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StartseiteKalenderblattDokumentarin des Schreckens20.12.2006

Dokumentarin des Schreckens

Vor 100 Jahren wurde Jewgenija Ginsburg geboren

"Marschroute eines Lebens" war das einzige Buch der Schriftstellerin Jewgenija Ginsburg. Dort berichtet sie von ihrem schweren Weg durch Gefängnisse, Lager und Verbannung in der stalinistischen Sowjetunion. Sie gehörte zu den ersten, die der Welt über den Archipel Gulag berichteten.

Von Ursula Keller

Millionen Sowjetbürger gerieten während des Großen Terrors der Jahre 1937 und 1938 in die Mühlen der Vernichtungsmaschinerie Josef Stalins. (AP)
Millionen Sowjetbürger gerieten während des Großen Terrors der Jahre 1937 und 1938 in die Mühlen der Vernichtungsmaschinerie Josef Stalins. (AP)

"Als es geschah, war ich etwas über dreißig. Heute bin ich über fünfzig. Dazwischen liegen achtzehn Jahre, die Jahre dort","

schreibt Jewgenija Ginsburg in der Vorrede zu ihrem Buch "Marschroute eines Lebens". Sie gehörte zu den ersten, die der Welt über Stalins Archipel Gulag berichteten. Millionen Sowjetbürger gerieten während des Großen Terrors der Jahre 1937 und 1938 in die Mühlen der stalinistischen Vernichtungsmaschinerie. Jeder, der irgendwie in Verdacht stand, zu den überall vermuteten Konterrevolutionären, Verschwörern oder Volksfeinden zu gehören, konnte willkürlich und ohne viel Aufhebens zu Freiheitsentzug, Zwangsarbeit oder zum Tode verurteilt werden.

Als Parteimitglied war Jewgenija Ginsburg überzeugte Kommunistin. Doch als die Jagd auf die Volksfeinde beginnt, trifft es auch sie. Im Herbst 1935 erhält sie, Dozentin an der Pädagogischen Universität Kasan, Unterrichtsverbot. Aufgrund des absurden Vorwurfs der "konterrevolutionären Tätigkeit" aus der Partei ausgeschlossen, wird Jewgenija Ginsburg am 15. Februar 1937 verhaftet.

""Die Nächte waren schrecklich. Aber dann geschah es am Tag. Wir waren im Esszimmer: ich, mein Mann und Aljoscha. Ich bügelte. Plötzlich klingelte das Telefon. Einige Minuten zögern wir. (Noch heute zucke ich zusammen, wenn das Telefon klingelt.) Mein Mann nimmt den Hörer ab, hört, wird weiß wie die Wand und sagt: 'Das ist für dich Shenjuscha, ein gewisser Wewers, NKWD.'"

Der Geheimdienst bestellt Ginsburg zum Gespräch ein, das, so sagte man ihr, "vielleicht 40 Minuten, vielleicht eine Stunde" dauern werde. Von ihrer Unschuld überzeugt, nimmt sie nicht einmal das Nötigste mit. Kurz darauf wird sie zu zehn Jahren Einzelhaft verurteilt. Ihren Mann und den Sohn Aljoscha wird sie nie wiedersehen. Wassilij, den damals 4 Jahre alten Sohn, trifft sie erst wieder, als er 16 ist.

Nach fast zwei Jahren Gefängnis wird ihre Strafe umgewandelt in zehn Jahre Arbeitslager. Die Deportation nach Ostsibirien, in Güterwaggons mit der Aufschrift "Spezialausrüstung", dauert mehrere Wochen.

"Als bei uns in Kolyma der Gefängnistransport ankam - ich arbeitete damals im Krankenhaus als Krankenschwester","

erinnert sich eine Mitgefangene,

""brachten die Frauen Jewgenija Ginsburg. Sie war sehr krank, abgezehrt, hatte hohes Fieber. Die Frauen sagten: 'Behandelt sie. Shenja muss leben, unbedingt. Sie ist unsere Beste, unsere Begabteste. Sie wird über alles schreiben.'"

Jewgenija Ginsburg überlebt das fast 200 Jahre währende unvorstellbare Leid: die Verhöre, die Einzelhaft in den elenden sowjetischen Gefängnissen, die Zwangsarbeit bei 49 Grad Kälte, den Hunger, den Schmerz, die Hoffnungslosigkeit. Dem Lager entronnen und 1955 rehabilitiert, atmet sie die Hoffnung des Tauwetters und macht sich daran, das Unbeschreibliche aufzuschreiben.

"Ich habe mich bemüht, alles im Gedächtnis zu bewahren, in der Hoffnung, es eines Tages den Menschen erzählen zu können, die mich irgendwann gewiss, ganz gewiss, anhören werden."

Ihre Aufzeichnungen über den Gulag sollten Jewgenija Ginsburgs einziges Buch bleiben. 1967 wurde der erste Teil ihrer Erinnerungen, die insgesamt fast 1000 Seiten umfassen, erstmals in Italien veröffentlicht. Auszüge des Buches wurden von der BBC gesendet. Nach der Veröffentlichung des Manuskripts im Westen wurde Jewgenija Ginsburg in den Zeiten der Stagnation unter Breschnew mit Publikationsverbot bestraft. In der Sowjetunion konnte Ginsburgs Autobiografie erst 1988 erscheinen. Davor wurden maschinenschriftliche Exemplare des Werkes von Hand zu Hand gereicht. Allein der Besitz eines solchen verbotenen Manuskripts konnte bestraft werden. Doch die Erinnerungen Jewgenija Ginsburgs haben sich für immer ins Menschheitsgedächtnis eingebrannt.

"Ihr, der jungen, schönen, lebensfrohen Frau, widerfuhr das Unglück, ihr widerfuhren die Leiden und Qualen, die die stärksten Männer gebrochen haben","

schreibt Lew Kopelew in seinen Erinnerungen.

""Sie hat alle Schrecken des Lagers erfahren. Ihr Buch ist in der ganzen Welt berühmt geworden. Sie wird länger leben als die Sprache, in der ihr Buch geschrieben ist, und länger als die Sprachen, in die es übersetzt wurde und noch übersetzt werden wird. "

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