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StartseiteCampus & Karriere"Azubis und Betriebe finden geografisch nicht zueinander"18.12.2017

Duale Ausbildung in Deutschland"Azubis und Betriebe finden geografisch nicht zueinander"

Warum steigt der Anteil unbesetzter Ausbildungsstellen? Lars Thies von der Bertelsmann Stiftung sagte im Dlf, die duale Ausbildung sei seit 2007 generell rückläufig. Zudem seien die Ausbildungschancen sehr stark abhängig vom erreichten Schulabschluss - und vom Wohnort.

Lars Thies im Gespräch mit Michael Böddeker

Ein Auszubildender arbeitet an einer Mauer. (picture alliance/ dpa/ Oliver Berg)
Für das Handwerk gibt es mehr Imagekampagnen - doch reicht das langfristig für eine Trendwende in der Ausbildungssituation? (picture alliance/ dpa/ Oliver Berg)
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Michael Böddeker: Sie ist ein Exportschlager, die duale Ausbildung, wie wir sie hier in Deutschland haben. Zum Teil lernt man im Betrieb, zum Teil in der Berufsschule. Andere Länder haben das deutsche System übernommen, aber hier in Deutschland gibt es immer weniger Ausbildungen. Zum einen werden weniger Ausbildungsplätze angeboten - das besagt der neue "Ländermonitor Berufliche Bildung" der Bertelsmann Stiftung, den Forscher der Uni Göttingen erstellt haben -, zum anderen ist aber auch die Zahl der Bewerber weiter rückläufig. Was das für diejenigen bedeutet, die gerade nach einem Ausbildungsplatz suchen, das weiß Lars Thies von der Bertelsmann Stiftung. Ich habe vor der Sendung mit ihm gesprochen und ihn gebeten, mal noch etwas genauer zu erklären, wie es denn nun aussieht mit der beruflichen Bildung in Deutschland?

Lars Thies: Also insgesamt für die Bewerber hat sich die Ausbildungssituation in den letzten Jahren leicht verbessert. Die Ausbildungschancen sind aber sehr stark abhängig vom Wohnort und vom erreichten Schulabschluss. Generell kann man sagen, dass die Ausbildung seit 2007 rückläufig ist, das heißt, es werden weniger Ausbildungsplätze angeboten, und weniger Jugendliche fragen nach einer Ausbildung.

"Hauptschüler haben generell schlechtere Chancen"

Böddeker: Aber der Rückgang bei den Ausbildungsplätzen ist weniger stark als der Rückgang bei den Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, und deswegen ist für den Einzelnen die Chance etwas besser. Richtig?

Thies: Genau, das ist richtig.

Böddeker: Wenn jetzt junge Menschen eine Ausbildungsstelle suchen, wie schwierig ist das, wenn man zum Beispiel einen Hauptschulabschluss hat?

Thies: Hauptschüler haben generell schlechtere Chancen als Jugendliche mit höheren Schulabschlüssen. Wie gut die Ausbildungschancen im Einzelnen sind, hängt einerseits von der Region ab, in der man wohnt und in der man nach Ausbildung sucht, und auf der anderen Seite auch von dem Berufswunsch, den man verfolgen möchte. Das heißt, wenn man zum Beispiel in Bayern als Hauptschüler sucht, hat man relativ gute Chancen, auch einen verhältnismäßig attraktiven Beruf ergreifen zu können, also auch in den gewerblich-technischen Fächern, während wenn man in Teilen Nordrhein-Westfalens, zum Beispiel im Ruhrgebiet oder auch in Norddeutschland, in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen, als Hauptschüler einen Ausbildungsplatz sucht, hat man deutlich schlechtere Chancen.

"In Bayern bleiben viele Plätze unbesetzt"

Böddeker: Wir haben ja schon drüber gesprochen: Es gibt weniger Ausbildungsstellen, zugleich weniger Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen. Wie viele Stellen bleiben dann am Ende unbesetzt?

Thies: Der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. 2016 blieben etwa deutschlandweit 43.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Auf der anderen Seite gab es in demselben Jahr aber auch mehr als 80.000 unversorgte Bewerber um einen Ausbildungsplatz.

Böddeker: Wie kommt das?

Thies: Auszubildende und Betriebe finden oft schon geografisch nicht zueinander. In Bayern zum Beispiel bleiben besonders viele Ausbildungsstellen unbesetzt, während in Norddeutschland im Ruhrgebiet viel zu wenig Ausbildungsplätze angeboten werden. Dann hängt es auch damit zusammen, das Jugendliche Berufe nachfragen, die von den Unternehmen nicht angeboten werden oder weniger angeboten werden und Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben in Berufen, die für Jugendliche nicht so attraktiv sind. Zum Beispiel im Lebensmittelhandwerk oder im Hotel- und Gaststättengewerbe.

Böddeker: Jetzt geht es in Ihrer Studie um einen etwas längeren Zeitraum, von 2007 bis 2016. Jetzt hat das Bundesinstitut für Berufsbildung vor ein paar Tagen auch neue Zahlen veröffentlicht. Da ging es speziell um das Jahr 2017, und da heißt es, die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze habe zugenommen, ebenso die Nachfrage nach Ausbildungsstellen. Wie passt das zu Ihren Daten?

Thies: Genau, das sind die neuesten Daten für das Jahr 2017, die wir in unserer Studie noch nicht berücksichtigen konnten. Da sieht man eine leichte Trendwende hin zu mehr Angeboten an Ausbildungsstellen und mehr Nachfrage nach Ausbildung. Das ist insgesamt erfreulich.

"Unternehmen bekommen Fachkräftemangel zu spüren"

Böddeker: Aber der Trend insgesamt geht in welche Richtung?

Thies: Der langfristige Trend geht weiterhin nach unten. Ob sich diese leichte Trendwende jetzt fortsetzt, muss man in den nächsten Jahren beobachten.

Böddeker: Haben Sie eine Idee, woran diese kleine Trendwende liegen könnte?

Thies: Generell gibt es mehr Anstrengungen, jetzt auch für berufliche Ausbildungen zu werben. Es gibt bekannte Imagekampagnen des Handwerks, und auch viele Einzelunternehmen machen deutlich mehr Werbung für ihre Ausbildung und für die Karriere und Berufschancen, die sich mit einem Ausbildungsabschluss verbinden.

Böddeker: Und das könnte schon einen kleinen Erfolg gezeigt haben, dieser Anstieg?

Thies: Das könnte einen kleinen Erfolg gezeigt haben, zum Beispiel auf der Nachfrageseite, dass sich wieder mehr Jugendliche für Ausbildungen interessieren, und auf der Angebotsseite ist es vielleicht ein Ausdruck davon, dass Unternehmen zunehmend Fachkräftemangel zu spüren bekommen und deswegen auch ihre Ausbildungsaktivitäten wieder erhöhen.

Böddeker: Die Zahl der Ausbildungsplätze in Deutschland hat zwischen 2007 und 2016 stark abgenommen. Das besagt der heute erschienene "Ländermonitor Berufliche Bildung", und darüber gesprochen habe ich mit Lars Thies von der Bertelsmann Stiftung. Vielen Dank für das Gespräch!

Thies: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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