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StartseiteEine WeltDrama ohne Ende09.03.2013

Drama ohne Ende

Zwei Jahre Aufstand gegen Assad

Seit März 2011 kommt es in Syrien zu Protesten gegen das Assad-Regime. Der Machthaber heizte die Wut der Demonstranten und den entstanden Bürgerkrieg noch zusätzlich an. Viele Syrer fürchten eine ungewisse Zukunft, Chaos und Tod. Eine Lösung ist bislang nicht in Sicht.

Ein Bombenanschlag in Damaskus (picture alliance / dpa / Sana)
Ein Bombenanschlag in Damaskus (picture alliance / dpa / Sana)

15. März 2011 – Studenten-Protest gegen Assad in Damaskus – der Beginn.

"Es gibt keinen Kompromiss mit Terroristen, die bewaffnet Chaos verbreiten, keinen Kompromiss mit denen, die sich mit dem Ausland gegen uns verschworen haben."

Assads Standard – Terroristen sind für sein Regime auch Schüler, die es verhaftete, weil sie Freiheitsparolen an Wände malten. Das Regime schlägt zurück: Schüsse auf Unbewaffnete, Tausende in Haft, Folter.

"Unsere Reform hat zwei Seiten: sie ist politisch und bekämpft den Terror."

Er sieht sich als Reformer mit eiserner Faust, hebt das jahrzehntelange Ausnahmerecht auf, verspricht eine neue Verfassung, Parteien und Wahlen. Nach ersten Gewaltorgien kann das den Volkszorn nicht mehr besänftigen. Doch ist nicht ganz Syrien Opposition.

"Die Syrer sind religiös und ethnisch gespalten,"

sagt Landeskenner Hillal Khashan.

"Der Westen lehnt es ab, in Syrien einzugreifen. Russland und China als Freunde Syriens stehen gegen den Rest der Welt. Assads Stärke ist die Zerstrittenheit seiner Gegner und die Polarisierung der Bevölkerung."

Die Opposition hält immerhin ein Patt: trotz Spezialtruppen, staatlichen Schlägern und Scharfschützen, trotz allgegenwärtiger Geheimdienste. Dann Homs – die Stadt wird Zentrum des Aufstands gegen Assad. Wochenlang Dauerfeuer auf die Bewohner, auch den inzwischen bewaffneten Widerstand.

"Wir sind allein, niemand kümmert sich. Die UNO lässt zu, dass Assad uns mit Raketen und russischen T-72-Panzern beschießt. Wir werden uns bis zum Letzten wehren, wenn’s sein muss mit Küchenmessern – wir haben ein Recht auf Widerstand."

Assad heizt mit Sätzen wie diesem Wut und einen längst existenten Bürgerkrieg an.

"Wir bringen unser Volk nicht um. So was machten nur Verrückte."

Der Jugend von Homs bleibt da nur Zynismus.

"Assads Schläger und Mörder propagieren doch immer 'Assad oder keiner'. Na, dann nehmen wir doch lieber keinen."

Mord? Todesschwadrone? Die Armee ist nicht mein Eigentum, wehrt Assad ab. Ich bin Präsident, aber mir gehört das Land nicht. Es gibt keinen Schießbefehl. Intervention steht in Syrien aus Angst vor einem Flächenbrand in Nahost nicht an.

"Kosten und Konsequenzen wären riesig: Syriens Armee ist viel stärker als die Gaddafis. Intervention wäre Selbstmord."

Spezialeinheiten, modern ausgerüstet und gedrillt, der Sicherheitsapparat, vor allem Kommandoposten in Armee und Staat in der Hand von Alawiten, Assads schiitischer Minderheit, garantieren, dass nichts aus dem Ruder läuft. Viele Syrer fürchten eine ungewisse Zukunft, Chaos, Bürgerkrieg und Tod wie im Irak nach Saddam mehr als Assad.

Initiativen des Westens, auch der arabischen Welt erreichen außer Appellen und Sanktionen zulasten der Bevölkerung nichts. Die militärische Lösung entfällt, gleich, ob einige Länder den Widerstand bewaffnen. Bleibt allein der politische Ausweg.

"Nach Assad müssen alle an einen Tisch und eine nationale Lösung finden."

Für die Opposition, die sich mit einem mörderischen Regime nicht an den Tisch setzen will, ist Erfolg schmerzfrei nicht zu haben.

"Syrien ist Schaubühne für einen Stellvertreterkrieg – und der wird noch Monate, wenn nicht Jahre dauern"

… beschreibt Syrien-Kenner Heiko Wimmen den Konflikt. Die, die ihn lösen sollen, bemühen wie UN-Vermittler Brahimi zunehmend unglaubwürdig das Prinzip Hoffnung.

"Die Alternative heißt Hölle oder politischer Ausweg, da müssen wir doch auf die Politik setzen."

Was das Regime, Assad an der Spitze, so interpretiert.

"Wir bekämpfen die Terroristen, bis alle zur Strecke gebracht sind."

Die syrische Opposition: Undurchsichtig, zerstritten, selbstverliebt und ineffizient redet viel, aber wenig richtungweisend. Einig ist man sich im Frust übers Ausland, weil das keine oder zu wenig Waffen liefert.

"USA, Russland, Iran und EU haben nicht die Spur einer Lösung klagt Moaz al-Khatib, Chef der Nationalen Koalition, die größte Opposition. Die Syrer selbst müssen die Entscheidung erzwingen. Wir sagen der syrischen Führung: Finden wir einen Weg, ehe alles in Scherben liegt."

Vertraue nicht dem Ausland, wo auch die meisten Oppositionellen sitzen, so urteilt das syrische Volk, zwischen den Fronten oder auf der Flucht. Längst bemächtigen sich andere, ebenfalls Ausländer, der Lage, finden Rückendeckung bei ausgezehrten, verzweifelten Bürgerkriegs-Opfern: Islamistische Kämpfer geben den Ton an, geachtet für Mut und kompromisslosen Kampf gegen Assad, gefürchtet wegen ihres rückwärtsgewandten Weltbilds eines Regimes ähnlich dem der Taliban. Gruppen wie al Nusra, terrorgelistet nicht nur von Assad, sondern auch den USA.

"Al-Kaida-Rebellen und andere aus Libyen, Jemen, Libanon und Irak sind sich in ihrem Ziel einig," sagt Terror-Experte General Jaber. "Die Opposition in Syrien hat mit denen nichts zu tun, ist zu Anschlägen wie ihren gar nicht in der Lage. Solche Terroraktionen nehmen zu."

Die gekaperte Revolution. Ihr steht der syrische Widerstand im In- und Ausland hilflos gegenüber.

"Je länger Krieg andauert, desto mehr haben danach die das Sagen, die die Knarren haben. Wird Warlords und gut ausgerüstete Milizen geben. Dann spielt die Meinung der Bevölkerung keine Rolle. Wenn Gewalt weitergeht, kriegt Religion so dominanten Status, dass zivile Identitäten weggewaschen werden als seien sie nie da gewesen."

Syrien: Fass ohne Boden, Drama ohne Ende, Bankrotterklärung der Weltgemeinschaft, ein beispiellos aussichtsloser Konflikt.

"Umso schwieriger wird das dann anschließend, aus dieser Konfrontation wieder raus zu kommen und diese Identifikation "Wir sind alle Syrer" wieder zu reparieren und zu konstruieren."

Dass das Assad-Regime plötzlich sogar mit seinen bewaffneten Gegnern verhandeln will, stellt zunächst nur jene zufrieden, die wie UN-Vermittler Brahimi noch auf Dialog setzen. Doch Assad wäre nicht Assad, würde er nicht auf seiner Position beharren, wenn auch die Worte gelegentlich abwandeln, anpassen. Denn alle Macht in Syrien – so weit es das Regime betrifft - geht absehbar weiter von Assad aus. Dessen Zielrichtung ist klar.

"Syrien ist das einzige Land, wo ich leben kann, nicht im Westen oder woanders. Hier werde ich leben und sterben."

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