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StartseiteInformation und Musik"Das Volk bin ich"21.04.2019

Dokumentarfilm über Populismus in Venezuela"Das Volk bin ich"

Wer mit dem Prinzip Vernunft groß geworden ist, steht fassungslos vor dem Erfolg populistischer Bewegungen in vielen Ländern. Das Phänomen ist nicht allein auf die USA und Europa beschränkt. Ein Dokumentarfilm versucht nun eine Erklärung am Beispiel Venezuela.

Von Burkhard Birke

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Regisseur Carlos Oteyza hat einen Dokumentarfilm über das Phänomen des Populismus gedreht (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
Regisseur Carlos Oteyza hat einen Dokumentarfilm über das Phänomen des Populismus gedreht (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
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In Gut und Böse teilt der Populismus die Welt. Und so hört man den 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez mit den Worten: "Entweder Ihr seid für oder gegen mich!" Hier der gute Präsident Chávez, der Erbe des legendären Simón Bolivar, Befreier Südamerikas vom Joch der Spanier; und auf der anderen Seite die bösen Imperialisten aus den USA - das Unternehmer- und Bürgertum -, die alle gegen die Interessen des Volkes arbeiten. Ja – das Volk: In Analogie zum Sonnenkönig Ludwig XIV, aus dessen Mund das Zitat 'Der Staat bin ich' stammte, beschwor Hugo Chávez immer wieder, er sei das Volk. Wohin das führen kann, zeigt der Dokumentarfilm von Carlos Oteyza gleich am Anfang: Menschen, die im Müll nach Essbarem suchen, Krankenhäuser in dekadentem Zustand, Menschen, die über Hunger und mangelnde Versorgung klagen: Das erdölreichste Land der Welt steht am Abgrund.

Regisseur Carlos Oteyza: "Das ist kein kämpferischer Film, sondern es geht darum, das Phänomen des Populismus und die Konsequenzen aufzuzeigen - und zwar am Beispiel Venezuelas. Aber es steht modellhaft für das, was in anderen Ländern passieren könnte."

Man nehme einen charismatischen Führer

Wer eine Chronologie des Aufstiegs von Hugo Chávez in allen Details erwartet, wird enttäuscht. Am Aufstieg des einstigen Putschisten Hugo Chávez zu einem der populärsten gewählten Präsidenten Venezuelas zeigt Oyteza aber, nach Kapiteln geordnet, die Mechanismen des Populismus auf.

Man nehme einen charismatischen Führer, kreiere ein Feindbild, identifiziere sich mit dem Volk, nicht mit Bürgern als individuell denkenden Wesen, schaffe ein Gemeinschaftsgefühl, attackiere und beschränke ganz allmählich die freie Presse, das freie Unternehmertum und die demokratischen Institutionen und kontrolliere die  tragenden Säulen der Gesellschaft: die Erdölproduktion und das Militär. Geschickt mischt Oyteza Originalton der Präsidenten Hugo Chávez und gegen Ende auch von Nicolas Maduro mit Archiv- und aktuellen Bildern und überlässt das Einordnen verschiedenen Politologen, Soziologen, Ökonomen und Historikern wie dem Mexikaner Enrique Krauze, der den Film mit produziert hat.

"Die Frage der Einkommensverteilung ist ein zentrales Thema für eine gerechte Gesellschaft. Der Populist verteilt im Gegenzug für politische Gefolgsamkeit", sagt Enrique Krauze. Bis auf den heutigen Tag funktioniert das System in Venezuela: Nur die Getreuen bekommen noch die sogenannten "Bolsas Clap", die subventionierten Lebensmittel. Chávez indes kam in einer Phase an die Macht, als die rein auf Erdöleinnahmen ausgerichtete venezolanische Wirtschaft in einer tiefen Krise steckte und profitierte später von einem nie dagewesenen Boom: "Chávez träumte davon, einen Sozialismus zu schaffen, in dem man nicht arbeiten musste. Das Land glaubte, man könne zu den glorreichen 70er-Jahren zurückkehren, weil Geld reinkam, aber Chávez hat es übertrieben."

Andere zentrale Themen als in Europa

Armut und Vermögensverteilung sind in einem Land wie Venezuela das zentrale Thema, das Populisten ausschlachten können.In Europa und den USA spielen Religion und Rasse zudem eine zentrale Bedeutung für den Aufstieg der Populisten. Parallelen zu populistischen Führern wie Trump in den USA oder Bolsonaro in Brasilien drängen sich auf, wenn der Film über den Umgang mit der Presse und der Wahrheit spricht:

"Wir verfolgen ein sehr ambitioniertes Entwicklungsprogramm für das Land, dafür benötigen wir Privatinitiative. Ich appelliere an alle: Ich bin doch nicht der Teufel, ich bin ein Mann, der brüderlich gemeinsam mit allen Ländern Lateinamerikas, den USA und der ganzen Welt zusammenarbeiten wird."

Diese Absichtserklärung des frisch gewählten Hugo Chávez enttarnt Carlos Oteyza durch Statistiken und Fakten als Lügen: Verstaatlichte Industrien, enteignete Bauern und Unternehmer, vor allem das Versagen des Staates als Unternehmer werden ebenso dargestellt wie systematische Attacken und Einschnitte in die Pressefreiheit: "Das Volk dürfe kein einziges Exemplar dieser Zeitungen kaufen … es würde schön manipuliert, 'El Tiempo' aus Kolumbien verstelle die Wahrheit, die Zeitung 'Nacional' sei Lakai des Imperialismus ..."

Vorgegaukelte Meinungsfreiheit

So wie Chávez damals attackiert auch Donald Trump heute die Presse, spricht ständig von Fake News.

Die Schwarz-weiß-Färbung ist in Venezuela extrem. Markenzeichen bei Chávez war zudem seine Omnipräsenz in den Medien durch stundenlange Programme wie "Aló presidente" und paralleler Aufschaltung sämtlicher TV- und Radioprogramme, wenn er etwas sagen wollte. Es ist die heuchlerische Art des Populismus, Meinungsfreiheit vorzugaukeln und die Zensur und die Diktatur langsam, sozusagen durch die Hintertür, einzuführen. Genau solche Mechanismen will Oteyza mit seiner Dokumentation aufzeigen – als Lehre und Warnung zugleich:

"Wir leben in Ungewissheit. Wann gibt es wieder Strom? Wann ist die Regierung am Ende? Wird es friedlich bleiben? Werden wir in ein paar Monaten noch ärmer sein als jetzt? Das wissen wir nicht. Ich bleibe hier, ich glaube an mein Land, an die Venezolaner. Ich bin müde und habe Angst, aber ich mache weiter, weil ich sehe, dass ich nicht der einzige bin, der rausgeht und demonstriert."

Den Mut der Verzweiflung setzt Regisseur Carlos Oteyza einem Populismus entgegen, der das erdölreichste Land der Welt an den Abgrund getrieben hat.

  

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