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StartseiteHintergrundUmbruch im deutschen Gesundheitswesen25.03.2021

Doktor DigitalUmbruch im deutschen Gesundheitswesen

Die Corona-Pandemie hat der Telemedizin einen kräftigen Schub gegeben: Immer mehr Ärzte bieten Online-Sprechstunden an, die von Patienten auch stark nachgefragt werden. Und mehr Unternehmen drängen auf den Markt.

Von Nikolaus Nützel

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Eine Fachärztin für Allgemeinmedizin demonstriert in ihrer Praxis den Ablauf einer Videosprechstunde (picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)
Videosprechstunden boomen (picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)
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 "Am Anfang hatte ich ein oder zwei Sprechstunden pro Woche. Ich biete jetzt jeden Tag eine Stunde an, und die sind alle ausgebucht, immer." Markus von Specht kann von sich sagen, dass er beim Thema Video-Sprechstunden ganz vorne mit dabei war. Vor rund sechs Jahren fing der Münchner Hausarzt an, seine Patienten auch online zu behandeln. Damals war das noch eine Sonderform der Telefonberatung, denn die Ärztekammern haben den Weg für die Erweiterung der Arztpraxen ins Internet vor 2018 nicht wirklich freigemacht.

Einen Schub bekamen die Online-Sprechstunden erst durch die Corona-Pandemie: Im zweiten und dritten Quartal des Jahres 2019 hat das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung nur wenige tausend Videosprechstunden gezählt. Im Sechsmonats-Zeitraum ein Jahr später waren es 1,7 Millionen. Und es seien nicht nur junge, digital-affine Patienten, die sich der neuen Technik öffnen, berichtet der Arzt Markus von Specht: "Das ist auch gar nicht selten, dass da die die ältere Dame sitzt, und der Enkel oder der Sohn irgendwo im Hintergrund dann die die Technik liefert und wir dann konferieren. Also, ich finde es total faszinierend, dass das wirklich funktioniert, und das findet gute Akzeptanz."

Zwei Krankenpfleger arbeiten in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation des Uniklinikums Essen, in dem ein Corona-Patient aus Frankreich behandelt wird.  (picture alliance / dpa / Marcel Kusch) (picture alliance / dpa / Marcel Kusch)Telemedizin in der Coronakrise - Mit dem Roboter auf Visite
Dass Deutschland im Vergleich so glimpflich durch die Coronakrise gekommen ist, liegt für viele Ärzte auch an der Qualität der medizinischen Versorgung. An der Berliner Charité beispielsweise können Intensivmediziner mithilfe eines Roboters auch an Visiten in entfernten Krankenhäusern teilnehmen.

Bei dem Münchner Arzt, wie bei vielen seiner Kolleginnen und Kollegen, stehen bei den Online-Sprechstunden oft Erkältungskrankheiten, Rückenschmerzen oder Hautprobleme im Mittelpunkt. Er kann aber auch ein anderes Beispiel nennen, bei dem die Videobehandlung einen echten Vorteil bot: "Ein Patient hatte sich in den Finger geschnitten und hatte so ein Stück Haut abgetrennt. Und da hat er gesagt, können wir schnell eine Videosprechstunde machen, bevor ich mich jetzt drei Stunden ins Klinikum rechts der Isar setze, und hier den Finger anschauen lasse und klären lasse, ob sich dieses Stück noch mal annähen lässt. Können Sie mir sagen, bringt das was."

Videoschalte mit Hautfetzen

Ein kurzer Blick auf den Bildschirm sagte dem Arzt mehr als er am Telefon jemals hätte erfragen können. "Ich habe mir den Finger angeschaut, der hatte dann auf so einer weißen Serviette diesen Hautfetzen, und das war mir von vornherein klar, dass der nicht mehr anzunähen ist, dass die Verletzung aber jetzt auch nicht so gravierend war, das konnte ich so beurteilen. Und ich habe ihm gesagt, nein, das musst du nicht machen, du kannst beruhigt zu Hause bleiben. Und er war glücklich und zufrieden und das hat alles einen guten Sinn gehabt."

Sich mit einer beliebigen Videoplattform zusammenzuschalten, ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht erlaubt. Arztpraxen müssen sich für einen zertifizierten Anbieter entscheiden. Markus von Specht hat einen Vertrag mit der deutschen Tochter der französischen Firma Doctolib. Nach eigenen Angaben betreut das Unternehmen in ganz Europa 140.000 Ärzte, 11.000 davon in Deutschland. Doctolib ist erst acht Jahre alt. Der Markt der digitalen Medizin ist in Bewegung.

ILLUSTRATION - Ein Mann und eine Frau nutzen am 15.11.2018 in Hamburg einen Laptop (gestellte Szene). Foto: Christin Klose (dpa Themendienst) (dpa Themendienst)Chancen und Risiken der Online-Therapie Per App zur besseren Psychotherapie? Online-basierte Angebote für Kinder können die Versorgung verbessern und Therapien effektiver machen – zum Beispiel, indem sie an Therapieaufgaben erinnern. Doch noch fehlen Qualitätsstandards – im schlimmsten Fall kann das zu falschen Selbstdiagnosen führen.

"Mein Name ist Monika Gratzke. Ich bin medizinische Direktorin bei der Firma Kry." Das Gesicht von Monika Gratzke könnten Anfang des Jahres Millionen Deutsche gesehen haben. Das schwedische Unternehmen Kry hat ein Bild von ihr im weißen Kittel auf Plakaten und in Zeitungsanzeigen verwendet, um auch für sein deutsches Tochterunternehmen mit Sitz in Berlin neue Kunden zu gewinnen.

Gratzke ist Fachärztin für Anästhesie, Notfall- und Intensivmedizin und arbeitet an zwei Tagen in der Woche in einer Hausarztpraxis in München. Den größeren Teil ihrer Zeit verbringt sie aber damit, als Medizinische Direktorin bei Kry, Kollegen von den Chancen zu überzeugen, die es ihrer Ansicht nach bietet, sich einem Online-Portal anzuschließen:

"Dass wir dem Kollegen neue Patienten bringen, die eben nicht seine Bestandspatienten sind. Und dass wir dem Arzt ermöglichen, dass er innerhalb der Sprechstunde bei Kry die gesamte Zeit sich nur auf den Patienten konzentrieren kann und die gesamte formelle und operative Zettelwirtschaft, die bei jedem Patienten mit dranhängt, die nehmen wir ihm ab."

Zahl der Sprechstunden geht in die Millionen

Während das französische Unternehmen Doctolib vor allem Videosprechstunden mit Patienten organisiert, die Ärztinnen und Ärzte ohnehin schon in ihrer jeweiligen Datenbank haben, setzt Kry auf ein anderes Modell: Es vermittelt Patienten, die ihre Wohnung nicht verlassen wollen oder können, an Ärzte, die das Unternehmen in einem Pool versammelt. Für die Patienten ist das kostenlos. Ihre Behandlung wird ganz normal über die jeweilige Kasse abgerechnet. Von den Ärzten verlangt das Unternehmen zwischen 2,49 Euro bis 6,79 Euro pro Behandlung für seine Dienstleistungen. Dazu kommen Grundgebühren zwischen knapp 40 und 60 Euro pro Monat. Bislang haben sich in Deutschland erst weniger als hundert Mediziner von dem schwedischen Modell überzeugen lassen. International sind es über 1.300.

Und die Zahl der Sprechstunden gehe in die Millionen, sagt Monika Gratzke. "Wir haben aus den mittlerweile über drei Millionen Sprechstunden, die wir weltweit durchgeführt haben, sehr genau gelernt, bis wo die Grenzen der Qualität zu setzen sind, wo wir den Patienten noch helfen können."

Für Aufsehen in der Medizin-Branche hat es gesorgt, dass es dem vergleichsweise jungen Unternehmen Anfang Januar gelungen ist, 140 Millionen Euro von Investoren einzusammeln, darunter ist der größte Pensionsfonds Kanadas. Monika Gratzke weiß, dass es bei manchen Ärzten und Patienten Unbehagen auslöst, wenn die deutsche Gesundheitsversorgung als Investitionsobjekt internationaler Großunternehmen gesehen wird. Aber dieses Unbehagen sei nicht begründet, versichert sie:

"Das Gesundheitswesen ist ein Industriesektor, in dem wir schon seit langer Zeit private Investoren haben. Das heißt, was wir machen, ist nicht neu, dass privates Geld ins Gesundheitswesen fließt. Und das Gute an der Sache ist, dass Geld ja eine unglaubliche Chance bietet. Wenn wir als Kry-Unternehmen Geld haben, können wir Technologien umsetzen, die im Endeffekt zu einer besseren Versorgung der Patienten im deutschen Gesundheitswesen führen."

Das digitale Kassenrezept

Das Versprechen einer besseren Versorgung durch Online-Medizin hat bis vor etwa einem Jahr allerdings noch recht wenige Deutsche überzeugt. Firmen wie Doctolib oder Kry gehören inzwischen aber zu den Unternehmen, die eindeutig von der Corona-Pandemie profitiert haben – ebenso wie das Münchner Unternehmen Teleclinic, das nach Aussage seiner Geschäftsführerin Katharina Jünger Marktführer in Deutschland ist – allerdings nennt sie keine genauen Zahlen.

"Ich gehe davon aus, dass Corona Deutschland ungefähr so fünf Jahre in die Zukunft katapultiert hat. Also, dass sozusagen die Nutzung, die wir jetzt auch nach der Corona-Krise sehen, ungefähr fünf Jahre gebraucht hätte, sich so zu entwickeln, ohne die Corona-Krise."

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei der Pressekonferenz (dpa / Annette Riedl)Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) (dpa / Annette Riedl)

In der schnelllebigen Online-Welt sind fünf Jahre eine lange Zeit. Es ist gerade sechs Jahre her, dass Katharina Jünger die Teleclinic GmbH gegründet hat, mit damals 24 Jahren. Man merkt ihr eine gewisse Ungeduld an, wenn sie über die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens redet. Sie freut sich, dass die berufsrechtlichen Hürden inzwischen beseitigt sind, die Online-Behandlungen bis vor drei Jahren eingeschränkt oder ganz verhindert haben. Aber am Ende eines Arztgespräches stehe oft ein Arzneirezept, sagt Jünger. Und das gibt es für Kassenpatienten immer noch nicht in digitaler Form.

"Das wichtigste Thema für uns, für die Telemedizin, ist auf jeden Fall das digitale Kassenrezept. Und da eiern wir jetzt schon seit Jahren rum. Und ich hoffe jetzt, dass es dieses Jahr etwas wird."

Onlinebehandlungen sollen erleichtert werden

Jünger setzt daher Hoffnungen auf ein Projekt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit dem etwas sperrigen Namen Digitale-Versorgungs-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz, kurz DVPMG. Das Gesetz, das jetzt in den Bundestag gekommen ist, soll unter anderem die Ausstellung elektronischer Kassenrezepte erleichtern. Und es soll Onlinebehandlungen auch in der Pflege oder für Hebammen ermöglichen. Von der Chefin der Teleclinic gibt es dafür Applaus.

"Also ich habe selber erlebt, wenn man schwanger ist, dann ist man halt nicht so flott auf dem Fahrrad noch mal beim Arzt, sondern es ist einfach cool, wenn man Fragen von Zuhause beantwortet bekommt. Und wenn das Kind mal da ist, gerade in den ersten vier Wochen ist es auch so, dass man nicht so flexibel ist mit einem kleinen Kind. Und auch dann ist es total cool, wenn man die Hebamme einfach per Video zuschalten kann und noch mal Rückfragen stellen kann."

Auch der Zugang zu sogenannten Digitalen Gesundheitsanwendungen, kurz Diga, soll leichter werden. Das sind beispielsweise Apps, bei denen Patienten übers Smartphone oder am Computer Hilfe beim Umgang mit psychischen Problemen, mit Übergewicht oder auch mit einer Tinituserkrankung erhalten. Ein Teil dieser Diga ist als Medizinprodukt zertifiziert und kann nach Ansicht etlicher Mediziner - und auch Krankenkassen - Patienten in bestimmten Fällen gute Unterstützung bieten. Doch sonderlich weit verbreitet seien die Diga noch nicht, beklagt Katharina Jünger. Auch hier hofft sie, dass das neue Gesetz frischen Wind bringt.

Apothekerin steht mit einem Rezept vor einem Computerbildschirm, Symbolbild Lieferengpässe von Medikamenten  (dpa/Andreas Arnold)Das alte Papier-Rezept soll es auch digital geben (dpa/Andreas Arnold)

"Ich gehe zu meinem Arzt, der Arzt hat davon noch nie gehört. Dann soll der mir irgendwas verschreiben Dann ist es ungeklärt, wie er es verschreiben soll. Es gibt ja noch kein digitales Rezept, mit dem eine Diga verschrieben werden kann. Deswegen genügt da jetzt ein Arztbrief. Dann muss ich damit wieder zu meiner Krankenkasse. Der Servicemitarbeiter bei der Krankenkasse weiß auch nicht, was so eine Diga ist. Bis ich dann endlich mal meine Diga habe."

Das Digitale-Versorgungs-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz könne also viel Gutes für Patientinnen und Patienten schaffen, glaubt die Chefin der Teleclinic GmbH. Sie macht aber auch kein Geheimnis daraus, dass sie sich Gesetzesänderungen wünscht, damit ihre Firma noch leichter Patienten und Ärzte bei Online-Sprechstunden zusammenschalten kann. "Weil wir uns ja komplett auf Deutschland konzentrieren und den Anspruch haben, in diesem immer noch sehr jungen Markt, die klare Nummer eins für den Online-Arztbesuch zu sein."

Anreiz, viele Medikamente zu verschreiben?

Über der selbsterklärten Nummer eins für den Online-Arztbesuch in Deutschland steht allerdings seit dem vergangenen Sommer ein anderes Unternehmen. Die Schweizer ‚Zur Rose Group‘ hat die Teleclinic vor rund einem dreiviertel Jahr übernommen. Der Zukauf hat im Gesundheitswesen für Aufsehen gesorgt. Denn die ‚Zur Rose Group‘ ist nach eigenen Angaben mit ihren verschiedenen Tochterfirmen europaweiter Marktführer im Arznei-Versandhandel. Auch die in Deutschland bekannte Versandapotheke DocMorris gehört zu der Unternehmensgruppe. Aus der Ärzteschaft kamen Warnungen, dass Mediziner, die über die Teleclinic GmbH indirekt mit der ‚Zur Rose Group‘ zusammenarbeiten, künftig einen Anreiz haben könnten, möglichst viele Medikamenten zu verordnen, die die Patienten dann über die Online-Apotheken der ‚Zur Rose Group‘ bestellen. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, teilt diese Bedenken.

Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen (picture-alliance/Geisler-Fotopress) (picture-alliance/Geisler-Fotopress)Digitalisierung in der Medizin - "Der Kern von Humanmedizin ist menschliche Zuwendung"
Die Digitalisierung in der Medizin habe viele Vorteile gebracht, sagte der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen im Dlf. Doch ein Algorithmus könne ein gutes Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen. Zwischenmenschliches lasse sich nicht digitalisieren.

"Das sehe ich hochkritisch. Weil ich finde, dass dort aus meiner Sicht zumindest, der der immanente und ständige Verdacht im Raum steht, dass ein Zielkonflikt besteht zwischen dem, der ärztlich handelt, und denen, die sozusagen drumherum die Dinge organisieren. Also das weiß ich auch gar nicht, ob das dauerhaft rechtlich Bestand haben kann, muss ich Ihnen ehrlich sagen. Jedenfalls sind wir bemüht, uns damit auseinanderzusetzen."

Die Bundesärztekammer prüfe rechtliche Schritte gegen diese neue Zusammenarbeit in der Online-Medizin, erklärt der Ärztepräsident. Die Geschäftsführerin der Teleclinic GmbH, Katharina Jünger, zeigt sich allerdings gelassen. "Ich verstehe, dass da mit dem Finger darauf gezeigt hat und gesagt hat, Achtung, Achtung, passt auf. Aber selbstverständlich passen wir da auf. Und wir wären ja selber blöd, wenn wir da sozusagen jetzt Fehler machen würden."

Rückendeckung bekommen Firmen wie die Teleclinic vom Digital-Branchenverband Bitkom. Dessen Geschäftsführer, Bernhard Rohleder, sieht durch Online-Sprechstunden und Telemedizin nicht nur die Möglichkeit möglichst bequem und ohne Ansteckungsgefahr mit Ärzten Kontakt aufzunehmen. Er hat auch eine andere Hoffnung:

"Dass wir hochspezialisierte medizinische Leistungen auch in die aktuell unterversorgten Regionen auf dem Land (bekommen, dort wo wenig Menschen leben, wo es wenige Krankenhäuser gibt, dass wir auch in diese Regionen auf hochspezialisierter Basis hochwertige Leistungen bringen werden."

Mobiltelefone und psychische Probleme

Der Geschäftsführer des Digitalverbandes Bitkom sieht dabei grundsätzlich kein Problem darin, dass es inzwischen vor allem Firmen mit Sitz im Ausland sind, die den deutschen Markt der Online-Medizin bearbeiten. Aber er wünscht sich, dass es auch mehr Initiative aus dem Inland gibt.

"Gelingt es uns, hier in Deutschland diese Angebote den deutschen Patientinnen und Patienten zugänglich zu machen und gleichzeitig aus Deutschland heraus eigene Angebote zu entwickeln, und die durchaus auch international erfolgreich zu positionieren?"

Der Fantasie von Technikern sind dabei kaum Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, neue Gesundheitsangebote zu entwickeln. Ein Baustein etwa ist die Messung von Blutdruck oder Herzfrequenz über sogenannte Smart Watches. Mobiltelefone können aus der Stimmlage ihrer Nutzer Rückschlüsse auf psychische Probleme ziehen. Amerikanische Großkonzerne wie Apple und Google experimentieren schon seit etlichen Jahren an entsprechenden Technologien. In Deutschland spielen sie damit aber bislang noch kaum eine Rolle.

Die Chefin des Video-Sprechstundenanbieters Teleclinic, Katharina Jünger, glaubt aber, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert. "Der Gesundheitsmarkt ist sicherlich einer der spannendsten noch kaum digitalisierten Märkte weltweit. Und deswegen werden dann natürlich auch Amazon und Google oder Apple stark reingehen."

Das Apotheken-Logo erscheint auf einem Smartphone. Im Hintergrund ist eine Apotheke zu erkennen. (imago/ Future Image/C. Hardt) (imago/ Future Image/C. Hardt)"Digital Ratgeber" - Die Online-Gesundheitswelt
In vielen Apotheken liegt inzwischen eine ganze Reihe von Zeitschriften zum Mitnehmen aus – neu hinzu kommt jetzt der "Digital Ratgeber". Darin geht es um Gesundheits-Apps, elektronische Rezepte und digitale Medizin. Doch das Geschäftsmodell des verantwortlichen Verlages ist umstritten.

Auch beim Münchner Online-Gesundheitsdienstleister Jameda ist man sicher, dass die vier Großkonzerne der weltweiten Online-Industrie, also Google, Apple, Facebook und Amazon, den deutschen Gesundheitsmarkt im Visier haben.

Jameda hat seit seiner Gründung vor 14 Jahren viele Erfahrungen mit den Besonderheiten des deutschen Gesundheitswesens sammeln können. Inzwischen bietet das Unternehmen, das seit fünf Jahren zum Medienkonzern Burda gehört, auch die Vermittlung von Videosprechstunden an. Gestartet ist Jameda aber als Online-Arztbewertung. Über viele Jahre hinweg war das Unternehmen immer wieder in Rechtsstreitigkeiten mit Ärzten und Zahnärzten verwickelt, die sich gegen die Bewertung im Internet zur Wehr setzten. Auch viele Vertreter von Ärzte- und Zahnärztekammern sahen die Arbeit von Jameda oft kritisch.

Geschäftsfeld Impfmanagement

Inzwischen aber sei Jameda an vielen Stellen des Gesundheitswesens als unternehmerischer Partner akzeptiert, sagt der Geschäftsführer Florian Weiß. "Wir arbeiten derzeit sehr, sehr intensiv an einer Lösung zum Impfmanagement rund um Corona. Wir möchten jetzt alle Arztpraxen in Deutschland mit einer Lösung ausstatten, die es ihnen einfacher ermöglicht, auch Impftermine zu vereinbaren, aber nicht nur die Impftermine zu vereinbaren, sondern auch den Impfstoff-Bedarf zu ermitteln und dann auch wichtige Dokumente mit dem Patienten zu teilen, vielleicht aber auch mit dem RKI zu teilen."

Jameda wisse inzwischen, wie die 17 Ärztekammern mit den Kassenärztlichen Vereinigungen, den mehr als hundert gesetzlichen Krankenkassen und den Gesundheitsministerien auf Bundes- und Landesebene zusammenwirken, an denen wiederum Institute und Ämter hängen, wie das Robert-Koch-Institut oder die Gesundheitsämter, sagt Weiß. Manager internationaler Großkonzerne täten sich hingegen schwer, entsprechende Lösungen zu entwickeln.

"Und das ist etwas, was sehr, sehr schwer von Google beispielsweise oder Apple weltweit auszurollen wäre, weil jedes Land, hier in Deutschland schon jedes Bundesland, oft andere Voraussetzungen stellt. Und deshalb, glaube ich, ist das derzeit noch ein Markt, in dem diese Spieler in den nächsten, sagen wir, zwölf bis 18 Monaten noch eine geringere Rolle spielen werden."

Digitale Lösungen, um Corona-Impfungen besser zu organisieren, wären aber nur eine Ergänzung zum Kerngeschäft von Jameda. Das soll nach den Worten des Geschäftsführers Florian Weiß vor allem darin bestehen, Ärzte und Patienten zusammenzubringen. Patienten sollen Ärzte online suchen, online Termine vereinbaren, online Kontakt aufnehmen – und online gegebenenfalls hinterher den Arzt oder die Ärztin bewerten. Das habe aber nichts mit einer kühlen Technisierung der Behandlung zu tun, betont Weiß:

"Die Beziehung Arzt und Patient ist natürlich eine sehr intime auch. Und da möchte ich wissen, welcher Mensch tritt mir dort gegenüber? Dafür, glauben wir, helfen Erfahrungsberichte von Patienten. Dazu gehören aber auch ganz, ganz viele andere Themen. Dann muss es möglich sein, dass beide Parteien auch miteinander digital kommunizieren können, auch schon vor dem Termin. Dann möchte der Patient vielleicht vor dem Termin schon einen Aufklärungsbogen zugeschickt bekommen, vielleicht nach dem Termin noch mal befragt werden, wie denn die Behandlung verlaufen ist. Also wir glauben, dass diese Beziehung im Mittelpunkt steht. Das ist auch das, was uns als Unternehmen umtreibt, weil das in Zukunft aus unserer Sicht viel, viel wichtiger werden wird."

Die neuen Regeln zu Online-Behandlungen, zu elektronischen Rezepten oder digitalen Gesundheits-Apps, die Bundesgesundheitsminister Spahn jetzt durchs Parlament bringen will, sind nach Ansicht des Jameda-Geschäftsführers eine wichtige Voraussetzung, damit Ärzte und Patienten besser übers Internet in Kontakt treten können. Das, was der Gesetzgeber an Voraussetzungen schafft, sei aber nur ein Teil der Entwicklung, glaubt Florian Weiß.

"Ich bin grundsätzlich der Überzeugung, dass Innovationen immer in allen Märkten vom Konsumenten vom Verbraucher aus getrieben werden. Und ich glaube, das gilt auch in diesem Falle. Es muss eine Nachfrage geben auf Seiten des Patienten. Der Patient muss erkennen, dass er einen Vorteil dadurch hat. Und dann muss er diese Themen einfordern. Und ich glaube schon, dass auch bedingt durch die Corona-Pandemie die Hemmschwellen seitens der Politik, aber auch seitens der Ärzteschaft zur Nutzung dieser digitalen Services gesunken sind, und dass deshalb Patienten auch die Chance haben, diese Themen stärker einzufordern."

Kritik an "Kommerzialisierung der Medizin"

In seiner Praxis im Münchner Stadtteil Pasing schaut Markus von Specht etwas skeptisch, wenn die Begriffe "Patient" und "Konsument" im gleichen Atemzug genannt werden. Er war zwar einer der ersten Ärzte in Deutschland, die Videosprechstunden angeboten haben, aber es sei ihm von Anfang an vor allem darum gegangen, mit seinen Stamm-Patienten Kontakt zu halten, sagt der Hausarzt:

"Ich tue mich mit der Videosprechstunde leichter, wenn ich die Menschen kenne, mit denen ich zu tun habe. Wenn ich die vorher schon mal gesehen habe, wenn ich um deren Probleme weiß. Ich kann es dann über den Bildschirm viel, viel besser einsortieren, was sie für Beschwerden haben, wie es ihnen geht. Ich habe mir immer gedacht, wenn es Menschen sind, die ich gar nicht kenne, tue ich mich unglaublich schwer.

Die deutsche Tochter des französischen Anbieters Doctolib, über die von Specht seine Online-Sprechstunden organisiert, passt seiner Ansicht nach deshalb gut zu seiner Herangehensweise. Hinter Doctolib steht kein größeres Mutter-Unternehmen, wie etwa der Schweizer Arznei-Vertrieb ‚Zur Rose Group‘, der hinter dem Portal Teleclinic steht, oder die Mediengruppe Burda, zu der das Portal Jameda gehört. Mit europaweit 1.600 Mitarbeitern in 40 Städten ist Doctolib zwar deutlich mehr als ein Nischenanbieter, aber immerhin sei es noch kein branchenübergreifender Großkonzern, denn mit einem solchen würde er sich nicht gerne verbünden, sagt von Specht.

"Ich empfinde sowieso diese Kommerzialisierung der Medizin als sehr problematisch, die wir in ganz vielen Bereichen schon erleben. Und gerade in dieser Form besteht einfach dann doch der Verdacht, dass finanzielle Interessen den größten Raum einnehmen, dass es nicht um die bessere Patientenversorgung geht, sondern dass es darum geht, möglicherweise doch viele schnelle, kurzlebige Patientenkontakte zu pflegen, die sich finanziell dann auszahlen. Und das ist nicht mein Ansatz der Medizin, den ich habe."

Wobei auch die Chefs von Gesundheits-Onlineportalen wie Kry, Teleclinic und Jameda genau dasselbe für sich in Anspruch nehmen: Dass es ihnen um eine bestmögliche Patientenversorgung geht.

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