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StartseiteKalenderblattSein Stoff waren Schuld und Begehren21.12.2014

Dramatiker Jean RacineSein Stoff waren Schuld und Begehren

In Frankreich kennt jedes Schulkind seine Verse. Jean Racines dramatische Texte über Leidenschaft und unerfüllte Liebe gelten bis heute als Höhepunkte des klassischen Theaters. Doch seine Biografie gibt Rätsel auf. Heute vor 375 Jahren wurde er geboren.

Von Eberhard Spreng

Die französischen Schauspieler Carole Bouquet und Lambert Wilson als Berenice und Titus in einer Szene des Stücks "Berenice" von Jean Racine, Januar 2008 am Nord theatre in Paris (AFP /  JACQUES DEMARTHON)
Die französischen Schauspieler Carole Bouquet und Lambert Wilson als Berenice und Titus in einer Szene des Stücks "Berenice" von Jean Racine, Januar 2008 am Nord theatre in Paris (AFP / JACQUES DEMARTHON)
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Sein Leben spielte sich ab im Spannungsfeld von zwei mächtigen und unvereinbaren Kräften: einer jansenistischen Geistesstrenge, die den Menschen unrettbar in seiner Schuld verstrickt sah, und einem repräsentativen, theatralischen Gestus am glanzvollsten Hofe, den Europa je hervorgebracht hat. Und so wie Racines Leben von Extremen und harschen Wendungen geprägt war, so waren auch seine vor allem weiblichen Protagonisten verstrickt in komplizierte Gefühlswelten.

Jean Racine: "Phädra ist nicht vollends schuldig und nicht vollends unschuldig. Von ihrem Schicksal und dem Zorn der Götter in eine illegitime Liebe getrieben, ist sie die Erste, die darob der Schauder ergreift.“

Das schrieb der Dichter im Vorwort zu seiner wohl vollendetsten Tragödie: "Phèdre“. Jean Baptiste Racine wurde am 21. Dezember 1639 in der französischen Provinz als Kind eines  niederen Beamten geboren. Nach dem frühen Tod seiner  Eltern kam er in die Klosterschule von Port-Royal,  die Hochburg des französischen Jansenismus - eine katholische Oppositionsbewegung, die eine asketische Lebensführung predigte und im Frankreich des Sonnenkönigs verfolgt wurde. Bald begann der junge Poet, der bei Hofe mit einer Ode anlässlich der Heirat von Ludwig XIV. aufgefallen war, zum Leidwesen seiner Erzieher am mondänen Leben Gefallen zu finden.

Nach einer relativ konventionellen ersten Tragödie "La Thébaïde“ im Jahre 1664, führte sein "Alexandre le Grand“ zu einem Eklat. Denn noch während das Stück in einer Inszenierung Molières gezeigt wird, verhandelt der Dichter mit der konkurrierenden Theatertruppe im Hotel de Bourgogne, weil er sich von ihr eine bessere Interpretation seiner geschraubten Alexandriner verspricht. Zum Zerwürfnis mit Molière kommt es aber vor allem, weil Racine dem Theaterstar am Hofe Ludwig XIV. die Diva Therese du Parc abspenstig macht, die bis zu ihrem frühen Gifttod Racines Geliebte ist. Der Verdacht der Beteiligung am Mord fiel auf den Dichter, die verhängte Haftstrafe hat er nie angetreten. Therese du Parc spielte am Theater des Hotel de Bourgogne die Hauptrolle in Racines erstem großen Erfolg "Andromaque“.

Franziska Sick: "Entgegen dem Klischee über die französische Klassik ist es nicht die Glanzwelt des Sonnenkönigs, von der hier die Rede ist, sondern die Welt eines dunklen Begehrens, das ans Licht will und dieses Licht doch zugleich scheut.“

So die Romanistin Franziska Sick. Ganz entschieden hatte der Höfling Racine sich von der Dramatik des zuvor die Bühne beherrschenden, gut dreißig Jahre älteren Tragöden Pierre Corneille abgesetzt. Racines Helden scheitern nicht am Gegensatz ihrer Pflichten und Wünsche, sondern an ihren eigenen dunklen Leidenschaften – letztlich an dem Begehren ihrer Herzen.

Zitat:"Bei Racine zerbricht die Leidenschaft nicht an einem Gegensatz von Leidenschaft und Gesellschaft, sondern an dem Gegensatz von wechselseitiger und unerfüllter Liebe. Sie zerbricht, mit anderen Worten, an sich selbst.“

Eine ganz neue Sicht auf die Stoffe des klassischen Altertums

Tendre Racine, sensibler Racine, spöttelten die Kritiker über den Tragödienschreiber, der eine ganz neue Sicht auf die Stoffe des klassischen Altertums eröffnete. In nur zehn Jahren entstanden seine im strengen Versmaß des Alexandriners verfassten Hauptwerke, die in Frankreich bis heute als der Höhepunkt der klassischen Sprachkunst gelten. Es sind Geschichten über leidenschaftliche, unerfüllte Liebe, die in die Tragödie führt. Das Paradestück: "Phèdre“. Die verbotene Passion einer Königin zu ihrem Stiefsohn Hippolytos.

"Hé bien! connais donc Phèdre et toute sa fureur. J’aime. (…) Objet infortuné des vengeances célestes, Je m’abhorre encor plus que tu me détestes."

Keiner hat das Stück in den letzten Jahrzehnten gültiger inszeniert als der vor wenigen Monaten verstorbene Patrice Chéreau vor gut zehn Jahren am Théâtre de l’Odéon.

Chéreau-Phèdre: "Das ist ein unglaubliches Stück über das Begehren und das Gefühl von Schuld, das dieses Begehren heraufbeschwört. Über Scham und das Verbrechen, zu begehren. Es geht darum, alle Figuren zu verstehen, vor allem aber diese Frau und ihr Schicksal, eine Frau, die sich für eine Verbrecherin hält, die sie nicht ist."

Jean Racine, der zunächst zum königlichen Chronisten aufgestiegen und schließlich zum Kammerherrn berufen worden war, stellte später den Kontakt zu seinen jansenistischen Freunden wieder her und gab das Theater auf. In den 1690er-Jahren trat er auch öffentlich wieder für die spirituelle Oppositionsbewegung ein und fiel in Ungnade.

Seine letzten Jahre vor dem Tod am 21. April 1699 verbrachte er im Kreise seiner Familie, zurückgezogen vom höfischen Pomp. Sein Leben war gezeichnet von den ideologischen, religiösen und kulturellen Brüchen des barocken 17. Jahrhunderts. 

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