Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Freitag, 16.11.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteTag für TagAlles Sünderinnen!07.11.2018

Dokumentarfilm #Female PleasureAlles Sünderinnen!

Weibliche Lust ist verdächtig, zumindest in dem Film #Female Pleasure, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. Darin erzählen Frauen aus fünf Weltreligionen, von Begehren, Fruchtbarkeitsritualen und Gewalt.

Von Kirsten Dietrich

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Doris Wagner, Barbara Miller, Maria Furtwängler und Ann-Marlene Henning bei einer Podiumsdiskussion zum Dokumentarfilm "Female Pleasure - Wer hat Angst vor weiblicher Lust?" im Cinema Paris. Berlin, 24.10.2018 (imago / Future Image)
Doris Wagner, Barbara Miller, Maria Furtwängler und Ann-Marlene Henning bei einer Podiumsdiskussion zum Dokumentarfilm "Female Pleasure - Wer hat Angst vor weiblicher Lust?" (imago / Future Image)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

"Female Pleasure" beim Filmfestival in Locarno Gegen die Missachtung des weiblichen Körpers

Sexuelle Belästigung Indiens #metoo-Moment

Gleichberechtigung in Europa Vom Frauenwahlrecht zu #MeToo

#Metoo-Debatte Das komplizierte Verhältnis der Geschlechter

Mannsein Krieger, Magier und Metoo

Evangelikale in den USA Wenn MeToo die Bibel trifft

Vithika Yadav redet über Sex. Laut, öffentlich, ohne falsche Scham und auch ohne pornographische Absichten. Vithika klärt auf. Ich rede über Sexualität, sagt die junge Inderin, denn wenn man keine Worte dafür hat, hat man auch keine Worte, um über Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung zu reden. Vithika Yadav betreibt deswegen die Aufklärungsseite "Love Matters".

Dämonisierung weiblicher Sexualität

Sie sagt: In Indien gehe es bei Sexualität vor allem um das Begehren der Männer. Die meisten Frauen in Indien wüssten nicht, was Vergnügen bedeutet. Auch wenn ihr Film "Female Pleasure" heißt, "weibliches Vergnügen" oder auch weibliche Lust: das ist für Regisseurin Barbara Miller keine Tatsachenfeststellung, sondern ein Auftrag:

"Um zu sagen, dass wir leider noch nicht an dem Punkt sind, dass weibliche Lust als etwas normales und als wichtiges Ziel auch beim sexuellen Umgang angeschaut wird, sondern dass da leider noch ein großer Weg zu gehen ist."

Deswegen steht auch das Hashtag-Zeichen # vor dem Titel, das Zeichen für Kampagnen in sozialen Medien wie Twitter.

Miller: "Ich habe mich gefragt, weshalb eigentlich auf der ganzen Welt, je nach Kultur etwas unterschiedlich, immer noch ein Problem ist, eine Frau zu sein. Und einen weiblichen Körper zu haben, also woher die Dämonisierung weiblicher Sexualität kommt, und bin dann eigentlich auf die fünf Weltreligionen gestoßen, die alle in ihren Schriften leider auch Tendenz haben zu sagen: ja, weiblicher Körper, die weibliche Sexualität, ist schlecht, ist, was Sünde in die Welt gebracht."

Religiöse Entwertung der Weiblichkeit

Die Schweizer Regisseurin Barbara Miller hat für ihren Film fünf Frauen aus den fünf großen Weltreligionen begleitet: neben der Hinduistin Vithika Yadav die ehemalige christliche Nonne Doris Wagner, die von einem Priester missbraucht wurde, und Deborah Feldman, die sich aus den Zwängen einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinschaft befreit hat.

Die Muslimin Leyla Hussein wurde als Kind in Somalia genital verstümmelt, und kämpft seitdem gegen diese Praxis, von der geschätzte 200 Millionen Frauen weltweit betroffen sind. Die japanische Künstlerin Rokudenashiko schließlich fertigt aus Abdrücken ihrer Vulva wirklich bezaubernde und auch witzige Skulpturen und wurde deshalb wegen Obszönität verklagt, während gleichzeitig shintoistische Fruchtbarkeitskulte den Penis feiern. Die indische Aufklärerin Vithika Yadav fasst die Rolle der Religion für die weibliche Sexualität so zusammen: Religion ist einer der größten Mörder weltweit, so Yadavs provokante These.

"Die Bibel wurde lange benutzt, um die Frau als Sünderin zu entwerfen." Die ehemalige Nonne Doris Wagner erinnert sich im Film an den Beginn ihrer Zeit im Kloster.

"Die Schwester kam zu mir aufs Zimmer, mit so langem Unterkleid, und sagte: das tragen wir für unsere Mitbrüder. Mehr nicht gesagt, und ich verstanden, ok, ist für Priester wahrscheinlich schwierig, wenn mit Frauen im selben Haus zusammen, weil, das sind ja Frauen, und je weniger man das sieht, umso leichter ist für sie. Ich habe angefangen, mich zu schämen."

Kritik an Patriarchat und institutionalisierter Religion

Am Anfang des Ordenslebens stand die Verleugnung ihrer Weiblichkeit, am Ende die Vergewaltigung durch einen Priester, der straffrei ausging, erzählt Doris Wagner.

Regisseurin Barbara Miller zeigt in ihrem Film Frauen, deren Erfahrungen eher die religiösen Extreme berühren als den religiösen Alltag. Aber diese Extreme stehen immer noch für das Prägende an Religion, sagt Miller.

"Religion ist Teil Kultur, Gesellschaft geworden ist, insofern würde ich sagen, dass wir alle von Ideen noch geprägt sind und uns damit auseinandersetzen müssen."

Miller konzentriert sich auf die Frauen, nicht auf die Religion - die Verbindung ist loser, als das Filmkonzept nahelegt. Auch ist es fragwürdig, weibliche Genitalverstümmelung unterschiedslos mit der berühmt-berüchtigten Koransure zu verknüpfen, in der Männer zum Schlagen ihrer Frauen ermutigt werden. Genitalverstümmelung ist nicht Islam. Aber die generelle Diagnose bleibt: Zu weiblichem Begehren haben die Religionen dieser Welt wenig Positives zu sagen.

Barbara Miller: "Das ist sicher ein patriarchatskritischer Film - religionskritisch? Religionen nicht im Sinn von Glauben, sondern von Institutionen, die Menschen sagen, was richtig oder falsch ist, in einem Sinn, der die Rechte und Würde von Frauen verletzt, in dem Sinne ja."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk