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StartseiteBüchermarktDenken in und mit der Welt18.12.2016

Dreyfus/Taylor: "Die Wiedergewinnung des Realismus"Denken in und mit der Welt

Die Ressourcen sind knapp, der Erde droht der ökologische Kollaps. Vor diesem Hintergrund ist eine breite Debatte über einen neuen Realismus entstanden, der diese Probleme nicht nur angemessener beschreiben, sondern auch besser in den Griff bekommen soll. Nun haben sich die beiden US-Philosophen Hubert Dreyfus und Charles Taylor mit einem gewichtigen Beitrag in die Debatte eingeschaltet.

Von Leander Scholz

Eine grünes Notausgangs-Hinweisschild mit einem grünen Männchen und einem weißen Pfeil, der nach rechts zeigt. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Die beiden Autoren meinen: Als verkörperte Akteure verhalten wir uns immer schon angepasst an unsere unmittelbare Umwelt (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
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In den 90er-Jahren, nach dem Fall der Berliner Mauer, war die politische Eu­phorie groß. Das Ende des Kal­ten Krieges ging mit einem historisch ein­zigartigen Optimismus einher. Zumindest für ein paar Jahre erschienen die Probleme und Konflikte des europäischen Kontinents und womöglich sogar der ganzen Welt als prinzipiell lösbar. Im Zeichen der Globalisierung gab es erstmals die Hoffnung, dass sich die Menschen weltweit verständigen und in der Lage sein könnten, das Elend der Welt zu über­winden. In der Theoriebildung drückte sich diese Zuversicht in einer Dominanz konstruktivistischer Ansätze aus. Als Welt wurde nicht das verstanden, was gegeben war, sondern was aus dem Gegebenen in unserer Vorstellung gemacht wurde. Für die Kognitionswissen­schaft war die Außenwelt ein Konstrukt unseres Gehirns. Für die Gendertheorie waren die Geschlechter ein Konstrukt der sozialen Verhältnisse. Und für die Systemtheorie war die Gesell­schaft insgesamt ein Konstrukt aus Kommunikationen, das sich längst von den Körpern und den Dingen emanzipiert hatte. Alles, was konstruiert ist, lässt sich auch anders konstruieren. Traditionen wurden als erfunden verstanden. Die Realität schien hinter den Zeichen und Me­dien zu verschwinden.

Wendepunkt 11. September 2001

Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich diese Situation allerdings grundlegend geändert. Nicht nur in der politischen Theorie wuchs wieder das Interesse an realistischen Positionen. Nicht das Konstruierte, das Machbare, sondern das Gegebene rückte in den Vordergrund. Auch die Erkenntnistheorie begann sich wieder für die Welt jenseits unserer Konstruktionen zu interessieren. Zu diesem Wandel trug nicht zuletzt die bit­tere Ein­sicht bei, dass auch virtuelle Welten von harten physischen Bedingungen abhängen. Wenn der Strom ausfällt, hilft die beste aller Netzwelten nicht weiter. Und selbst in der postmateriellen Ge­sellschaft müssen die Menschen noch Nahrung zu sich neh­men. Die Ressourcen sind nach wie vor knapp. Der Erde droht im­­mer noch der ökologische Kollaps. Und die Weltbevölkerung wächst ungebrochen. Die Verteilungskämpfe werden in Zukunft eher wohl noch brutaler werden, als sie es jetzt bereits sind. Vor die­sem Hin­tergrund ist inzwischen eine breite Debatte über einem neu­en Realismus entstanden, dem es gelingen soll, die­se Probleme nicht nur angemessener zu beschreiben, sondern auch bes­ser in den Griff zu bekommen.

In diesem Sinne haben die beiden Philosophen Hubert Dreyfus und Charles Taylor ein Buch vorgelegt, das uns zu einem endgül­tigen Bruch mit der konstruktivistischen Tradition auffordert. Der programmatische Titel des Buches lautet: Die Wiedergewinnung des Realismus. Und der Anspruch, den die Au­toren gleich zu Beginn formulieren, ist kein geringer:

"In unserer Kultur ist ein gewaltiger Irrtum wirksam: Ein effektives (Miß-) Verständnis dessen, was Erkenntnis eigentlich heißt, das auf vielen Gebieten unheilvolle Auswirkungen hat. Um es in einer prägnanten Formel zusammenzufassen, könnte man sagen, dass wir das Erkennen als etwas Vermittlungsgebundenes (miss-)ver­stehen."

Hubert Dreyfus lehrt Philosophie an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Bislang hat er sich neben seinen Arbeiten zur europäischen Tradition der Phänomenologie und zum Existenzi­a­lismus vor allem mit den Auswirkungen der Künstlichen In­tel­li­genz beschäftigt. Dem deutschen Publikum ist er in erster Li­nie durch seine Bücher über Martin Heidegger und Michel Fou­cault bekannt. Die nicht zu unterschätzende Leistung dieser Bü­cher be­­steht darin, die beiden Philosophen für die analytische Philosophie in den USA zugänglich gemacht zu haben.

Die gro­ße Kluft zwischen der traditionellen Kontinentalphilosophie und der ame­ri­kanischen Philosophie, die inzwischen auch in Deutsch­land eine zunehmend bedeutendere Stellung einnimmt, spielt auch für das Werk von Charles Taylor eine zentrale Rolle. Der kanadische Phi­losoph, der lange Zeit an der Universität von Montreal Politik und Philosophie lehrte und zahlreiche Gastprofessuren in der ganzen Welt innehatte, darunter auch einige in Deutschland, ist insbesondere durch seine Bücher zur politischen Philosophie be­kannt geworden. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des  Kommunitarismus, einer jüngeren Schulbildung in den USA im Bereich der politischen Philosophie.

Ausgangspunkt ist die Gemeinschaft

Bereits die Erläuterung dieser Hintergründe macht deutlich, aus wel­­cher Perspektive die beiden Autoren ihr Vorhaben einer Wie­der­gewinnung des Realismus angehen. Denn auch der Kommu­nitarismus geht von einer grundsätzlichen Kritik der konstruktivistischen Tradition aus und stellt die politischen Prämissen des klas­sischen Liberalismus in Frage, die bis heute unser Den­ken noch weitgehend bestimmen. Seit der Neuzeit hat die politische Theorie im Unterschied zur Antike das atomistische Individuum mit seinen egoistischen Interessen ins Zentrum ihrer Überlegungen gestellt. Demnach schließen sich viele einzelne Menschen zu einem Staat zusammen, der ihre Sicherheit und ihre Freiheit ge­währleisten soll. Dieser Zusammenschluss wird als ein Vertrag verstanden, den jeder mit jedem schließt. Konstruktivistisch ist diese Theorie, weil es sich bei diesem Vertrag um ein Konstrukt han­delt. Kein Bürger hat jemals einen Vertrag unterzeichnet, der ihn zum Mitglied eines Staates macht. Tatsächlich werden Menschen in bereits bestehende Gemeinschaften hineingeboren. Und diese Gemeinschaften beginnen niemals von Null, sondern beruhen auf früheren Gemeinschaften, die sich verändern. Selbst eine Revolution stellt keinen vollständigen Neuanfang dar. Aus diesem Grund geht der Kommunitarismus nicht wie der Liberalismus von vereinzelten Individuen aus, sondern von der Gemeinschaft, in der die Menschen leben und von der sie geprägt sind. Ihren Namen hat die politische Strömung daher vom lateinischen Wort für Gemeinschaft: communitas.

Aus dieser kritischen Perspektive blicken Hubert Dreyfus und Charles Taylor nun auch auf die lange Tradition der konstruktivistischen Erkennt­nistheorie, die seit dem 17. Jahrhundert ebenfalls das vereinzelte Individuum und dessen einsamen Blick auf die Dinge als maßgebliches Modell gewählt hat, um begreifen zu können, was Erkenntnis überhaupt ist:

"Die Wirklichkeit, die ich erkennen will, befindet sich außerhalb des Geistes; meine Erkenntnis dieser Realität ist im Inneren. Die­se Erkenntnis besteht in geistigen Zuständen, die den Anspruch er­heben, genau das, was draußen ist, darzustellen. Erkenntnis fin­det dann statt, wenn diese Zustände die Realität tatsächlich in rich­tiger und zuverlässiger Form wiedergeben. Zur Erkenntnis der Dinge gelange ich nur durch die Vermittlungsleistung dieser inneren Zustände, die wir als 'Ideen' bezeichnen."

Strikte Trennung von Innerem und Äußerem

Die Dinge, die sich außerhalb von uns befinden, werden durch unsere Sinne in einzelne Daten zerlegt und gelangen so in unser Inneres. Dort werden diese Daten zu einem Bild zusammengesetzt, das die Außenwelt auf richtige Weise widerspiegeln soll. Wir haben also nie einen direkten Zugang zu den Dingen. Wir wissen nicht, ob die Dinge so sind, wie sie in unserer Vorstellung repräsentiert werden. Natürlich können wir uns täuschen. Der Prozess der Vermittlung, bei dem die Dinge in einzelne Elemente zerlegt und in unserem Inneren wieder zusammengesetzt wer­den, kann fehlerhaft sein. Wenn wir uns täuschen und sich die Dinge anders verhalten, als wir angenommen haben, dann müssen wir die Prozedur der Repräsentation überprüfen und gegebenenfalls unsere Vorstellung korrigieren. Erkenntnis findet dann statt, wenn sich herausstellt, dass wir die Dinge auf angemessene Weise in unserem Inneren darstellen.

Diese strikte Trennung von Innerem und Äußerem, die für die antike Philosophie eine sehr seltsame Vorstellung gewesen wäre, hat zum ersten Mal der französische Philosoph René Descartes am Beginn der Neuzeit ausformuliert. In einem Brief aus dem Jahr 1642 schreibt er:

"Ich bin sicher, daß ich von dem, was außerhalb meiner selbst ist, keine Erkenntnis haben kann, außer durch Vermittlung der Ideen in meinem Inneren."

Das Subjekt galt als Ursprung und Garant einer neuen Weltsicht

Am Anfang der Neuzeit steht ein fundamentaler Zweifel daran, dass die Dinge so sind, wie sie uns unmittelbar erscheinen. Bis dahin war es unvorstellbar, an allem in der Welt auf einmal zu zweifeln. Man konnte dies oder jenes bezweifeln. Aber alle Erscheinungen insgesamt für trügerisch zu halten, hätte der an­ti­ken Welt als Verhalten eines Wahnsinnigen gegolten. Im 17. Jahrhundert dagegen haben sich Philosophen und Schriftsteller sehr ernsthaft mit der Vorstellung herumgeplagt, dass das Leben nur ein Traum sein könnte. Nichts könnte wirklich sein. Die Welt, so wie sie uns erscheint, könnte von einem bösen Dämon erschaffen worden sein. Alles könnte nur in unserer Einbildung existieren. Die Lösung, die das 17. Jahrhundert für diese bedrohliche Vorstellung gefunden hat, bestand in der Verschiebung der Gewissheit vom Äußeren in das Innere. Nicht mehr die Dinge sollten Sicherheit versprechen, sondern allein das denkende Ich. Auch wenn mich alle Dinge täuschen, so bin immer noch ich es, der getäuscht werden muss. So lautete die berühmte Antwort von Descartes. Damit war das neuzeitliche Subjekt als Ursprung und Garant einer neuen Weltsicht geboren.

Auch wenn uns heute vieles von der Welt des 17. Jahrhunderts trennt, bestimmt diese Weltsicht immer noch weite Teile unseres Denkens und Lebens. In der berühmten Matrix-Trilogie haben die Wachowski-Geschwister die Vorstellung einer umfassenden Manipulation für das digitale Zeitalter aktualisiert. Unsere Gehirne könnten demnach von einer perfekten Technik vollständig getäuscht werden. Gegen diese Heimsuchung erheben Dreyfus und Tay­lor einen gewichtigen Einwand:

"Woher wissen wir, dass man, um herauszubekommen, was wir unter Wahrnehmung und Denken verstehen, nicht mehr braucht als nur das Gehirn – vielleicht das Gehirn plus das Nervensystem, vielleicht aber sogar den gesamten Organismus oder (was wahrscheinlicher ist) den gesamten Organismus in seiner Umwelt? Die Antwort lautet: Niemand weiß es."

Die Vorstellung, dass alles nur ein Traum sein könnte, setzt vor­aus, dass es zwischen der Außenwelt und der Innenwelt einen tiefen Abgrund gibt. Erst der Umstand, dass zwischen diesen bei­den getrennten Polen eine Vermittlung nötig ist, macht auch eine vollständige Täuschung möglich. Jemand, der sich selbst nicht als abgesondert von der Welt, sondern als involviert und beteiligt wahrnimmt, kann sich auch niemals als vollkommen getäuscht er­leben. Aus diesem Grund sprechen Dreyfus und Tay­lor bei der klassischen Erkenntnistheorie von einem vermittlungsgebundenen Ansatz. Hierbei wird von einem passiven, nicht engagierten Ich ausgegangen, das die Welt betrachtet und die Medien dieser Betrachtung analysiert, um zu einer richtigen Erkenntnis zu ge­lan­gen. Diesem wirkmächtigen Bild wollen die beiden Autoren eine Kontakttheorie entgegensetzen, die davon ausgeht, dass wir im­mer schon ein Wissen über die Welt haben, weil wir Teil dieser Welt sind und in einem unmittelbaren Kontakt mit ihr stehen, der zu keiner Zeit unterbrochen ist.

Die berühmte Szene, die am Beginn der klassischen Erkenntnistheorie steht, liefert daher das entscheidende Bild, das uns nach Ansicht von Dreyfus und Taylor auch heute noch gefangen hält, selbst wenn wir die Innenwelt mit unserem Gehirn identifizieren und damit ganz materiell auffassen. Für Descartes war die Innen­welt noch eine rein mentale Welt im Gegensatz zur stofflichen Welt der physischen Dinge. In seiner bahnbrechenden Abhand­lung über den methodischen Zweifel beschreibt er, wie er sich aus der geschäftigen Welt zurückzieht und einsam vor dem Ka­min­feuer darüber nachdenkt, was eigentlich überhaupt gewiss sein kann in dieser Welt. Er zieht in Zweifel, dass das Feuer vor ihm echt ist, dass er einen Körper hat, der jetzt gerade vor diesem Feuer sitzt und sich wärmt. Alles, was sich ihm sinnlich mit­teilt, ist daher keineswegs gewiss. Was ihm dagegen als gewiss erscheint, ist sein eigenes Nachdenken, nämlich dass er jetzt ge­rade in dem Moment denkt, in dem er alles andere in Zweifel zieht. Der berühmte Satz, wonach das eigene Denken auch die eigene Existenz verbürgt, hat weit über das 17. Jahrhundert hi­naus eine unglaub­liche Karriere gemacht und ist zum Ausgangspunkt einer Subjektphilosophie geworden, die seitdem zahl­reiche Varianten durchlaufen hat. Auch wenn wir heute viele philosophi­sche Annahmen von Descartes nicht mehr teilen, so ist uns die Vorstellung, dass jeder subjektiv seine eigene Welt konstruiert, dennoch völlig geläufig geworden.

Die fundamentale Kritik, die Dreyfus und Taylor an der cartesianischen Tradition üben, betrifft daher auch nicht die Fehlerhaftigkeit einzelner Schlussfolgerungen. Ihnen geht es um das Modell des einsam wahrnehmenden und denkenden Ichs, das sich trotz seiner historischen Verwandlungen im Kern bis heu­te erhalten hat. Sie verfolgen dieses Modell von der Studierstube des 17. Jahr­hunderts bis zu den gegenwärtig geläufigen Vergleichen un­se­res Gehirns mit einem Computer:

"Das Computermodell legt alle vier bleibenden Stränge der oben skizzierten Tradition des Gedankens der Vermittlungsgebundenheit an den Tag. 1.) Der Geist wird hier als etwas beschrieben, was aus seiner Umgebung 'Inputs' empfängt und 'Outputs' hervorbringt. 2.) Berechnungen werden auf der Grundlage von klar definierten Informationsbrocken vorgenommen, die anschließend verarbeitet werden. Das Gehirn berechnet explizite Informationsstücke. 3.) Als Computer ist das Gehirn ein rein 'syntaktischer' Motor. Dass seine Berechnungen auf die Welt 'Bezug' nehmen, kommt durch die 'Inputs' zustande. 4.) Die Theorie stützt sich auf den materialistischen Grundgedanken, diese mentalen Arbeits­schritte seien durch die physikalischen Arbeitsschritte des Fundamentalmotors – also des Gehirns – zu erklären."

Das Gehirn als "einsames Organ"

Wie der Denker in der Studierstube des 17. Jahrhunderts wird auch das Gehirn als ein einsames Organ vorgestellt, das sich aus einer Vielzahl an Infor­mationen, die es von außen erreichen, eine innere Welt konstruieren muss. Ob das Gehirn zu einem Körper gehört, der bereits in der Welt lebt, die sich das Gehirn allererst zusammensetzen muss, oder ob es, wie in den Matrix-Filmen, an einen Apparat an­geschlossen ist, der es mit entsprechenden In­for­mationen versorgt, spielt für dieses Modell keine Rolle. Körper und Apparat sind austauschbar. Beide sind nur Lieferanten von Informationen. Wie der Denker in der Studierstube lebt das Gehirn al­lein. Sowohl für die mentalistische als auch für die ma­terialistische Variante kann es keinen unmittelbaren Kontakt zur Welt geben. Alles ist entfernt und vermittelt, ob es sich nun um Dinge oder andere Lebewesen handelt.

Selbstverständlich ist dieses Modell schon zur Zeit seiner Etablierung auch kritisiert worden. Der zentrale Einwand betraf dabei vor allem die Vorstellung, man könne aus einzelnen Informationen eine Welt konstruieren. Um das zu tun, braucht man bereits einen Begriff von der Gesamtheit, in die man die einzelne Information einordnen will. Wie jedes einzelne Wort nur in seinem Kontext verständlich wird und somit unter der Bedingung, dass man bereits weiß, dass es sich um ein einzelnes Element einer ganzen Sprache handelt, würde eine Reihe einzelner Informationen niemals zu einem Weltverständnis führen. Und wie man eine Spra­che nicht allein grammatikalisch und lexikalisch begreifen und erlernen kann, sondern dazu die semantischen Kontexte und sozialen Sprechakte verstehen muss, hat auch jeder Vorgang der Er­kenn­tnis eine pragmatische Dimension. Handeln und Erkennen sind wesentlich stärker verflochten, als das in der cartesianischen Tradition zum Ausdruck kommt.

Denken findet in und mit der Welt statt

Aber der Versuch von Dreyfus und Taylor, das Bild des einsamen und distanzierten Denkens zu überwinden, setzt noch grund­sätzlicher an. Die beiden Philosophen gehen von der prinzipiellen Annahme aus, dass wir zu jeder Zeit über ein realistisches Wis­sen von der Welt ver­fügen, das je­dem einzelnen Akt der Er­kennt­nis vor­aus­geht. Da sich der Pro­zess des Denkens keineswegs allein dem Gehirn zuordnen lässt, sondern vermutlich dabei noch viel mehr Organe involviert sind, bis hin zur Motorik und zum Leben des gesamten Körpers, der wie­­derum mit anderen Körpern, mit be­leb­ten und unbelebten, verbunden ist, vollzieht sich unser Den­ken immer schon in einer gemein­sam geteilten Welt, von der wir daher auch ein zuverlässiges Wissen haben. Wir leben zusammen mit den Din­­gen und anderen Lebewesen bereits in Gemeinschaft, bevor wir uns im Nachdenken über sie von ihnen dis­tan­zieren. Unser Denken findet nicht außerhalb der Welt statt, son­dern in ihr und mit ihr.

Zur Verdeutlichung dieser Perspektive beschreiben Dreyfus und Tay­lor das Aktionsfeld eines Fußballspielers. Zur Verkörperung des Fußballspielers gehört nicht nur sein eigener trainierter Körper, sondern auch der Fußballplatz und die gesamte Spielanlage, die in Abschnitte gegliedert und von Kraftlinien durch­zogen ist. Die Anordnung der Dinge und die anderen Mitspieler rufen ganz be­stimmte Akt­ionen hervor. Somit ist der Fußballplatz dem Spie­ler nicht einfach äußerlich gegeben, sondern in die Bewegungen seines Körpers einbezogen. Die Grenzen zwischen dem einzelnen Körper und seiner Umgebung markieren keinen Graben, der überbrückt werden müsste. Im Gegenteil, in den entscheidenden Momenten der Aktion gehen die Dinge und die Körper sogar in­einander über und können nicht mehr klar geschie­den werden. Der Fußballspieler ist aus der konkreten Situation des Aktionsfeldes auf das Tor hin ausgerichtet und nicht weil er sich aus sei­ner bestimmten Sicht he­raus­nimmt. Seine Intentionen und sein Wissen verdanken sich seinem beteiligten Körper und nicht etwa einer neu­tra­len Perspektive von nirgendwo.

In diesem Sinne besteht das Programm eines neuen Realismus für Dreyfus und Taylor in dem Nachweis, dass wir keineswegs  als passive Betrachter unsere Welt anhand äußerlich gegebener Daten konstruieren. Als verkörperte Akteure verhal­ten wir uns vielmehr immer schon angepasst an unsere un­mit­telbare Um­welt und damit auch an die physische Natur, deren Teil wir sind und in der wir schließlich leben:

"Tatsächlich sind wir so geschickt, wenn es darum geht, unseren Gegenstand optimal ins Visier zu bekommen, dass wir normalerweise gar nicht darauf achten, dass wir, um überhaupt etwas wahr­zunehmen, lernen müssen, uns den Zwängen der Natur an­zu­passen. Erst wenn wir durch eine Störung dazu gebracht werden, die Maßstäbe neu festzusetzen oder eine neue Position ein­zunehmen, können wir erkennen, dass die von der Erreichung des maximalen Zugriffs vorausgesetzte holistische Aktivität die Kluft zwischen dem kausalen Einfluss der sinnfreien Natur und unserer sinnvollen Wahrnehmungserfahrung überbrückt."

Natürlich bedeutet das nicht, dass keine Täuschungen mehr mög­lich wären. Ebenso gibt es nach wie vor Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten. Aber der Rahmen möglicher Irr­tü­mer und ihrer Überprüfung hat sich grundsätzlich verändert. Mit dem Konzept des verkörperten Akteurs legen Dreyfus und Taylor den Blick auf Wissensbestände frei, die weit über das hinausgehen, was wir als willentliche Subjekte zu wissen meinen. Das hat al­lerdings nicht nur erkenntnistheoretische Folgen, sondern wirkt sich auf alle Gebiete des menschlichen Wissens und Handelns aus. Denn in vielen theoretischen Szenen, die un­ser ökono­misches, juristisches und politisches Wissen begründen, steht das egoistische Individuum im Mittelpunkt, das sich wie Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel befindet:

"Der Akteur ist in erster Linie nicht das Individuum, sondern einer unter mehreren, deren gemeinschaftliche Beteiligung im Rahmen gemeinsamer Formen unentbehrlich ist. Das wiederum gilt sogar für die Realisierung jenes Teilbereichs, in dem ich nach und nach allein zurechtkommen kann. Unserem expliziten, abgenabelten, desengagierten, ja einsamen Denken liegt ein in höherem Maß basaler Kontakt mit der Realität zugrunde. Dabei handelt es sich nicht nur um Kontakt mit der Welt, mit der auch wir selbst uns auseinandersetzen, sondern überdies um Kontakt mit jenen anderen, die sich gemeinsam mit uns ebenfalls daran abarbeiten."

Auch wenn die beiden Autoren diesen Schluss selbst nicht ziehen, lässt sich vielleicht sagen, dass es sich bei ihrem programmatischen Versuch einer Wiedergewin­nung des Realismus tatsäch­­lich um nichts Geringeres handelt als um die Ausformulierung eines ökologischen Denkens, das nicht mehr die Individuen, sondern die Beziehungen ins Zentrum stellt.

Hubert Dreyfus/Charles Taylor: "Die Wiedergewinnung des Realismus", aus dem Englischen von Joachim SchulteSuhrkamp Verlag, Berlin 2016, 311 S., 29,95 €

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