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StartseiteJazz LivePost-Bop, Prä-Bowie (2/2)13.07.2021

Donny McCaslin QuartettPost-Bop, Prä-Bowie (2/2)

Auf seinen Platten experimentiert der amerikanische Saxofonist Donny McCaslin mit Rock, Pop und elektronischer Musik. Ein Höhepunkt wurde seine Kooperation mit David Bowie. Das druckvolle Konzert aus München von 2010 zeigt ihn als brillanten Improvisator in akustischem Jazz-Kontext.

Am Mikrofon: Odilo Clausnitzer

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Vor einer Mauer steht ein bebrillter Mann mit tief ausgeschnittenem, schwarzem T-Shirt und schaut in die Kamera.  (Briene Lermitte)
Saxofonist Donny McCaslin hat sich intensiv mit afro-kubanischer, lateinamerikanischer und afrikanischer Rhythmik beschäftigt. (Briene Lermitte)
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Im Klubrahmen stellte McCaslin Ende 2010 u.a. das Repertoire seiner kurz zuvor eingespielten Platte „Perpetual Motion“ vor. Mit dem Pianisten Uri Caine und dem Schlagzeuger Antonio Sanchez waren zwei prominente, an den Studioaufnahmen beteiligte Musiker auch hier dabei. Außerdem in einer Liveversion zu hören: McCaslins überraschender Tribut an Popstar Madonna aus der Platte "In Pursuit".

Donny McCaslin, Tenorsaxofon
Uri Caine, Piano
Scott Colley, Kontrabass
Antonio Sanchez, Schlagzeug

Aufnahme vom 14.11.2010 aus der "Unterfahrt", München

Interview mit Donny McCaslin
Wie hat eigentlich Ihre Liebe zum Tenorsaxofon begonnen?

Mein Vater hatte eine Band, mit der ich als Junge auf der Bühne sitzen durfte. Darin spielte ein sehr charismatischer Saxofonist namens Wesley Braxton. Er trug Batikhemden und hatte einen langen Bart. Er sah aus wie ein Hippie – das war natürlich auch Teil der Kultur, mit der ich aufgewachsen bin. Und er spielte diese sehr emotionalen Soli, fast avantgardistisch, wo er auf dem Saxofon kreischte und alle möglichen Sounds machte. Von der Bühne aus sah ich, wie all die Leute zuschauten, und an einem schönen Tag tanzten sie auch dazu. Es war wie eine große Party! Das hat mich beeindruckt. Mein Vater hatte mich immer mal wieder gefragt, ob ich nicht ein Instrument lernen wollte, Klavier oder Klarinette. Ich hatte immer geantwortet: Nein, ich interessiere mich mehr für Sport! Aber als ich 12 Jahre alt war, habe ich aus einem Impuls heraus beschlossen, in ein Anfänger-Orchester zu gehen. Und als mein Vater mich fragte, mit welchem Instrument, sagte ich, ohne groß drüber nachzudenken "Tenorsaxofon"! Im Nachhinein denke ich, das kam, weil ich Wesley spielen gesehen habe, in dieser bunten Umgebung. Es hatte so viel Energie!"

Durch Ihre musikalische Biografie zieht sich die Arbeit mit Big Bands - Gil Evans, Ken Schaphorst, George Grutz, Maria Schneider. Wie hat das angefangen?

"Als ich 14 war, gab es ein richtig gutes High School-Angebot in der Nachbarstadt. Mein Vater lebte in dieser Stadt. Meine Eltern waren geschieden, ich lebte bei meiner Mutter, aber ich konnte seine Adresse angeben und deshalb da mitmachen. Dieses Angebot war großartig vor allem wegen des Leiters. Er hieß Don Keller und war gut befreundet mit Bill Berry. Der war Trompeter bei Duke Ellington gewesen. Bill Berry lebte damals in Los Angeles und hatte da seine eigene Big Band. Und er hatte diesen Schatz originaler Ellington-Partituren, von denen er Don Keller Kopien gab. Das war in einer Zeit, als diese Charts längst nicht problemlos zugänglich waren. Und ich hatte einfach Glück, dass ich mit 14 plötzlich in so einer Umgebung war, wo wir fünf Tage die Woche immer wieder Ellington-Stücke spielten. Und zwar nicht nur "Take The A Train", sondern auch "Diminuendo and Crescendo in Blue", "Warm Valley", "Rockin' In Rhythm", "Upper Manhattan Medical Group"- eine ganze Reihe. Es gab nur noch ein Kind in meinem Alter, die anderen waren alle ältere Spieler und sehr gut. Ich konnte einfach da einsteigen, mit unglaublicher Musik, unter der Leitung von jemandem, der wirklich wusste, was er tat, umgeben von Leuten, die auf hohem Niveau spielten."

2011 kam Ihre Platte "Perpetual Motion" heraus. Seitdem beschäftigen Sie sich auf jedem ihrer Alben mit Elementen elektronischer Musik. Da hat es also in Ihrer Diskografie eine Art Bruch gegeben. Wie ist es dazu gekommen?

"Genau, da gab es einen Sprung. David Binney hat diese Platte produziert, wie auch die davor und die danach. Nach "Declaration" von 2009 sagte er: Du solltest mal eine elektrische Platte machen! Ich dachte: Ja, okay, klasse! Und das wurde "Perpetual Motion". Danach hatte ich dann einige Konzerte mit Tim Lefebvre und Mark Giuliana und Jason Lindner. Diese neue Richtung gefiel mir sehr, ich sprach mit ihnen über Musik und checkte aus, was sie so hörten und hörte mir dann selber solche Sachen in der elektronischen Richtung an. Ambient Sounds haben mich sehr interessiert, und ich habe mir überlegt, wie ich in so etwas meinen Platz als Saxofonist finden konnte. Mit David Binney habe ich dann viel darüber gesprochen. Das passierte damals alles gleichzeitig, und das hat mich sehr begeistert. Ich nannte das: die "Erforschung der Überschneidung von Improvisation und elektronischer Musik". Das hat mir Riesenspaß gemacht, und ich fand, das war mal etwas anderes. Diesem Instinkt bin ich dann weiter gefolgt, im Prinzip mit jeder Platte bis heute. "Blow" war zwar nochmal eine Art Wendepunkt, aber immer noch sozusagen auf diesem Zweig des Baumes."

Den vollständigen zweiten Teil hören Sie hier:
Konzert Donny McCaslin Quartet in München, 14.11.2010 Teil 2

Mikrofon auf einer Konzertbühne, Text: Unsere Mikros, Ihre Konzerte

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