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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Welt des Boris Palmer 08.05.2021

Drohender ParteiausschlussDie Welt des Boris Palmer

Tübingens grüner OB Boris Palmer sieht sich als politischer Ideengeber fürs Land. Gern nutzt er soziale Medien für gezielte Provokationen - und hat offenbar den Bogen überspannt. Seine Partei will ihn loswerden. Ein Ausschlussverfahren mitten im Wahlkampf könnte mit Palmer unschön werden, meint Katharina Thoms.

Ein Kommentar von Katharina Thoms

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Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, Enfant Terrible der Grünen (Pressebildagentur ULMER)
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, Enfant Terrible der Grünen, hat den Bogen überspannt - die Partei strebt ein Ausschlussverfahren gegen ihn an (Pressebildagentur ULMER)
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Jetzt haben die Grünen ihr öffentlichkeitswirksames Ausschlussverfahren. Und es war schon so lange erwartet worden. Boris Palmer soll aus der Partei ausgeschlossen werden. Deutschlands wohl bekanntester Oberbürgermeister. Der Tübinger Klimaschützer und Provokateur par excellence könnte gezwungen werden, die Grünen zu verlassen. Wäre es ein Verlust für die Partei? Auf jeden Fall! Ist das Ausschlussverfahren also ein Fehler? Auf keinen Fall! Klingt irgendwie widersprüchlich? Das stimmt! Willkommen in der Welt des Boris Palmer. Denn es ist einfach beides wahr.

Klima-Warner vor zehn Jahren

Palmer ist ein erfolgreicher Oberbürgermeister. Er hat zum Beispiel erfolgreiche Klimapolitik in der Unistadt gemacht, lange bevor ein Bundesverfassungsgericht sich mit dem Thema beschäftigt hat. Der Tübinger hat oft mit seinem Gemeinderat frühzeitig die richtigen Entscheidungen mit auf den Weg gebracht. Aber Boris Palmer reicht das nicht. Ja, er hat auch mal für seine Klima-Kampagne bundesweite Aufmerksamkeit bekommen, vor mehr als zehn Jahren. Aber so richtig viral ging Boris Palmer mit seinen Ausfällen in den Sozialen Medien.

Seine Facebookseite ist sein Kanal in die Welt. Er liebt die niedrigschwellige Kommunikation als OB mit den Bürger*innen. Dort postet er die schönen Seiten der Tübinger Unistadt. Da gibt es likes, aber wenig Aufregendes. So richtig viral gehen dann eben doch nur Palmers heimlich aufgenommene Fotos von jungen Männern in der Regionalbahn – sicher Schwarzfahrer, also typisch Flüchtling! Oder er echauffiert sich über eine Werbekampagne der Deutschen Bahn – in der Menschen mit Migrationshintergrund zu sehen waren. Und Palmer fand sich in dieser Welt einfach nicht wieder. Welche Gesellschaft soll das abbilden?

Provozierender Post über zwei Fußballer

Oder eben wie jetzt: Ein provozierender Post über zwei Fußballer. Ein Thema, dass Tübingen recht wenig tangiert. Aber dann noch ein obszöner, rassistischer Satz hinterher. Für die Reichweite. Und seine Fangemeinde wurde mit den Jahren immer größer, mehr als 70.000 Menschen schauen dort regelmäßig vorbei. Palmer genießt den Status. Motto: Ich lass mir nichts verbieten. Seine Provokationen sind keine Zufälle. Es sind keine Missverständnisse. Boris Palmer lebt eben auch: Von der Aufregung. Sie ist genau das für ihn: Aufregend.

Er weiß, wie Medien ticken. Soziale und analoge. Und wird belohnt dafür. Kein deutscher Provinzbürgermeister sitzt so oft bei Lanz, Illner und BILD TV wie der Grünen-OB. Und ja: ist auch zu hören in den Infos am Morgen im Deutschlandfunk. Und nun? Die Partei steht vor einer schwierigen Aufgabe. Mitten im Bundestagswahlkampf so ein Ausschlussverfahren – das könnte mit jemandem wie Palmer sehr unschön werden.

Verlust eines versierten Fachpolitikers

Aber nach der Bundestagswahl ist in Tübingen vor der OB-Wahl nächstes Jahr… Der Zeitpunkt, sich damit zu beschäftigen ist jetzt eben da. Passen wird es nie. Sollte Palmer wirklich ausgeschlossen werden bei den Grünen, dann wird eine Welle der Erleichterung durch die Partei gehen. Zu Recht. Aber klar: Die Partei verliert auch einen versierten Fachpolitiker. Obwohl: Verloren hat sie ihn eigentlich schon lange.

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