Donnerstag, 30. Juni 2022

Archiv


Drastischer Kälteschock

Paläoklimatologie. – Der Mensch spielt am Thermostaten unseres Planeten und droht das Klima nachhaltig zu verändern. Vor rund 33 Millionen Jahren geriet das Klima zuletzt gehörig aus den Fugen. Damals verwandelte sich die Erde von einem Treibhaus in ein Eishaus. Einen genaueren Einblick in das, was damals passiert ist, erlauben uns zwei Aufsätze in der aktuellen "Nature".

Von Dagmar Röhrlich | 08.02.2007

Klimaeskapaden sind nichts Neues für die Erde, auch wenn wir Menschen das bislang noch nicht erlebt haben. So spielte das Klima vor 33einhalb Millionen Jahren verrückt: Auf der bis dahin grünen Antarktis wuchs plötzlich der dicke Eispanzer, der sie heute noch bedeckt.

"”Wir wissen aus Meeressedimenten, dass die Temperatur der Ozeane damals um zwei bis drei Grad abgekühlt ist. Aber wie sich das auf die Kontinente auswirkte, davon hatten wir keine Ahnung. War nur die Antarktis samt angrenzenden Gebieten betroffen, oder wurde es weltweit kühler? Das ist höchst interessant, weil wir aus vergangenen Episoden mit extremen Klimaschwankungen viel lernen können.""

Alessandro Zanassi von der Universität South Carolina in Columbia. Jetzt geben Untersuchungen in Nordamerika und China erstmals klare Hinweise darauf, dass vor 33,5 Millionen Jahren nicht nur die Antarktis abkühlte, sondern dass auch die Kontinente der Nordhalbkugel betroffen waren. Das Team um Alessandro Zanassi untersuchte fossile Knochen und Zähne aus Nebraska, Süd-Dakota und Wyoming:

"Der Klimawandel war global und auf den Kontinenten sogar sehr viel größer als im Meer. Das verraten uns chemische Signale in den fossilen Knochen und Zähnen. Die globale Durchschnittstemperatur ist demnach um etwa acht Grad C abgestürzt."

Ein zweites Team kommt aus den Niederlanden und aus China. Auch diese Geologen haben überprüft, wie sich das Klima zu dieser Zeit in Asien verhalten hat, genauer gesagt: im Nordosten des Hochlandes von Tibet:

"”Wir haben dort in den Ablagerungen den Übergang vom Eozän zum Oligozän vor 33,5 Millionen Jahren gefunden, also die Wende, um die es hier geht. Vor dieser Grenze finden wir in den Ablagerungen Gipslagen, die über sehr lange Zeit hinweg entstanden sind. Damals füllten sich dort zur Regenzeit kleine Seen, die später austrockneten. Dabei kristallisierten die im Wasser gelösten Minerale vor allem zu Gips. Vor 33,5 Millionen Jahren änderte sich das: Der Regen blieb aus, und damit verschwanden die Gipslagen. Es passierte genau in dem Moment, als in der Antarktis der Eisschild zu wachsen begann.""

Hemmo Abels von der Universität Utrecht. Die beiden Aufsätze sind von einem weiteren Experten bewertet worden. Für Gabriel Bowen von der Purdue University werfen sie Licht auf die Zeit, als die Erde zu dem Eishaus wurde, was sie heute noch ist. Bowen:

"”Der Klimawandel an den Polen war damit aber nicht nur das Ergebnis eines lokalen Mechanismus, sondern Teil eines globalen Klimawandels, einer globalen Abkühlung, die wohl am wahrscheinlichsten durch das Absinken des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre angetrieben wurde. Doch was steckt hinter diesem Abfall im Kohlendioxidgehalt? Zwar verraten uns das die beiden Studien nicht, aber sie geben Hinweise. Die provozierende Idee: Plattentektonische Veränderungen können dafür verantwortlich sein.""

Denn zu jener Zeit war ein anderer Prozess in vollem Gange: Der Himalaya hob sich – und damit standen der Verwitterung ungeheure Mengen an Gestein zur Verfügung, die sie chemisch attackieren konnte. Abels:

"Wegen der Hebung des Himalaya nimmt die Verwitterung zu. Bei diesen chemischen Reaktionen wird Kohlendioxid verbraucht, wodurch der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sinkt. Dieses Kohlendioxid verschwindet dauerhaft, der Treibhauseffekt sinkt ab - und das Treibhaus Erde verwandelt sich in ein Eishaus."