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Startseite@mediasresWie umgehen mit dem Hass im Netz?23.07.2019

Drohungen und Angriffe gegen JournalistenWie umgehen mit dem Hass im Netz?

Ein ironischer Tweet, ein Portrait über einen AfD-Politiker, ein Kommentar im TV – es braucht nicht viel in diesen Tagen, um den Zorn von Menschen auf sich zu lenken. Einige Journalisten ziehen sich zurück, andere setzen selbst auf Angriff.

Von Daniel Bouhs

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Auf dem Monitor einer Studiokamera ist Nicole Diekmann, ZDF-Hauptstadtkorrespondentin, zu sehen. (picture alliance/Andreas Arnold/dpa)
Nicole Diekmann ist ZDF-Hauptstadtkorrespondentin. (picture alliance/Andreas Arnold/dpa)
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Nicole Diekmann weiß, was es heißt, Hass und Drohungen ausgesetzt zu sein. Und sie weiß auch, dass sie vieles mitbringt, was sie zu einem typischen Ziel von Übergriffen macht: "Ich war in der Ukraine, ich bin eine Frau und ich arbeite für die Öffentlich-Rechtlichen. Und ich habe zum Schluss die Balkan-Route noch bereist, mitten als die Flüchtlings-Frage aufkam. Also ich vereine ganz viel in mir, was die hassen, die hassen wollen."

Diekmann sitzt in Berlin-Neukölln in einem Café. Der Verein "Neue Deutsche Medienmacher" hat zum Austausch geladen. Der Termin war schon lange angesetzt. Drei Tage zuvor wird allerdings bekannt: Der WDR hat Anzeige erstattet. "Monitor"-Moderator Georg Restle hatte eine Morddrohung bekommen. "Das hat mich total erschreckt, aber ich bin sicher, dass es nicht die erste Morddrohung war. Ich kann mir das nur so erklären, dass es diesmal so ernst genommen wird vom WDR, dass man sich jetzt mal zu so einem Schritt entschlossen hat. Aber das ist Realität."

Auch sie hätte schon Morddrohungen erreicht, sagt Diekmann. An diesem Abend geht es aber vor allem um Hassäußerungen, die sogenannte Hatespeech. Ihre härteste Erfahrung machte sie Anfang des Jahres: Die ZDF-Journalistin antwortete auf die Fangfrage, wer für sie eigentlich alles ein Nazi sei, auf Twitter mit dem Spruch: "Jeder, der nicht die Grünen wählt." Sie vergaß, einen Smiley als Zeichen der Ironie zu setzen. Die Anfeindungen brachen über sie ein. Und dann? "Es gab Momente, da bin ich auf ein paar Leute eingegangen, die sich da so gegen mich gestellt haben. Es gab aber auch so Momente, wo ich dachte: Nö, jetzt reicht es mal, das ist meine Zeit, die ist zu wertvoll. Dann habe ich das Handy einfach mal weggelegt und was anderes gemacht. Und ich habe auch aus seelischer Hygiene irgendwann auch aufgehört, irgendwas zu lesen."

"Hass im Netz führt zu Depression"

Youtuber Tarik Tesfu ist unter anderem Reporter für "Jäger und Sammler", ein Format des jungen Angebots Funk von ARD und ZDF. Tesfu arbeitet den Hass gegen ihn in seinem eigenen Youtubekanal auf. "Für euch, die ‚Das wird man doch noch hatten dürfen‘-Gang, bin ich die scheiß Schwuchtel, der Rassist, die Tunte, die ihr gerne in den Hintern poppen wollt, bis ich schreiend um Gnade bitte. Wow!"

Der Youtuber meint: Abschalten, wie es Diekmann macht, sei schön – wenn es nur jeder könnte. "Hass im Netz führt zu Depression, zu Suizidgedanken, Silencing: Menschen sagen nicht mehr die Meinung öffentlich. Verkriechen sich. Ich dachte mir manchmal eher am liebsten: Dann hau‘ mir eine rein. Weil dann habe ich wenigstens diesen realen Schmerz, der irgendwie erklärt, warum ich mich jetzt eigentlich genauso fühle, als wenn genau das passiert ist."

Angriffe nach AfD-Portrait

Hatespeech erreicht Journalistinnen und Journalisten meist von rechts. Es geht aber auch anders herum. Das hat Raphael Thelen erlebt. Der freie Journalist hatte für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" AfD-Politiker Markus Frohnmaier portraitiert. Als der Text erschien, twitterte er, er habe mit ihm "anderthalb Jahre gestritten, gelacht und Rum getrunken". Thelen bekam Anfeindungen von links ab – auch aus der Medienszene. "Dass so jemand wie Jan Böhmermann oder Sophie Passmann, dass die sich tatsächlich verblöden, auf so etwas einzusteigen, das hat mich tatsächlich überrascht. Die hätten mit einer Minute twittern rausfinden können, dass ich nicht rechts bin, und dann wäre mir viel Leid erspart geblieben. Aber vielleicht wollten die auch einfach die paar billigen Likes und Klicks."

Geholfen, sagt Thelen, hätten ihm der Zuspruch des SZ-Magazins und die Solidarität anderer Kolleginnen und Kollegen – auch wenn sich viele nicht getraut hätten, das öffentlich zu machen, aus Angst, selbst in die Welle aus Hass und Anfeindungen zu geraten. "Den Text würde ich wieder so schreiben. Ich würde einen anderen Tweet dazu schreiben. Und ich habe gemerkt, dass ich weniger auf jeden Fall auf Twitter unterwegs bin, weil mir noch mal bewusst geworden ist, warum Leute da unterwegs sind. Und da geht es halt nicht um Diskussionen und Informationsaustausch, sondern eigentlich geht es nur darum, sich selbst zu profilieren."

Per Strafanzeige gegen den Hass

Echte Meinungen sind das eine – Hass aber ist keine Meinung, sagt die "No Hate Speech"-Bewegung der Neuen Deutschen Medienmacher. Gilda Sahebi schult Journalistinnen und Journalisten im Umgang mit Hasskommentaren. Medienhäuser fordert sie auf, nicht nur Bedrohungen wie die gegen Georg Restle zur Anzeige zu bringen, sondern auch Beleidigungen. "Es ist ein riesen Problem, dass der Eindruck herrscht bei vielen Hater_innen, dass das Netz ein Ort ist, wo konsequenzlos gehandelt werden kann. Und das ist leider tatsächlich auch so, weil eben meistens nichts zur Anzeige gebracht wird. Und wir sagen auch immer: Anzeigen, anzeigen, anzeigen!"

ZDF-Journalistin Nicole Diekmann macht das immer wieder, sagt sie. Besonders die Staatsanwaltschaft in Köln mache ihr da Mut: Sie hatte im Juni bundesweit Razzien veranlasst – wegen Hatespeech. Die Sonderabteilung für politisch motivierte Hassbotschaften hat bereits etwa 80 Beschuldigte ermittelt, aus dem gesamten Bundesgebiet.

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