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StartseiteKalenderblatt"Drehe, kreisele, fliege"18.08.2010

"Drehe, kreisele, fliege"

Vor 200 Jahren wurde der Tänzer und Choreograf Jules Perrot geboren

Die Aufmerksamkeit im romantischen Ballett gehörte eigentlich den Tänzerinnen. Dennoch erregte der Franzose Jules Perrot mit seinem Tanzstil großes Aufsehen und war später auch als Choreograf erfolgreich.

Von Wiebke Hüster

Jules Perrot choreografierte vermutlich alle Variationen der "Giselle". (AP)
Jules Perrot choreografierte vermutlich alle Variationen der "Giselle". (AP)

Jules Perrot choreografierte vermutlich alle Variationen der "Giselle" in Adolphe Adams Ballett, mit dem 1841 der Höhepunkt der Romantik im Ballett erreicht wurde. Als Choreograf blieb Jules Perrot gleichwohl unerwähnt in den Programmheften von "Giselle" - der Ruhm der Nachwelt fiel lange allein auf den Ballettmeister Jean Coralli. Als Tänzer musste Perrot sich dem Geist seiner Zeit beugen. Und das bedeutete, noch die größten und technisch atemberaubensten männlichen Tänzer verblassten in der Wahrnehmung des Publikums angesichts der Leistungen der brillanten Ballerinen. In den zehn Jahren seit "La Sylphide" 1831 von Paris aus den Siegeszug über die europäischen Ballettbühnen angetreten hatte, entwickelten sie ihre Spitzentanztechnik so faszinierend weiter, dass der Männertanz das Publikum weniger und weniger interessierte.

Jules Perrot, geboren am 18. August 1810, dessen Vater ein Maschinist im Theater von Lyon gewesen war und ihn zum Tänzer bestimmt und im Alter von neun Jahren in den Ballettunterricht geschickt hatte, Perrot tanzte von 1830 an endlich an der Pariser Oper. Er hatte es ins beste Haus Frankreichs geschafft und war als Partner von Marie Taglioni – der romantischen Ballerina schlechthin – beliebt. Doch nach wenigen Saisons zu beliebt für Taglioni, wie es heißt: 1835 schon zog er sich aus Paris zurück und tourte durch Europa.
Es gab sozusagen einen Verdrängungswettbewerb der Geschlechter im Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums, den Anteil an Soloauftritten, die Größe und Bedeutung der Partien.
Jules Perrots Lehrer Auguste Vestris verriet seinem Schüler, dem zwar eine außerordentliche Begabung, nicht aber bezwingende physische Gefälligkeit gegeben war, eines seiner wichtigsten Geschäftsgeheimnisse:

"Drehe, kreisele, fliege, aber gib dem Publikum niemals Zeit, Deine Erscheinung aus der Nähe zu studieren."

Gegenüber Dritten wurde Vestris mit der schonungslosen Direktheit von Körperarbeitern sogar noch deutlicher:

"Perrot ist nicht gutaussehend, er ist sogar ausgesprochen hässlich. Von der Taille aufwärts hat er die Proportionen eines Tenors; mehr gibt es dazu nicht zu sagen, aber ihn von der Taille abwärts anzuschauen ist ein Vergnügen."

Bot Jules Perrot die Mode der Zeit Anlass, als Tänzer über seine Gegenwart zu verzweifeln, so schuf dieselbe Vernarrtheit in die Tänzerinnen Gelegenheiten für ihn, als Choreograf zu reüssieren. Der amerikanische Tanzhistoriker Robert Greskovic formulierte so:

"1845 entwickelte Benjamin Lumley, ein cleverer englischer Theateragent, das erste Kassenschlager-Superstar-Ereignis der Ballettwelt, indem er Jules Perrot mit einer besonderen Choreografie beauftragte – für ein Ballett, das vier der berühmtesten Ballerinen tanzen sollten. Neben Marie Taglioni standen Carlotta Grisi auf der Bühne, Lucille Grahn, eine dänische Tänzerin von internationalem Ruhm sowie Fanny Cerrito, von der Paris noch nichts gesehen hatte, italienische Städte, Wien und London aber schwärmten."

Die Reihenfolge ihrer Auftritte ließ sich ohne Eklat nur so festlegen, dass man das Alter der Tänzerinnen zum maßgeblichen Kriterium erklärte.
Perrot feierte dank dieses diplomatischen Schachzuges einen großen choreografischen Erfolg. Mit "Le jugement de Paris" konnte er diesen Erfolg wiederholen. Dann bot ihm das Kaiserliche Theater St. Petersburg ein Gehalt als Tänzer, das er nicht ablehnen konnte, und im Anschluss an die Bühnenkarriere eine Stellung als Ballettmeister. Doch als 1858 in seiner St. Petersburger Wohnung ein riesiger Spiegel von der Wand fiel und krachend zerschlug, soll der abergläubische Perrot dies als Zeichen genommen haben, nach Frankreich zurückzukehren. Das war eine gute Entscheidung, denn sie sollte zur Begegnung des alten Ballettmeisters mit dem ballettbegeisterten Maler Edgar Degas führen. Auf allen Gemälden Degas' aus dem Ballettsaal der Pariser Oper ist der Mann inmitten der petits rats, der kleinen Ballettratten, derselbe: Jules Perrot. Was macht es schon, dass er den Oberkörper eines Tenors besitzt.

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