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StartseiteKultur heuteDramatische Auseinandersetzung mit Frauen als Opfer des Krieges12.01.2013

Dramatische Auseinandersetzung mit Frauen als Opfer des Krieges

Karin Beier inszeniert die "Troerinnen" in Köln

Karin Beier und ihre Dramaturgin Ursula Rühle inszenieren "Die Troerinnen" von Euripides in der Fassung von Jean-Paul Sartre am Kölner Schauspiel. Das Stück erzählt ganz allgemein von der Situation von Frauen im Krieg.

Von Karin Fischer

Die Intendantin des Kölner Schauspielhauses, Karin Beier, wird nach Hamburg gehen. (picture alliance / dpa)
Die Intendantin des Kölner Schauspielhauses, Karin Beier, wird nach Hamburg gehen. (picture alliance / dpa)

Zuerst die Verlustmeldung: Poseidon steht in einem wogenden Meer aus Tuchbahnen und blickt auf die zerstörte Stadt. Alle Trojaner sind tot, ihre Frauen werden zur Beute der Griechen, Königin Hekuba und ihre Töchter als Sklavinnen der Feinde verschleppt. Die Troerinnen erscheinen, in einem düsteren Carré von schwarzem Sand, in graue Schlafsäcke gehüllt, vom Nebel verhüllt. Am Anfang steht der stumme Ausdruck von Leid. Dann verkündet Julia Wieninger als Königin Hekuba eine erstaunlich moderne, nihilistische Weltsicht:

"Ja, Schluss mit den Dementis, alles ist falsch, es ist niemand da. Wir wollen betrogen sein, von allen Zeiten betrogen sein. Alles Lüge."

Karin Beier und ihre Dramaturgin Ursula Rühle haben die schlanke Übersetzung der "Troerinnen” von Jean-Paul Sartre noch einmal verdichtet, kurze Texte von Cioran, Nietzsche oder Pasolini eingearbeitet und daraus ein dunkles, starkes Oratorium der Opfer gemacht. Das aber nicht so sehr von Ohnmacht kündet als eher von Erschöpfung oder Wut. Und das ganz allgemein auf die Situation von Frauen als "Verfügungsmasse” im Krieg zielt, das zeigt, was Frauen droht oder angetan wird, Verschleppung, Vergewaltigung, Sklaverei. Das hört sich, aus dem Mund Talthybios’, dann so an:

"Bewegung. Alle. Bewegung, Bewegung, Bewegung. Säcke schleppen, los, jetzt. Du auch. Steh auf. Arbeiten. Schneller. Jeder ist eingeladen, hier mitzuarbeiten, hoch!"

Die Chorstellen im Text sind gestrichen, einmal bricht ein vielköpfiger Frauenchor dafür in fremdartige Klage aus. Die eurasisch klingende Musik und die Geräusche machen wie immer Musikerinnen am hinteren Bühnenrand. Im Kern aber geht es um die Frage, was Zivilisiertheit bedeutet, oder Menschenwürde. Denn die Frauen stellen mit der Logik dieses Krieges auch die vermeintliche moralische Überlegenheit der Kolonisatoren infrage:

""Ihr Griechen habt gesiegt. Und um Jagd zu machen auf eine einzige untreue Frau habt ihr eure Frauen zehn Jahre lang allein gelassen. Und ruhig hat sich der Ehebruch in allen Häusern Griechenlands eingenistet. Das nennt ihr, glaube ich, den Krieg gewinnen.”"

Die Griechen töten sogar Andromaches Kind; ein Baby also muss sterben "wegen einer Hure”. Wenn der Feind Kinder umbringt, so die glasklare Analyse der Frauen, dann nicht, um seinem Schicksal zu entgehen, das hier längst nicht mehr von den Göttern gezimmert wird, sondern um sich von der eigenen Angst zu befreien. Jeder Mann in jedem Krieg tötet auch aus genau diesem Grund. Und so schlägt Beier mit Sartre und einem 2000 Jahre alten Stück Bewusstseinsbrücken ins 21. Jahrhundert.

Auch formal übrigens. Die Troerinnen - das bewährte Kölner Frauen-Ensemble mit Lina Beckmann, Angelika Richter, Anja Lais mit unter anderen Rosalba Torres Guerrero als tanzender Kassandra - treten nicht nur in langen weiten Röcken mit zum Teil nackten Oberkörpern oder großen Masken auf. Zwischendurch gibt es eine kleine Helena-Casting-Show mit "Happy Birthday, Mr. President” und Marilyn Monroe-Imitation oder einen umgeschnallten riesigen Gummi-Phallus. Der Weg vom antiken Frauen-Opfer zur Hure mit gelben Gummistiefeln ist kurz und Frauen-Schicksale haben viele Gesichter, auch das der blonden Unschuld einer Helena, die Menelaos wieder um den Finger wickelt. Die Männer, weit entfernt vom Typ siegreicher Held, spielen ohnehin nur eine Nebenrolle. Ganz am Schluss schleppt Hekuba ganz alleine Sandsäcke über die Bühne, als Symbol für die Einsamkeit des Opfers, das seine Würde aber nicht verloren hat. Eine kurze, stimmige Inszenierung, die letzte von Karin Beier. Mit ihr verliert Köln nicht nur eine kluge Intendantin mit geradlinigem Urteil, sondern auch das konsequenteste, menschlichste, politischste und aufklärerischste Bild der Frau, das das Theater in den letzten Jahren gezeichnet hat.

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