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StartseiteInterviewIrischer Schriftsteller: Die Briten verstehen die ganze Lage nicht27.01.2019

Drohender harter BrexitIrischer Schriftsteller: Die Briten verstehen die ganze Lage nicht

Die Menschen in Irland blickten mit Sorge und Ungläubigkeit auf den Brexit-Streit in Großbritannien, sagte der Dubliner Schriftsteller Hugo Hamilton im Dlf. Vor allem die mögliche Rückkehr zu einer festen Grenze zu Nordirland mache ihnen Angst. Den Briten bescheinigte Hamilton eine "emotionale Krise".

Hugo Hamilton im Gespräch mit Manfred Götzke

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Anti-Brexit-Protestanten halten eine europäische und eine irische Flagge. (imago stock&people)
Die EU stellt sich schützend vor die Republik Irland (imago stock&people)
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Großbritannien will die EU am 29. März verlassen. Das mit Brüssel ausgehandelte Abkommen hat aber im britischen Unterhaus keine Mehrheit gefunden. Am Dienstag will Premierministerin Theresa May über das weitere Vorgehen debattieren und abstimmen lassen. Sollte es kein Abkommen geben, droht ein harter Brexit. 

Die Iren hätten große Angst vor einem harten Brexit, "weil das zu einer Grenze führen würde mit Nordirland", sagte der Dubliner Schriftsteller Hugo Hamilton im Dlf. Das hätten die Iren schon alles durchgemacht in den 30 Jahren Krieg in Nordirland. "Das war ein Horror und wir fürchten, dass das noch mal zurückkommt", sagte Hamilton. Vor kurzem explodierte eine Autobombe in Londonderry, "wir kennen das alles", ergänzte der Schriftsteller. Die Iren sähen zudem, dass die britische Regierung überhaupt nicht die Geschichte Irlands im Griff habe.

Hugo Hamilton, Porträt (dpa/picture alliance/Uwe Zucchi)In Großbritannien gehe es um den emotionalen Blick auf die Vergangenheit, wo alles großartig gewesen sei, wo man die Briten verehrte, sagte Hugo Hamilton (dpa/picture alliance/Uwe Zucchi)
Wenn es zum No-Deal-Abschied käme, müsste Großbritannien eine Grenze in Irland haben und Europa auch. "Das ist uns ganz klar, dass es dann zu großen Reizungen kommen würde. Die 'troubles' in Irland sind Gott sei Dank gedämpft worden, es gab das Karfreitagsabkommen, das war für uns ein großes Glück. Wir haben daher eine ganz enge Beziehung zu Europa und die Kämpfe und Auseinandersetzungen in Nordirland haben sich dann geregelt. Dass das nochmal aufgehetzt würde, wäre schlimm."

Große Unterstützung der EU für die Iren

Die Iren schauten ungläubig auf England, "wie inkompetent die sind und die ganze Lage nicht verstehen können. Dass man einfach austreten kann aus Europa und alleine stehen könnte in dieser Welt, das verstehen wir nicht. Wir haben das vor 100 Jahren selber gemacht, es scheint uns jetzt, dass die Briten eigentlich in einer emotionalen Krise stehen, dass die überhaupt nicht klar denken über wirtschaftliche Sachen. Es scheint uns, dass die Wirtschaft ihnen weniger wichtig ist, als diese emotionale Betroffenheit. Die wollen irgendwie zurück in die großen Zeiten der Briten."

Die Briten hätten lange nicht gewußt, wohin mit dem Brexit. "Das war ein unmöglicher Traum, irgendwie müssen die Briten über diesen Traum hinweg von den goldenen Zeiten des britischen Imperialismus."

Die EU habe die Iren während des ganzen Brexit-Prozesses sehr eng unterstützt, dafür sei man sehr dankbar. Die Iren hätten den Kampf mit Großbritannien überwältigt. "Wir sind erwachsen geworden, sind tüchtige Europäer geworden, wir sehen, wie gut es für uns war in den lezten 30 Jahren, die Gelder die aus Europa kamen, wir haben jetzt eine sehr lebendige Wirtschaft hier in Irland." Das habe viel mit Europa zu tun und das wisse jeder.

"Man könnte denen alles anbieten, die wären immer noch nicht zufrieden"

Hamilton glaubt nicht, dass die EU der brititischen Premierministerin Theresa May mehr Zugeständnisse hätte machen müssen bei den Verhandlungen über den Brexit-Streit. "Man könnte denen alles anbieten, die wären immer noch nicht zufrieden. Die Brexiteers wollen einfach hart weg von Europa, aber die haben sich das nicht ganz überlegt." Zum Beispiel denke Ex-Außenminister Boris Johnson immer, die Deutschen gäben letzten Endes doch nach, weil sie Autos nach England schicken wollen. Tatsächlich wollten die Deutschen die Autos nur noch nach China schicken. Die Briten hätten noch nicht begriffen, wie weltoffen Europa sei. Es tue den Iren weh, das anzuschauen.

In Großbritannien gehe es um den emotionalen Blick auf die Vergangenheit, wo alles großartig gewesen sei, wo man die Briten verehrte. "Ich komme aus der Zeit, als alles aus Britain kam, die Beatles, die Rolling Stones, in Britain war was los in den 70er-, 80er-Jahren." Die Briten fürchteten sich davor, ein ganz normales Land geworden zu sein. Das vertrügen sie nicht.

Grundsätzlich glaube Hamilton, dass die Menschen in Irland und England diese "tragische Komödie" um den Brexit satt hätten. "Wir hoffen einfach, dass es nicht zu diesem großen Unfall kommt." Er glaube, dass es zu einer Verschiebung des Brexit-Austritt-Datums am 29. März kommt. Und danach gebe es eine ganz neue Wählerschaft in Großbritannien. Viele junge Leute hätten eine ganz andere Einstellung gegenüber Europa. "Es sind meistens die jungen Leute, die neue Kräfte und ein neues globales Denken haben." Er hoffe, dass sich dann die Engländer genauso wie die Iren als tüchtige Europäer sähen.

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