Mittwoch, 14.11.2018
 

"Don't speak..."

Kameramann Michael Ballhaus über Krieg und Befreiung

Michael Ballhaus erlebte seine Kindheit während des Krieges in ständiger Bedrohung. Die Eltern, ein Schauspielerehepaar, sympathisierten mit den Kommunisten. Man musste sich vorsehen. Am Ende des Krieges hatte der junge Ballhaus dann den ersten Kontakt mit amerikanischen Soldaten – und dem "American Way of Life", der ihn stark beeinflussen sollte.

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

Der Kameramann Michael Ballhaus (AP)
Der Kameramann Michael Ballhaus (AP)

"Wenn es an der Türe klingelte, wurden wir Kinder immer in das Kinderzimmer geschickt. Und man spürte ständig so ein bisschen eine Bedrohung. Und dann war es auch so, wenn es auf irgendein Thema kam oder mein Vater was erzählte, dann höre ich immer noch den Satz von meiner Mutter: Don't speak before the children."

Was Michael Ballhaus und seine Schwester nicht hören sollten, war die Kritik der Eltern am NS-Regime. Das Schauspielerehepaar Lena Hutter und Oskar Ballhaus stand den Kommunisten nahe. Die Berliner Wohnung der Familie war ein Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle, die in Opposition zu den Nazis standen. Zeitweise war hier auch ein jüdischer Freund der Eltern versteckt, über den die Kinder nicht mit anderen sprechen durften.

BBC, deutsches Programm: "Frau Wernicke" über das Abhören von Feindsendern:
"Nee, nee, nee, da will ick nischt von wissen, Kinder. Nee, det Radio dreh’ ich nich’ an, nee nee, nichts zu machen. Wie leicht drehste da ’n bisken zu weit, und haste nich jesehen, biste ’n Volksschädling. Aber wat denn, wat denn?! Ihr wisst doch: unser juter kleener Dokter hat det doch nich jerne. Wir haben een Reich, een Volk, een Führer, aber det jenüücht ebend nich für de nationale Einheit. Da verlass Dir nur auf den Joebbels, der weeß det besser."

Ballhaus:
"Ich kann mich gut entsinnen, dass wir manchmal als Kinder oder ich als Kind in einen Raum kam, wo dann zwei oder drei Erwachsene mit einer Decke über dem Kopf am Radio saßen. Und man hörte manchmal dieses Tam, Tam, Tam, Tam. Und dann haben meine Eltern natürlich mir erklärt, dass sie einen Sender hören, den man nicht hören darf eigentlich, weil das Informationen sind, die die Nazis nicht wollen, dass man sie hat, und dass man darüber aber nicht sprechen darf, weil das sehr gefährlich ist, dass jemand, weil er Radio hörte, ins Gefängnis kommen konnte oder, was schlimmer war, ins KZ kommen konnte."

Michael Ballhaus wurde 1935 in Berlin geboren. Seine Kindheit war von einem diffusen Gefühl der Bedrohung überschattet, das mit den Bombardierungen zunahm:

"Es war ja alles dunkel nachts, damit die Flieger nicht die Häuser sehen. Und das war dann immer sehr spannend. Ich fühlte mich dann auch ein bisschen groß, weil ich meine Mutter an die Hand nehmen durfte und sie durch die Trümmer in diesen Bunker führen durfte. Und dann wurde es nicht mehr dunkel in Berlin. Es brannte immer. Wenn wir raus guckten nachts, dann war es eigentlich immer hell. Und das war für Kinder natürlich auch etwas Aufregendes und auch was Spannendes. Das war auch ein Abenteuer. Wir haben das nicht so sehr als Gefahr empfunden als manchmal doch auch ein bisschen als ein Abenteuer."

Als die Angriffe 1943 immer stärker wurden, nahm die Mutter das Angebot einer Verwandten an und ging mit den beiden Kindern zu ihr ins fränkische Coburg.

"Es war eine ruhige Stadt. Es war kein Fliegeralarm in Coburg. Plötzlich fiel ein bisschen dieser Druck von uns ab, dass man in einer Stadt lebte, wo ständig, wenn es an der Türe klingelte, eine Gefahr drohen konnte. Das war ein erlösendes und schönes Gefühl für uns Kinder, und wir haben das also toll gefunden, dass die Tante so ein tolles Haus hatte."

Im April 1945 sollten 1.500 Soldaten die Stadt Coburg gegen die amerikanischen Truppen verteidigen. Während sich die militärische Führung trotz der aussichtslosen Lage auf den Widerstand vorbereitete, begann die örtliche NSDAP-Führung den Führerbefehl der "verbrannten Erde" in die Tat umzusetzen. Ein schwerer Luftangriff und mehr als 24stündiger Artilleriebeschuss vereitelten den Plan. Am 11. April 1945 zogen US-Soldaten in die Stadt ein.

"Das war das erste Mal, dass ich einen Farbigen gesehen habe in meinem Leben. Und das war für mich eine große Überraschung, jemanden zu sehen, der ganz dunkle Haut hat."

"Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke der Befreiung, sondern als besiegte Nation. Freundschaftlicher Verkehr mit der Bevölkerung wird streng missbilligt."

Die US-Armee hatte für ihre Angehörigen einen strikten Erlass herausgegeben, der die Fraternisierung mit den besiegten und durch Kriegsverbrechen diskriminierten Deutschen verbot. In einem Radiospot wurden die GIs vor dem "Charakter" der Besiegten gewarnt:

"Im Herzen, Körper und Geist ist jeder Deutsche Hitler. Hitler ist der einzelne Mann, der für die Glaubenssätze der Deutschen steht. Schließe keine Freundschaft mit Hitler, fraternisiere nicht!"

Für Kinder allerdings galt das Kontaktverbot nicht.

"Die Amerikaner waren unheimlich nett zu uns. Sie haben zwar gesagt, wir wollen in Ihrem Haus gerne wohnen, wir müssen Sie also ein bisschen ausquartieren. Wir sind also ausquartiert worden und wohnten dann für ein paar Wochen in der Nachbarschaft. Aber wir kamen immer wieder ins Haus, und wir kriegten auch Konserven von denen. Und dann habe ich auch einmal eine Schachtel Zigaretten gefunden mit zehn und meine erste Zigarette geraucht, Chesterfield, mit zehn. Und mir wurde sauübel. Und wir liefen da immer herum, und die Amis waren immer da und waren unheimlich nett zu uns Kindern."

Wie bei vielen anderen deutschen Jugendlichen weckte die freundschaftliche Begegnung mit den GIs bei Michael Ballhaus ein ausgeprägtes Interesse am "American Way of Life". In den 80er Jahren machte er in Hollywood Karriere. Heute lebt er abwechselnd in Berlin und New York.

"Wir haben uns eigentlich nie geschämt, Deutsche zu sein. Die Erinnerung an die Nazizeit war immer geprägt eigentlich von Diskussionen, von Gesprächen, von: Was hätten wir als Eltern in so einer Zeit gemacht? Und es war immer dieses, auf der einen Seite dieses Glücksgefühl, dass wir nie vor einer Entscheidung standen wie unsere Eltern, zu sagen: Wie entscheiden wir uns? Das war schon immer ein Thema und wurde immer wieder auch diskutiert, und immer wieder war man dankbar dafür, dass man nie vor diese Aufgaben oder vor diese Entscheidungen gestellt war."

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