Freitag, 26.04.2019
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Einzeltäter-These gehört in den Müllcontainer01.03.2019

Doping bei der Ski-WMDie Einzeltäter-These gehört in den Müllcontainer

Das Ausmaß des Doping-Skandals bei der Nordischen Ski-WM ist nach den Razzien in Erfurt und im österreichischen Seefeld noch nicht absehbar. Der Fall zeigt jedoch: Doping im Sport ist und bleibt ein systematisches Problem, gedeckt von den Strukturen, meint Matthias Friebe.

Von Matthias Friebe

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Blutprobe wird am 30.10.2013 bei einem Journalisten-Workshop der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) in Bonn (Nordrhein-Westfalen) in einen speziellen Transportzylinder verpackt.  (dpa/picture alliance/Marius Becker)
Einer der Sportler in Seefeld wurde mit der Kanüle in der Vene inflagranti erwischt. (dpa/picture alliance/Marius Becker)
Mehr zum Thema

Doping-Ermittlungen nach ARD-Doku "Dass man so zu einem Fall kommt, ist eine Ausnahme"

Dopingrazzien während Nordischer Ski-WM Neun Festnahmen in Seefeld und Erfurt

Die immer gleichen Worthülsen sind so vorhersehbar wie unglaubwürdig. Einzelfälle, Athleten, die es immer noch nicht gelernt hätten und trotz der vielen Kontrollen immer noch zu dopen wagen. Diese reflexhaften Ausreden nach dem neuesten Skandal bei der Ski-WM in Seefeld sind so alt, wie das Doping selbst. Zeigefinger raus, es sind wie immer die anderen.

Dabei zeigt gerade der aktuelle Fall: Die These von den kriminellen Einzeltätern gehört ein für alle Mal in den Müllcontainer mit den gebrauchten Ampullen und Injektionsnadeln. Doping im Sport ist und bleibt ein systematisches Problem, gedeckt von den Strukturen. Die Namen, die in die Affäre verstrickt sind, die Orte, die möglicherweise Tatorte sind, sie alle tauchen nicht zum ersten Mal auf. Sogar konkrete Vorwürfe hatte es früher schon einmal gegeben und trotzdem hat das "weltweit agierende Netzwerk", wie es die österreichischen Ermittler genannt haben, wohl munter weiter gemacht.

Blutbeutel stören die strahlenden Postkartenmotive 

Das ist die oft enthüllte dunkle Seite des Spitzensports, die genauso dazu gehört wie die Postkartenmotive von strahlenden Langlauf-Loipen in der Wintersonne. Die Hoffnung jetzt ist, dass die über 40 in Erfurt sichergestellten Blutbeutel Sportlern namentlich zugeordnet werden können und dass die Verhafteten in den Verhören auspacken und so etwas mehr Licht in dieses dunkle System bringen. Bis dahin und leider wohl auch noch danach werden die bekannten Sprachmuster und Ausreden der Funktionäre, das feige "Auf-den-anderen-zeigen" trauriger Alltag im Sport sein.

Zum Beispiel fabuliert Gian Franco Kasper, der Präsident des Welt-Ski-Verbands FIS, der aktuelle Fall zeige, dass Doping von der FIS nicht hingenommen werde und mit harten Konsequenzen verbunden sei. Damit klopft er sich nicht nur selbst auf die Schulter, sondern lügt sich in die eigene Tasche. Denn, es ist wie fast immer, niemand aus dem sporteigenen System hat zur Aufdeckung der strukturellen Doping-Praktiken beigetragen: keine positive Probe, keine Anti-Doping-Agenturen und auch sonst niemand.

Aufklärung durch die Behörden, nicht durch die Sportverbände

Es brauchte die Arbeit von Journalisten, einen mutigen Mitwisser, der im Fernseh-Interview auspackt und dann gut organisierte Sicherheitsbehörden, die gestützt durch die Anti-Doping-Gesetzgebung zielgerichtet zugreifen und dabei sogar einen Sportler mit der Kanüle in der Vene inflagranti erwischen konnten. Zum Aufdecken der kriminellen Strukturen des Sports braucht es die anderen, die nämlich, die nicht im Sport und seinen Organisationen verwoben sind.

Und um ganz am Ende auch noch eine andere  Illusion zu nehmen. Von Deutschland aus kann man sich erst Recht das Zeigen auf die anderen sparen. Die Arztpraxis, von den Ermittlern nur Dopinglabor genannt, steht in Erfurt. Das Netz aus Hintermännern stammt ebenfalls aus Thüringen. Und jetzt erzählt einer der festgenommenen Langläufer aus Estland, dass er mehrfach für Blutdoping nach Berlin und Frankfurt gereist sei.

Nein, es sind definitiv nicht die anderen. Gedopt wird überall, auch mitten in Deutschland.

Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe, Jahrgang 1987, Journalist, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Münster und Duisburg-Essen. Volontariat bei domradio.de und Ausbildung an der Journalistenschule ifp in München. Danach arbeitete er als Moderator und Redakteur für WDR, Deutschlandfunk und domradio.de. Heute ist er Redakteur in der Sportredaktion des Deutschlandfunks.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk