Campus & Karriere 14.07.2020

Drohende Ausweisung aus USA„Peinlich, wie die USA mit ihren Auslandsstudenten umgeht"Von Heike Braun

Beitrag hören Der Campus der Harvard-Universität mit der Harry Elikins Widener Memorial Library. (imago stock&people)Die amerikanische Elite-Universität Harvard klagt zusammen mit anderen Universitäten gegen eine mögliche Ausweisung ihrer ausländischen Studierenden (imago stock&people)

Die US-Einwanderungsbehörde ICE will ausländische Studierende ausweisen – wenn deren Universität nur Online-Kurse anbietet. Betroffen wären viele Studierende, denn wegen der Pandemie wollen mehrere Unis künftig komplett online gehen. Eine Klage soll die Ausweisung ihrer Studierenden nun verhindern.

In einer kleinen Parkanlage, in der Nähe der berühmten Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts, herrscht ein babylonisches Stimmengewirr. Japaner, Südkoreaner, Franzosen, Briten und Deutsche: Harvard-Studierende sind zu einem Treffpunkt in einen der Uni-Parks gekommen. Sie wollen sich Rat von Lehrenden und von Studierenden aus höheren Semestern holen. Der Erlass der US Einwanderungsbehörde hat sie aufgeschreckt.

Linda Grey, Physik-Senior-Studentin und angehende Doktorandin:

"Die meisten ausländischen Studierenden, die zu uns in die Beratung kommen, sind aus Japan und Deutschland. Sie alle hätten im kommenden Semester ausschließlich Online-Kurse. Nicht weil sie das wollen, sondern weil die Uni in Harvard nur Online-Kurse anbieten will. Die Trump-Regierung ist aber der Meinung: "Online studieren kann man auch von zuhause aus. Dafür braucht man nicht in die USA zu kommen". Wir alle fürchten: Es wird genau darauf hinauslaufen. Wir glauben, wenn die Uni in Harvard nicht wenigstens einen Teil der Kurse in Anwesenheits-Vorlesungen umwandelt, müssen viele ausländische Studierende sogar ausreisen."

Linda Grey ist eine Physikstudentin aus dem Abschlussjahr. Die 27-Jährige aus Cleveland, Ohio, ist angehende Doktorandin. Sie hat zwei Semester in Marburg studiert. Als Harvard-Senior-Studentin berät sie die sogenannten Frischlinge, die "Freshmen". Sie geht regelmäßig zu den Treffen in die Parkanlage. Nicht weil sie daran glaubt, dass die Einwanderungsbehörde den Erlass noch einmal zurücknimmt, sondern weil sie Solidarität zeigen will: "Mir ist es peinlich, wie die USA mit ihren Auslandsstudenten umgeht."

"Wir glauben, die Anweisung ist illegal"

Die Universität Harvard versucht, gegen den Erlass der Einwanderungsbehörde und vor allem gegen die Ausweisung ausländischer Studierenden zu klagen. Lawrence Bacow, der Präsident von Harvard, findet deutliche Worte:

"Wir glauben, die Anweisung ist illegal. Der Erlass kam ohne Vorankündigung und wird in seiner Grausamkeit nur noch von seiner Rücksichtslosigkeit übertroffen."

Ein Studium an amerikanischen Elite-Universitäten kostet pro Semester, inklusive Unterkunft, rund 40.000 bis 50.000 Dollar. Das müssten die Unis den ab- oder ausgewiesenen Studierenden natürlich zurückzahlen. In Deutschland nehmen viele Eltern Kredite auf, damit ihre Kinder sich den Wunsch von der Elite-Uni-Ausbildung in Amerika leisten können.

Auch Hannie Friedrichs, aus der Nähe von Frankfurt, hat ihren Sohn Kai finanziell unterstützt und jahrelang selbst auf vieles verzichtet. Sie hat den 19-Jährigen in die USA begleitet und wollte unbedingt dabei sein, wenn er sein Studium beginnt. Vorher wollten sie gemeinsam durch Texas reisen. Jetzt sitzt sie alleine in der Nähe des Studententreffpunktes in Cambridge Massachusetts und hofft, dass für ihren Sohn doch noch alles gut geht:

"In Cambridge haben ja mal Barack und Michelle Obama studiert. Und auch ihre Tochter ist ja hier. Und ich gehe inzwischen davon aus, dass die Trump-Regierung solche Erlasse rausbringt. Ich finde es schon krankhaft, dass alles schlecht gemacht wird, was in irgendeiner Form mit Barack Obama zu tun hat. Und jetzt eben auch die Reformen in der Bildungspolitik."

Ausländische Studierende könnten künftig abgeschreckt werden

Tatsächlich trifft es Harvard mit am härtesten - doch nur die ausländischen Studierenden. Darum interessiert es die Amerikaner auch nicht wirklich, was da passiert, glaubt Hannie Friedrichs:

"Viele Amerikaner mit denen ich gesprochen habe, sagen auch: "Wer gerne in Amerika studieren möchte, muss dann eben an eine Hochschule gehen, wo es nicht nur Online-Kurse, sondern auch Präsenzlehre gibt."

Aaron Reichlin-Melnick vom amerikanischen Einwanderungsrat teilt diese Einstellung seiner Landsleute nicht. Er fürchtet, dass ausländische Studierende in Zukunft abgeschreckt werden: "Der konstant gute Ruf, den das amerikanische Bildungssystem hatte, könnte durch diese Entscheidung komplett zerstört werden."

So sieht es auch Linda Grey, Senior Student an der bekannten Harvard Universität: "Wir Amerikaner wären mit Sicherheit entsetzt, wenn es um die eigenen Kinder gehen würde. Jetzt, im umgekehrten Fall, scheint es niemanden so recht zu interessieren."

Kurz bevor in Harvard die Sonne untergeht, setzt sich Kai zu seiner Mutter Hannie Friedrichs auf die Parkbank. Beide wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben. Vielleicht wird die Universität vor Gericht gewinnen. Vielleicht ändert Harvard aber auch noch einen Teil seiner Online-Kurse in persönliche Vorlesungen um. Trotz der Bedenken wegen Corona. Die Studierenden würden das Risiko einer möglichen Ansteckung wohl auf sich nehmen, um nicht ausgewiesen zu werden.

Mehr zum Thema

Empfehlungen