Samstag, 17.11.2018
 
Seit 10:05 Uhr Klassik-Pop-et cetera
StartseiteKalenderblattDrei Tage im August16.08.2008

Drei Tage im August

Vor 20 Jahren begann das Gladbecker Geiseldrama

Gladbeck ist ein kleiner Ort in Nordrhein-Westfalen, dessen Name seit 20 Jahren untrennbar mit dem Wort Geiselnahme verbunden. Drei Tage lang hielt die Republik den Atem an: Was als Banküberfall in der Kleinstadt begann, eskalierte zu einem Geiseldrama, bundesweit begleitet und verfolgt von den Medien, die mit den Verbrechern eine regelrechte Geschäftsbeziehung eingingen. Am Ende starben zwei unschuldige Menschen.

Von Klaus Pokatzky

Der tätowierte Gladbeck- Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner gibt in Köln ein Interview. (AP)
Der tätowierte Gladbeck- Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner gibt in Köln ein Interview. (AP)

"Sie meinen nicht, dass es nicht besser ist aufzugeben?" - "Ne, Aufgeben auf keinen Fall. Dat, ich kann Ihnen ganz konkret sagen, wie dat dann abläuft. Dann knallt et da drin und vor allem mein Kumpel ist brandgefährlich, ne, und, äh, der Letzte is dann diesen hier, ja."

ARD-Tagesthemen: " Ein schier unglaublicher Zynismus. "

Es waren am Ende drei Tage von schier unglaublichem Zynismus, den Sabine Christiansen als Moderatorin der ARD-Tagesthemen beklagte. Es waren drei Tage, vom 16. bis zum 18. August 1988, die der deutschen Medienszene ein anderes Gesicht gaben: drei Tage eines Geschäfts auf Gegenseitigkeit zwischen Schwerstverbrechern wie Hans-Jürgen Rösner und Journalisten.

" Rund um den Tatort Polizeikräfte. Journalisten sind auch dort. Guten Abend zum "heute-journal". "

Journalisten waren fast von Anfang an dabei. Am Morgen des 16. August überfallen Rösner und Dieter Degowski die Filiale der Deutschen Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Das wird von Passanten beobachtet, die Polizei umstellt die Bank - Rösner und Degowski nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln und verschanzen sich mit ihnen in der Bank. Schüsse fallen. Und die ersten Anrufe von Redaktionen aus ganz Deutschland treffen in der Bank ein: private Radiosender und Fernsehstationen, Agenturen und Tageszeitungen bitten die Geiseln, vor allem aber die "Herren Geiselnehmer" zum Interview.

" Hier hinter mir ist alles in Deckung gegangen. Ich kann hier bei einem Fahrzeug, das an der Straße steht, sehen, wie die Polizisten sich dahinter im Verborgenen halten. "

Abends verlassen die Bankräuber mit ihren beiden Geiseln und mehr als 400 000 Mark Lösegeld in einem von der Polizei bereitgestellten Fluchtauto die Bank - unter dem Blitzlichtgewitter der Presse, um 21 Uhr 45, pünktlich zum Sendebeginn des ZDF "heute-journals", das live überträgt.

" Jetzt ist das Fahrzeug vor uns. Einer der Täter hat eine Pistole in der Hand gehabt. "

Nach einer nächtlichen Irrfahrt landen sie in Bremen, kapern in Bremen- Huckelriede einen Linienbus mit 30 Insassen und geben Radio Bremen ein Interview. Das wird dann später auch in den ARD-Tagesthemen mit Sabine Christiansen ausgestrahlt:

" Ein makabres Dokument. Die Entscheidung, dieses Interview auszustrahlen, ist uns nicht leicht gefallen. Doch wir halten es, wie gesagt, für ein Dokument. - "Wie lange wollen Sie denn die Geschichte noch fortsetzen?" - "Ja, wir werden einige Forderungen stellen; und werden die nicht erfüllt, dann knallt et, ne?" "

Tag Drei der Geiselnahme.

" Der Kollege Heribert Kötting ist vor einer guten Stunde an dem Ort gewesen, wo die Geiselgangster und ihre Opfer sich zur Zeit aufhalten, und, Herr Kötting, Sie hatten ein Tonbandgerät dabei, Sie konnten mit den Gangstern sprechen. - Ja. "

Das Hörfunk-"Mittagsmagazin" des Westdeutschen Rundfunks. Die Geiselnehmer waren von Bremen-Huckelriede mit dem gekaperten Bus Richtung Niederlande gefahren. An der Raststätte Grundbergsee hatte Dieter Degowski den fünfzehnjährigen Emanuele de Georgi erschossen. Nach Verhandlungen mit der Polizei lassen die Entführer in den Niederlanden die Businsassen frei - bis auf zwei junge Frauen, mit denen sie in einem neuen Fluchtauto Richtung Köln fahren. Dort in der Fußgängerzone geben sie ihre nächsten Pressekonferenzen unter freiem Himmel.

WDR-Mittagsmagazin: " Und ich habe dann eine der beiden Geiseln auf dem Rücksitz gefragt, Silke Bischoff, 18 Jahre, aus Kattenesch: "Wie fühlen Sie sich?" - "Ja, ein bisschen geschafft, aber sonst ganz gut." - "Ja. Haben Sie Angst?" - "Ja, ein bisschen." - "Wie werden Sie behandelt, von den Geiselnehmern?" - "Ja, gut." "

Wenig später ist Silke Bischoff, 18 Jahre alt, tot - getroffen durch einen Schuss aus der Waffe Rösners beim Befreiungsversuch der Polizei auf der Autobahn von Köln nach Frankfurt. Am 22. März 1991 werden Degowski und Rösner vom Landgericht Essen zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Rudolf Esders war der Vorsitzende Richter.

" Und ich habe hinterher auch erfahren, dass bei der Rast in Köln ein Reporter zu spät gekommen ist. Und dieser Reporter hat dann zu Degowski gesagt: ‚Hör mal, ich bin zu spät gekommen, kannste nicht noch mal die Fleppe hochhalten? Ich will noch ein Bild machen.' Degowski hat ihm dann diesen Gefallen getan; und er hat dann so feste gedrückt, dass die Revolvermündung einen kreisrunden Abdruck auf Silke Bischoffs Hals hinterließ. "

Friedrich Nowottny war damals Intendant des Westdeutschen Rundfunks.

" Und man hat tausend Eide geschworen, es nie wieder so zu machen - ich könnte mir vorstellen, dass es Meineide sein werden, wenn es sich wiederholen sollte, wenn sich ein Ereignis dieser schrecklichen Art wiederholen sollte. "

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk