzt für Sie für die Zukunft? Werden Sie sich künftig vorsichtiger bewegen? Werden Sie genauer nachfragen bei deutschen Behörden? Werden Sie noch Flugtickets für Ziele in Europa buchen?

Akhanli: Ja, das ist wirklich eine interessante Wirkung. Als ich in der Zelle war, dachte ich, wenn ich wieder in Deutschland bin, dann fahre ich nirgendwo hin. Das war der erste Gedanke von mir. Jetzt natürlich ist das ein so unglaubliches Unrecht, weil ein Land, das gerade nur willkürlich handelt, dass ich nur innerhalb der deutschen Grenzen in Sicherheit bin, ist peinlich für Europa, meiner Meinung nach. Aber wahrscheinlich bin ich vorsichtiger.

Schulz: Was raten Sie Menschen in ähnlicher Situation?

Akhanli: Ich würde sagen, dass die politisch verfolgten Menschen aus der Türkei, insbesondere die Kurden, die willkürlich auf der roten Liste sind von Interpol, dass sie alle Widerspruch einlegen. Ich glaube, viele Leute sind weggegangen und dass sie es geschafft haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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