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StartseiteForschung aktuellDopamin für schönen Klang12.04.2013

Dopamin für schönen Klang

Hirnaktivität verrät Lieblingslieder

Die Nervenreaktion beim Hören unbekannter Musik verrät, ob jemand für ein Stück bezahlen würde oder nicht. Das legt jedenfalls ein Experiment kanadischer Neurowissenschaftler nahe. Die Hirnregionen, die dabei aktiviert waren, geben in Teilen Aufschluss über die wissenschaftlichen Wirkungsmechanismen von Musik auf den Menschen.

Von Tomma Schröder

Auch bei unbekannten Musikstücken formt der Mensch ständig Erwartungen, wie Melodie und Rhythmus weitergehen könnten.  (Stock.XCHNG)
Auch bei unbekannten Musikstücken formt der Mensch ständig Erwartungen, wie Melodie und Rhythmus weitergehen könnten. (Stock.XCHNG)
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"Angefangen hat das alles, bevor ich meine Doktorarbeit geschrieben habe. Ich hatte eine Quarter-life-Krise und fühlte mich schlecht, weil ich nicht wusste, was ich aus meinem Leben machen sollte. Und dann bin ich einfach mit dem Auto herumgefahren, um einen klaren Kopf zu bekommen. Ich habe das Radio angemacht, und da kam plötzlich ein Musikstück, das mich wirklich bewegt hat. Ich bekam Gänsehaut und habe mir vorgestellt, wie ich die Geige spiele und habe die Töne dabei gedanklich immer schon vorweggenommen.

Und dann habe ich innegehalten und gedacht: 'Oh, gerade war ich noch so traurig und jetzt bin ich plötzlich so euphorisch.' Wie konnte das passieren? Nur durch das Hören von irgendwelchen Tönen? Und dann habe ich gedacht: Das ist es, das sollte ich untersuchen!"

Valerie Salimpoor weiß mittlerweile sehr genau, was damals mit ihr passierte, als Brahms Ungarischer Tanz Nr. 5 im Radio erklang. Bereits in vorangehenden Studien konnte die Neurowissenschaftlerin vom Rotman Research Institute in Toronto nachweisen, dass bei Musikstellen, die als besonders schön empfunden werden, Dopamin im Gehirn ausgeschüttet wird – und zwar schon kurz bevor diese schöne Stelle tatsächlich zu hören ist. Antizipation, also die gedankliche Vorwegnahme der Tonfolge, spiele somit eine wichtige Rolle bei der Bewertung von Musik, schlussfolgerte Salimpoor. Um nun herauszufinden, ob wir nur bekannte Musik als besonders schön empfinden können oder ob wir den Verlauf unbekannter Musikstücke erahnen können, hat die Kanadierin ein neues Experiment durchgeführt.

"Wir haben den Teilnehmern 30-Sekunden-Musikstücke präsentiert, für die sie nach dem Auktionsprinzip verschiedene Preise bieten konnten. Weil sie dafür ihr eigenes Geld einsetzen mussten, konnten wir sehen, ob sie die Stücke wirklich mögen."

Tatsächlich fanden die Teilnehmer auch viele der ihnen unbekannten, aber an ihrem Musikgeschmack orientierten Stücke schön und kauften kräftig ein. Weil sie dabei im Hirnscanner lagen, konnte Valerie Salimpoor genau beobachten, was währenddessen in ihrem Kopf passierte und stellte schnell fest: Einer Region im unteren Vorderhirn fällt eine ganz besondere Rolle zu: dem nucleus accumbens.

"Wenn Leute Erwartungen haben, die eintreffen oder sogar übertroffen werden, dann sieht man Aktivität in dieser Region. Und je höher die Aktivität war, desto mehr Geld gaben die Teilnehmer für das gespielte Stück."

Das heißt, auch bei unbekannten Musikstücken formen wir ständig Erwartungen, wie die Melodie, wie der Rhythmus weitergehen wird. Deshalb passt es sehr gut ins Bild, dass es nicht nur die erhöhte Aktivität im nucleus accumbens selbst war, die anzeigte, dass ein Musikstück als schön empfunden wurde. Auch die Verbindung zu bestimmten Teilen des Temporallappens, in denen die musikalischen Erfahrungen der Vergangenheit gesammelt werden, war in diesem Fall stärker als gewöhnlich. Und Teile des präfrontalen Cortex, die zu den am höchsten entwickelten Hirnregionen gehören und emotionale Informationen aus verschiedenen Bereichen des Gehirns sammeln, zeigten ebenfalls einen regen Austausch mit dem nucleus accumbens, wenn Musik als angenehm empfunden wurde. Für Valerie Salimpoor ist diese Verbindung zumindest ein erster Hinweis darauf, warum Musik so komplexe Gefühle beim Menschen auslösen kann.

"Man kann vermuten, dass diese sehr komplexen, höheren Hirnregionen mit den eher elementaren Belohnungszentren interagieren, die wir mit anderen Tieren teilen. Und das ist der Grund, warum wir Freude für etwas empfinden können, das keine weitere Bedeutung für unser Überleben hat. Musik ist ja eigentlich nur eine Folge von Tönen. Und sobald die Musik vorbei ist, stehen wir mit leeren Händen da!"

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