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StartseiteMusikjournalEin psychologisches Kammerspiel09.12.2019

"Don Pasquale" in ZürichEin psychologisches Kammerspiel

Schauspielerisch ungeheuer kurzweilig und komisch, niemals vordergründig: Christof Loy inszeniert Donizettis Belcanto-Oper "Don Pasquale" am Opernhaus in Zürich - mit äußerst profilierter Personenregie, findet Dlf-Kritikerin Elisabeth Richter.

Von Elisabeth Richter

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Johannes Martin Kränzle als Don Pasquale und Julie Fuchs als Norina (Monika Rittershaus/ Opernhaus Zürich)
Johannes Martin Kränzle als Don Pasquale und Julie Fuchs als Norina (Monika Rittershaus/ Opernhaus Zürich)
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Es gibt nur wenige Momente, bei denen in Donizettis quirligem – aber auch bittersüßem – "dramma buffo" "Don Pasquale" die Zeit still zu stehen scheint. "Sag mir noch einmal, dass du mich liebst", heißt es beim nächtlichen Stelldichein von Norina und ihrem Geliebten Ernesto in einem Garten.

Das sehnsüchtige Flehen wird von dem ältlichen Don Pasquale und seinem vermeintlichen Freund und Berater Malatesta belauscht. Regisseur Christoph Loy nutzt diesen wunderbaren Moment größter musikalischer Intensität, um die Widersprüchlichkeit in den Seelen von Donizettis Figuren in dieser musikalischen Komödie zu zeigen. Norina hat bis dahin vor allem ihr Ziel im Auge, ihren Ernesto zu heiraten. Dafür geht sie den Umweg der Scheinehe unter falschem Namen mit Ernestos Onkel Pasquale ein. Dann aber tanzt sie diesem auf der Nase herum und beschert ihm die Ehe-Hölle auf Erden. Nun aber zeigt sie auf einmal doch Gefühle für den alten Herrn. Zu Donizettis zärtlicher Musik nähern sich die beiden ebenso zärtlich an. Langsam kommt Ernesto hinzu. Traurig, aber behutsam übergibt Don Pasquale seinem Neffen die Hand Norinas, überlässt dem Jüngeren die Frau, die dieser liebt.

Es ist ein Moment, der aus der Zeit, aus der wirklichen Handlung tritt, die Regie zeigt einfühlsam verborgene Wünsche. Denn eigentlich weiß Don Pasquale hier noch nicht, dass er das Opfer einer perfiden Inszenierung ist. Er glaubt, er umarmt Sofronia, die Schwester von Malatesta, die er geheiratet hat. Die Intrige wurde erdacht, weil der senile, auf Bewahrung seines Erbes erpichte Pasquale die Hochzeit seines Neffen Ernesto mit der armen Norina ablehnte, den Neffen kurzerhand enterbte und sich selbst verheiraten möchte, um sein Vermögen zu sichern. Malatesta präsentierte ihm darauf seine Schwester Sofronia zur Heirat, eine keusche Klosterschülerin, die aber in Wirklichkeit von Norina gespielt wird. Sie kratzt ihm nach rasch vollzogener Ehe geradezu die Augen aus, so dass Pasquale sofort wieder die Scheidung will. Erst ganz am Schluss fliegt der Schwindel auf, Don Pasquale bleibt einsam zurück, und isst einen – vielleicht jung und gesund erhaltendes – Joghurt.

Kurzweilig und komisch

Schon zur Ouvertüre sieht man Pasquale mit seinem Joghurt. Norina dagegen verspeist – wie einst Eva im Paradies – einen Apfel. Später lässt Regisseur Christoph Loy keinen Zweifel aufkommen: Norina ist für ihn eine Art Ahnherrin von Alban Bergs und Wedekinds Lulu. Eine Femme fatale, die jede Menge Liebhaber empfängt, die ihr auch wie winselnde Köter am Körper kleben. Sie raucht Zigarre, sie demütigt ihre Verehrer und später auch mit harten Worten Don Pasquale. Julie Fuchs singt und spielt die Rolle schlicht grandios: virtuos ihre Koloraturen, facettenreich ihr Schauspiel.

Johannes Leiacker hat einen Einheitsbühnenraum mit wenigen Requisiten entworfen, ein feudales Zimmer, hochgezogene Jalousien geben im Hintergrund manchmal weitere Räume frei, heruntergefahrene Wände teilen den Raum und ermöglichen Umbauen.

Christoph Loy präsentiert diese turbulente Geschichte schauspielerisch ungeheuer kurzweilig und komisch, niemals vordergründig, wie ein zeitloses psychologisches Kammerspiel mit äußerst profilierter Personenregie. Keine der Figuren ist eindimensional gezeichnet. Selbst der nur auf Geld und Profit schielende "Malatesta", jener "miese Kopf", der die Intrigen-Fäden zieht, zeigt ein wenig Passion für Norina. Er kommt als schneidiger Makler-Manager-Typ daher. Der russische Bariton Konstantin Shushakov schlüpft glaubwürdig und spielfreudig in die Rolle und weiß seinen kernigen Bariton facettenreich zu färben.

Der vielfach wettbewerbsprämierte blutjunge chinesische Tenor Minjie Lei als Ernesto spielte einen sehr authentischen Liebhaber und erwies sich gerade in den Duetten mit Norina als sensibler musikalischer Partner. Sein helles Timbre hat relativ wenig Italianità, es unterstrich jedoch die Jugendlichkeit der Rolle, dazu empfahl sich Minjie Lei durch brillante Technik und sichere Höhe.

Bariton Kränzle demonstriert sängerische Vielseitigkeit 

In der Titelpartie debütierte der Bariton Johannes Martin Kränzle und demonstrierte damit einmal mehr seine sängerische Vielseitigkeit auch in diesem italienischen Fach. Manch rasendes Rossini-Parlando, das sich immer wieder noch bei Donizetti findet, schien ihm nicht die geringste Mühe zu bereiten. Er berührte mit seinem warmen ausgeglichenen Timbre, seiner technischen Souveränität, seiner geschmackvollen Balance von Komik und Ernst, und besonders mit seinem schauspielerischen Esprit. Er mimt einen vornehmen älteren Herrn mit spärlichem Haarkranz, der zwangsläufig ins Clowneske driftet angesichts der unerwarteten Wendung in seiner allzu schnell geschlossenen Ehe.

Mit Enrique Mazzola stand ein ausgewiesener Kenner des Belcanto-Repertoires am Pult der hervorragend disponierten Philharmonia Zürich. Donizettis Verbindungslinien zu Rossini oder Mozart wurden ebenso plastisch wie seine musikalischen Visionen hin zu Verdi oder gar Wagner. Eine musikalisch exzellente und in der Regie unterhaltsame aber auch nachdenklich machende Produktion.

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