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StartseiteKalenderblattEin Humanist zwischen Boulevard und Klassik08.11.2014

Dramaturg Kurt HirschfeldEin Humanist zwischen Boulevard und Klassik

Kurt Hirschfeld kam 1933 aus Deutschland an das Schauspielhaus Zürich und wurde zum wichtigsten Kopf der antifaschistischen Exilbühne. Mit seinen Spielplänen, die sich moderner Weltdramatik öffneten, wurde das Haus zum Vorbild für das deutsche Nachkriegstheater. Vor 50 Jahren starb Hirschfeld.

Von Eva Pfister

Rote Theaterstühle (picture-alliance / dpa-ZB / Patrick Pleul)
1961 übernahm Kurt Hirschfeld sogar die Direktion des Schauspielhauses Zürich und leitete es bis zu seinem Tod drei Jahre später. (picture-alliance / dpa-ZB / Patrick Pleul)

Kurt Hirschfeld war ein bescheidener Mensch. Als Dramaturg war er die treibende Kraft, die ab 1933 aus einem provinziellen Boulevardtheater in Zürich die führende deutschsprachige Exilbühne machte. Aber dafür fand er rückblickend eine recht pragmatische Begründung:

"Nun kamen aber Schauspieler aus Berlin, aus München, die kein Boulevard spielen konnten, es war also eine Notwendigkeit, mit den Klassikern durchzukommen, es war eine Notwendigkeit, ernstes Theater zu spielen, weil diese Schauspieler eigentlich nichts Anderes zu spielen gewohnt waren."

Gezielt luden Hirschfeld und seine Mitstreiter Verfolgte des Naziregimes nach Zürich ein, um mit ihnen antifaschistisches Theater zu machen. Wolfgang Langhoff wurde so vor erneuter KZ-Haft bewahrt. Aus Berlin kam der Bühnenbildner Teo Otto, der sich später an sein erstes Gespräch mit dem 31-jährigen Dramaturgen Hirschfeld erinnerte:

"Mit seiner klugen Tätigkeit und seinem hervorragenden menschlichen Verständnis schien er mir vom Schicksal eingesetzt zu sein als ein Angler von hohem Rang, der immerhin Lindtberg, Horwitz, Steckel, Ginsberg und Therese Giehse aus der wellenschlagenden Politik an Land gezogen hatte. Die positive Art, mit der er über die Engagierten sprach, die Freude, sie in Zürich zu wissen, seine Besorgtheit veranlassten mich, zu bleiben und mein Bündel auszupacken."

Affinität zu Brecht

Geboren wurde Kurt Hirschfeld am 10. März 1902 im niedersächsischen Lehrte. Er studierte in Heidelberg, Frankfurt und Göttingen und schrieb in Berlin für Feuilletons. Als Dramaturg in Darmstadt setzte er sich zuletzt noch für die Aufführung eines Brecht-Stückes ein, bevor er als Jude entlassen wurde. In Zürich konnte Hirschfeld wieder Brecht auf den Spielplan bringen, als erstes die "Mutter Courage".

O-Ton aus "Mutter Courage": "Herr Hauptmann lass die Trommel ruhen und lass dein Fußvolk halten an. Mutter Courage kommt mit Schuhen, in denens besser laufen kann."

In der Uraufführung im November 1941 spielte und sang Therese Giehse die Titelrolle. Nach dem Krieg kam Bertolt Brecht selbst nach Zürich, um gemeinsam mit Kurt Hirschfeld die Uraufführung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" zu inszenieren. Natürlich standen auch leichte Stücke auf dem Spielplan, außerdem viele Klassiker sowie zeitgenössische Stücke aus Frankreich und dem angelsächsischen Raum. Mit dieser Öffnung zur modernen Weltdramatik hin wurde das Schauspielhaus Zürich zum Vorbild für das deutsche Nachkriegstheater. Hirschfeld spielte seine Leistung 1963 im Schweizer Radio wie gewohnt etwas herunter:

"Es war Krieg. Die Schweiz war abgeschlossen. Deutschsprachige Schauspieler kamen nicht mehr zu uns. Wir waren also ein festes und geschlossenes Ensemble. Für einen Dramaturgen natürlich eine ungeheure Situation. Wir konnten den Spielplan radikal von der Dramaturgie her bestimmen. Das heißt, wir haben lediglich festgestellt, was ist notwendig, und das was notwendig war für die Zeit und in der Zeit notwendig war, wurde gespielt."

Eine solche Notwendigkeit war die deutschsprachige Erstaufführung von Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen", eine andere "Die Fliegen" von Jean-Paul Sartre. Kurt Hirschfeld bemühte sich aber auch um die Schweizer Dramatik, er war es, der den Architekten Max Frisch dazu bewegte, fürs Theater zu schreiben.

Hirschfeld:

"Eines Tages las ich in der "Neuen Zürcher Zeitung" ein Feuilleton, das hieß "Blätter aus dem Brotsack". Dies Feuilleton gefiel mir ungewöhnlich, und ich erkundigte mich nach dem Autor, Max Frisch, und traf ihn eines Tages auf der Straße vor dem Theater am Pfauen. Und wir gingen zusammen zum See runter, er stieß sein Fahrrad neben sich her, und ich fragte ihn, ob er nicht bereit sei, einmal Stücke zu schreiben, er könne doch schreiben. Und siehe da, nach wenigen Monaten brachte er mir als erstes Stück "Santa Cruz"."

Obwohl die ersten Stücke von Max Frisch bei Publikum und Presse nur verhalten aufgenommen wurden, hielt Hirschfeld ihm die Treue und wurde dafür mit dem großen Erfolg von "Andorra" belohnt. Die Uraufführung 1961 inszenierte er selbst, mittlerweile als Direktor des Zürcher Schauspielhauses. Diese Position behielt Kurt Hirschfeld bis zu seinem frühen Tod am 8. November 1964. Seine letzte Regie galt dem Drama "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing, - sein Vorbild als Dramaturg und als aufgeklärter Humanist.

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