Donnerstag, 24.10.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterviewErler: Neue Qualität staatlicher Einmischung19.07.2016

Doping in RusslandErler: Neue Qualität staatlicher Einmischung

Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), kritisiert die russische Regierung für ihr Verhalten nach den jüngsten Doping-Enthüllungen. Er sagte im Deutschlandfunk, sie habe sich noch nicht entschieden, ob sie sich als unschuldig Betroffener darstellen oder versuchen wolle, kooperativ zur Aufklärung beizutragen.

Gernot Erler im Gespräch mit Bettina Klein

Gernot Erler spricht im grauen Anzug am Rednerpult des Deutschen Bundestages. Er hält sein Manuskript in der Hand. (Britta Pedersen/dpa)
Gernot Erler spricht am 24.4.2015 im Deutschen Bundestag zum Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16. (Britta Pedersen/dpa)
Mehr zum Thema

Staatliches Doping Russischer Agentenkrimi

Staats-Doping in Russland Ein absurdes Schurkenstück aus der Realität

WADA-Bericht Belege für staatliches Doping in Russland

Kritik an Welt-Anti-Doping-Agentur WADA Untätig, abhängig, überfordert?

Linken-Politiker André Hahn zum WADA-Report "Nicht die Falschen bestrafen"

Doping Konflikt um NADA-Finanzierung

Erler sprach von einer neuen Qualität staatlicher Einmischung in die Doping-Praxis. Staatlich organisiertes Doping sei ihm aus keinem anderen Land bekannt, auch wenn es Ausschlüsse von verschiedenen Verbänden gegeben habe.

Russland positioniere sich aber nicht eindeutig. Einerseits könne es als Eingeständnis betrachtet werden, wenn Putin diejenigen vorläufig suspendiere, die namentlich benannt werden. Andererseits gelte das nicht für den Sportminister Mutko. Zudem gebe es Forderungen aus Regierungskreisen, den ehemaligen Leiter des Doping-Labors und Whistleblower Rodschenkow auszuliefern.

Wohl keine andere Wahl als Ausschluss des russischen Teams

Es sei kaum vorstellbar, dass es noch eine Alternative zum Ausschluss des gesamten russischen Teams durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) gebe, so Erler. Das IOC habe immer angekündigt, kompromisslos vorzugehen. Zudem sei der Wada-Bericht klar in den Aussagen. Er beschreibe staatlich organisiertes Doping mit Unterstützung der Politik und des Geheimdienstes. Dem müsse sich das IOC stellen, "wenn es glaubwürdig bleiben will".

Erler sagte, er habe keinen Zweifel daran, dass es saubere russische Sportler gebe, die durch solch eine Entscheidung "ihren Weg nach Rio versperrt kriegen". Möglicherweise könne ein Mechanismus angeboten werden für "diejenigen, die aufweisen können, dass sie nicht diesem System angehörten". Solche Maßnahmen habe das IOC bereits diskutiert.


Das Interview in voller Länge:

Bettina Klein: Systematisches, vom Staat gelenktes oder manipuliertes Doping - das ist der Vorwurf, der gestern in dem Bericht des kanadischen Juristen McLaren erhoben wird. Starker Tobak. Jetzt hat das Olympische Komitee zu entscheiden, ob es Russland möglicherweise in Gänze ausschließt auch von den Olympischen Spielen. Diese Entscheidungen werden vermutlich diese Woche noch fallen oder zumindest vorbereitet werden.

Wir schauen noch auf die Reaktionen aus Moskau. Wladimir Putin spricht von einem gefährlichen Rückfall, von "politischer Einmischung in den Sport". Gleichzeitig hat er aber auch angekündigt, dass die in dem Bericht erwähnten Offiziellen, wie es heißt, nun vom Dienst suspendiert werden.

IOC-Präsident Thomas Bach, der hielt sich gestern auch nicht zurück. Er sprach von einem erschreckenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und der Olympischen Spiele und das IOC werde nicht zögern, die härtesten Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisationen zu treffen. - Am Telefon ist jetzt Gernot Erler, der Beauftragte der Bundesregierung für die Kooperation mit Russland, von der SPD. Guten Morgen, Herr Erler.

Gernot Erler: Guten Morgen, Frau Klein.

"Eine neue Qualität, der sich das IOC stellen muss"

Klein: Hat das IOC jetzt noch eine andere Wahl, als Russland komplett auszuschließen von den Olympischen Spielen?

Erler: Ich glaube, das kann man sich kaum vorstellen, dass es da noch eine andere Wahl gibt, weil man hat ja immer wieder angekündigt, hier kompromisslos vorzugehen gegen Doping, und dieser Bericht der WADA ist so eindeutig und auch so klar in den Aussagen und beschreibt ja eine neue Qualität, die wir eigentlich bei den vielen, vielen Dopingfällen aus vielen Ländern, die wir kennen, noch nicht erfahren haben, nämlich dass staatlich organisiertes Doping hier in Russland stattgefunden hat, mit Unterstützung von der Politik, mit Unterstützung sogar vom Geheimdienst FSB. Das ist eine neue Qualität und der muss sich natürlich das IOC stellen, wenn es glaubwürdig bleiben will, was die Entschlossenheit, gegen das Doping vorzugehen, angeht.

Klein: Nun zeigt sich Putin einerseits kooperativ, haben wir gerade gehört. Die genannten Offiziellen, die genannten Vertreter sollen suspendiert werden. Auf der anderen Seite spricht er nun auch wieder von einer politischen Einmischung und davon, dass derjenige, der eigentlich die Informationen zugänglich gemacht hat, nicht vertrauenswürdig und nicht seriös sei. Wieviel Rücksicht sollen wir nehmen auf diese Vorbehalte?

Erler: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das IOC sich diese angedeutete Argumentation zu eigen macht, weil nach dem, was ich gelesen habe, das auch gar nicht stimmt, dass es sich hier ausschließlich beruft, dieser Bericht, auf diesen Grigori Rodschenkow, den ehemaligen Chef des russischen Doping-Kontrolllabors Rusada, sondern es gibt ja auch eine ganze Reihe von anderen Hinweisen und eine ganze Reihe von anderen Fakten, die dort verwendet worden sind. Insofern habe ich den Eindruck, die russische Politik hat sich noch nicht endgültig entschieden, sie schwankt noch. Man kann ja das als eine Art Eingeständnis werten, wenn Putin sagt, er wird vorläufig - ich betone vorläufig - die Offiziellen suspendieren, die in dem Bericht namentlich genannt werden. Allerdings wird Sportminister Mutko dort auch namentlich genannt und der ist schon mal ausgeschlossen. Und dann haben wir auch so eine Äußerung von einem russischen Politiker namens Dmitri Swischtschjow. Der ist der Vorsitzende des Sportausschusses der Duma. Der hat gesagt, dieser Rodschenkow, der müsste ausgeliefert werden, um seiner Strafe zugeführt zu werden. Das sind ja dann schon wieder Widersprüche in der öffentlichen Reaktion. Die deuten an, dass noch die Entscheidung nicht gefallen ist, ob man sich als unschuldig Betroffener darstellen will, was dazu führt, dass auch saubere Sportler nicht an den Spielen teilnehmen können, oder ob man jetzt doch kooperativ ist und versucht, das aufzuklären, was da tatsächlich in Russland passiert ist.

"Es sind mehrere staatliche Einrichtungen, die involviert sind"

Klein: Die Politik schwankt noch in Russland, sagen Sie. Man hat sich noch nicht entschieden. - Man kann sich natürlich schon den Aufschrei vorstellen, der erklingen wird, wenn das wirklich so kommt und Russland, und alle russischen Sportler suspendiert werden sollten, denn wir diskutieren ja schon eine ganze Weile darüber und auch in verschiedenen Fernseh-Talkshows, in Runden, in denen darüber diskutiert wird, da hört man auch jetzt schon immer sehr viel beleidigt sein und das Argument, andere dopen auch und nur bei Russland würde man so genau hinschauen, und wenn man anderswo auch so genau hinschauen würde, dann würde sich herausstellen, genau das gleiche würde in anderen Staaten auch passieren. Was ist das Gegenargument aus Ihrer Sicht?

Erler: Eigentlich habe ich das schon genannt. Das Gegenargument aus meiner Sicht ist die neue Qualität, die sich hier darstellt, mit dem staatlich organisierten Doping, mit Unterstützung von verschiedenen staatlichen Einrichtungen. Es ist ja auch dieses Hochleistungszentrum CSP, dieses Trainingszentrum für Top-Athleten nach Auffassung von Richard McLaren betroffen. Es sind hier mehrere staatliche Einrichtungen, die involviert sind.

Klein: Was ist mit dem Argument, andere würden das auch tun, da guckt man nur nicht so genau hin?

Erler: Na ja, das wissen wir doch, das ist ja klar. Und natürlich: Bei ganz oberflächlicher Betrachtungsweise kann man sagen, ja warum geht es jetzt nur gegen die Russen. Aber dann übersieht man diese besondere Qualität des staatlich unterstützten Dopings oder staatlich organisierten Dopings, und da ist mir tatsächlich bisher jedenfalls noch aus keinem anderen Land bekannt, dass das betrieben wird. Wir haben verschiedene Fälle ja auch von Ausschlüssen von bestimmten Verbänden gehabt. Aber ich habe noch nie die Anschuldigung gehört, dass sich staatliche Organe organisiert dafür hergeben, Doping zu organisieren. Das ist eine neue Qualität.

"Im Augenblick kenne ich keinen Vorwurf gegen ein anderes Land von Staatsdoping"

Klein: Die Frage ist ja auch, ist es eine neue Qualität, oder ist es nicht eine alte Qualität? Denn dass Geheimdienste mit beteiligt sind am Doping, dass Doping passierte im Staats- und Parteiauftrag, das hat man ja aus der sozialistischen Ära gekannt und aus Zeiten der Sowjetunion und aus Zeiten des Ostblocks. Ist das auch noch ein Erbe dieser Geschichte?

Erler: Es mag eine längere Tradition davon geben, aber das hat natürlich die heutigen Prüfer nicht zu interessieren. Die müssen nach den Verantwortlichen fahnden, die jetzt herangezogen werden müssen, und dann ist es russische Sache, sich damit auseinanderzusetzen und im Grunde genommen wieder normale Zustände herzustellen. Aber natürlich oder wahrscheinlich steht das in einer Tradition, aber ich will noch mal betonen: Im Augenblick kenne ich keinen Vorwurf gegen ein anderes Land von Staatsdoping.

Klein: Wenn das auch eine Art von Erbe ist, oder wenn da in Teilen diese Tradition fortgesetzt wird, was sagt uns das eigentlich über den Zustand des russischen Gesellschaftssystems heute?

Erler: Ich meine, was mich beunruhigt ist, wenn es so ist, dass hier staatlich organisiertes Doping vorlag, mit einer politischen Verantwortung, die sich natürlich auch auf den Sportminister bezieht, dann hätte man doch eigentlich erwarten oder wenigstens hoffen müssen, dass man hier nicht wartet auf diesen Bericht der WADA, der Welt-Antidoping-Agentur mit diesem unabhängigen Untersucher McLaren, sondern dann hätte man doch selber tätig werden müssen. Das hätte die Weltöffentlichkeit ja weit mehr beeindruckt, wenn man jetzt nicht wartet, bis die Belege auf den Tisch kommen, sondern sagt, jawohl, wir haben hier schwere Fehler gemacht, wir haben hier unverantwortlich gehandelt, aber damit räumen wir jetzt auf. Da zu warten, bis die Belege vorgelegt werden, und dann zu sagen, jetzt suspendieren wir mal vorläufig die Offiziellen, die da genannt werden, und verlangen weitere Belege, ist kein besonders überzeugendes Vorgehen und das macht einen schon nachdenklich.

Saubere russische Sportler werden "zu Unrecht in diesen Topf geworfen"

Klein: Abschließend, Herr Erler, Sie würden das durchaus auch befürworten, auch wenn es von Russland dann heißt, das sei eine Kollektivstrafe und da seien auch Sportler betroffen, von denen man gar nicht wissen könne, ob sie gedopt hätten oder nicht?

Erler: Ja gut, das ist ja noch eine offene Frage, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, und daran habe ich auch keinen Zweifel, dass es saubere russische Sportler gibt, die zu Unrecht jetzt in diesen Topf geworfen werden und dann ihren Weg nach Rio versperrt kriegen. Das ist ja die Frage, ob man irgendeinen Mechanismus vielleicht noch anbietet, dass vielleicht diese betroffenen Sportler in irgendeiner Weise aufweisen können oder belegen können, dass sie nicht beteiligt waren an diesem systematischen Doping, und dann eine individuelle Beteiligungschance haben. Das ist ja auch schon diskutiert worden vorher und das mag auch der Grund dafür sein, dass das IOC ja erst mal sehr vorsichtig jetzt an dieses ganze Thema sich herantastet, heute erst mal eine Telefonkonferenz machen will. Worüber wollen die sprechen? Vielleicht auch darüber, ob man das, was ansteht jetzt an Verbot, verbindet mit solchen Möglichkeiten.

Klein: Die Konsequenzen aus dem Bericht zum russischen Doping, der gestern vorgelegt wurde. Wir sprachen darüber mit Gernot Erler, der Koordinator der Bundesregierung für die Zusammenarbeit mit Russland. Herr Erler, danke für Ihre Zeit und für das Gespräch heute Morgen.

Erler: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk