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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften50 Jahre Prager Frühling04.01.2018

Dubcek und die Reformkommunisten50 Jahre Prager Frühling

Im Januar 1968 war sie aufgekeimt, die Hoffnung, den real existierenden Sozialismus von innen heraus zu reformieren. Im August desselben Jahres wurde diese Hoffnung mit militärischer Gewalt niedergerungen. Dazwischen lag die kurze Phase des "Prager Frühlings", der sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt.

Von Ingeborg Breuer

Der tschechische Fotograf Josef Koudelka vor einem seiner Bilder vom Prager Frühling (dpa / picture alliance / Aleshkovsky Mitya)
Der tschechische Fotograf Josef Koudelka vor einem seiner Bilder vom Prager Frühling (dpa / picture alliance / Aleshkovsky Mitya)
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"Wir mussten ganz schnell unseren Standort wechseln, weil 50 Meter vor dem Punkt, an dem ich jetzt stand, Sowjetsoldaten aufkreuzten. Und wir mussten schnell verschwinden und sind jetzt hier am Wenzelsplatz."

Ein Korrespondent der ARD am 22. August 1968 aus Prag

"Hier stehen junge Menschen, eine Ehrenwache für die Toten hier, da drüben hängen die Totenbriefe. Eine Menge Menschen hat sich versammelt und in ihrem Schutz können wir unsere Kommentare weitersprechen."

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 waren Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei eingerückt. Mit ihren Panzern zerstörten sie die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".

"Die Situation, in der sich Partei und Regierung befinden, ist völlig unnormal. Es gibt keinen Termin für den Rückzug der Truppen. Man rechnet damit, dass zunächst die Truppen der Verbündeten – DDR, Bulgarien, Ungarn und Polen zurück genommen werden. Die Sowjets werden vorerst bleiben. Gestern Mittag drohten sie, die Rundfunkanstalt zu zerschießen, wenn dort weiter wie bisher gearbeitet werde."

Im Januar 1968 war sie aufgekeimt, die Hoffnung, den real existierenden Sozialismus von innen heraus zu reformieren. Im August desselben Jahres wurde diese Hoffnung mit militärischer Gewalt niedergerungen. Dazwischen lag die kurze Phase des "Prager Frühlings", der sich in diesem Jahr zum 50sten Mal jährt. Der amerikanisch tschechische Komponist Karel Husa komponierte anlässlich der Ereignisse die "Music for Prague 1968"

Die ersten Proteste betrafen scheinbar Banales

Wie blicken Wissenschaftler heute, aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts auf die Ereignisse damals in der Tschechoslowakei? Prof. Martin Schulze Wessel, Historiker und Leiter des Collegium Carolinums, des Forschungsinstituts für die Geschichte Tschechiens und der Slowakei in München:

"Das Problem war, dass man es mit einer Reihe von Problemen zu tun hatte, die jedenfalls ausschlossen, dass sich das Land immer weiter positiv entwickeln würde, wie es ja eigentlich der sozialistischen Selbstbeschreibung entsprach. Also immer schneller, höher, weiter, zur Einholung des Westens. Und davon ist im Laufe der 60er Jahre dann wenig übrig geblieben und das hat das Krisenverständnis im Jahr 67 / 68 ausgemacht."

Am 31. Oktober 1967 hatten Studenten gegen die Zustände in ihren Wohnheimen protestiert. Letztlich ging es dabei um Banales:

Schulze Wessel: "Es ging darum, dass es in dem Studentenwohnheim keinen Strom und keine Heizung gab. Und man ging dann mit Losungen auf die Straße‚ wir wollen mehr Licht, mehr Wärme, was auch sehr bildhaft zu verstehen war. Ganz klar!"

Staats- und Parteichef Antonín Novotný ließ die Proteste gewaltsam auflösen, was vom Zentralkomitee der Kommunisten massiv kritisiert wurde. Und dies führte schließlich im Januar 1968 dazu, dass Novotny als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei von Alexander Dubcek abgelöst wurde.

"Als er im Januar 1968 an die Macht kam, da schien sich erst mal gar nichts zu verändern. Es gab keine große Rede von ihm, keinen 10-Punkte-Plan und viele Leute dachten, dass es sich einfach um eine Wachablösung an der Spitze der kommunistischen Partei handeln würde."

Allerdings, so Martin Schulze Wessel, dessen Buch "Der Prager Frühling" im März erscheint, kultivierte Dubcek einen anderen Stil im Umgang mit der Öffentlichkeit:

"Dubcek hörte zu, wenn er zum Beispiel an der Karls-Universität mit den Lehrenden dort sprach, dann ließ er sich erst mal die Lage von denen schildern. Während die Partei-Funktionäre früher einfach mit ihren Reden gekommen sind und nicht zugehört haben, auch keinen wirklichen Dialog geführt haben. Diese Änderung im politischen Stils, die war zu merken und muss ganz drastisch gewesen sein."

Radio wurde gehört wie nie zuvor

Es dauerte gerade einmal zwei Monate, bis Dubcek die Pressezensur aufheben ließ. Ein bislang unerhörter Vorgang in einem Land des Ostblocks.

"Das war eigentlich auch die einzige große Reform, die vor dem August 1968, also vor der sowjetischen Invasion durchgesetzt wurde. Aber mit der Aufhebung der Zensur hat sich unglaublich viel geändert. Nicht nur, dass man jetzt schreiben konnte, was man wollte, sondern auch dass die Politik sehr sensibel auf öffentliche Meinung reagierte."

Im Frühjahr werden darüber hinaus in einem "Aktionsprogramm" der Kommunistischen Partei die Rede- und Versammlungsfreiheit eingeführt, Reisen ins westliche Ausland erlaubt, Privatisierungen kleinerer Betriebe sowie Entscheidungskompetenzen für Betriebsräte eingeleitet. Schnell bildet sich eine engagierte Zivilgesellschaft. Die Menschen lesen Zeitungen, deren Auflagen in die Höhe schießen. Radiosendungen werden gehört wie nie zuvor. Es bilden sich Vereine von Menschen, die nicht in der Partei sind, aber mitgestalten wollen. Martina Schneibergová, Redakteurin von Radio Praha erlebte den Prager Frühling als Elfjährige:

"Ich hab diese Entspannung im Frühjahr 1968 erlebt. Zu Hause wurde viel darüber geredet, mein Bruder ist etwas älter, der war bei den Studenten mit dabei. Und zum ersten Mal sind meine Eltern zu dieser Ersten-Mai-Demo gegangen, weil meine Eltern vorher immer gesagt haben, das ist eine bolschewistische Sache, das interessiert uns nicht. Und damals diese Erste-Mai-Demo, die dauerte den ganzen Tag, das war nicht normal vorher."

Der Historiker Dr. Jan Mervart von der tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag über die zivilgesellschaftlichen Aufbrüche der damaligen Zeit:

"Diese waren meistens die Philosophen, Literaturkritiker, Journalisten, Publizisten, aber auch Schriftsteller wie Kundera. Die Perspektive die diese Intellektuellen, meistens Parteiintellektuelle, liegt in dem Schwerpunkt des demokratischen Sozialismus, der in der Emanzipation des menschlichen Individuums liegt und der demokratische Sozialismus sollte nicht nur mit liberalen Ideen der politischen Freiheiten kommen, aber auch mit den ökonomischen Freiheiten."

Das Denken war bestimmt von Kritik am Bestehenden, weniger von konkreten Ideen, wie der Prager Frühling ausgestaltet werden könnte.

"Diese Intellektuellen kritisierten diesen realen Sozialismus im Namen des Menschen und haben gesagt, dass die Bedingungen im Realsozialismus nicht existieren zu einer komplexen menschlichen Emanzipation. Die Vorstellungen waren ziemlich unklar, sie wussten, was sie wollten, aber sie waren (nicht) fähig, während dieser acht Monate ihr Programm ganz klar formulieren und diese Vorstellungen in einem wirklichen politischen Programm entwickeln. Es war eine heftige Ära und die Zeit verging schnell."

Öffnung der Kommunistischen Partei von innen

Neben der Vorstellung "objektiver Bedürfnisse" aller Menschen, deren Anwalt einzig die Kommunistische Partei war, wurden nun auch die Vorstellungen der Verschiedenheit von diversen gesellschaftlichen Gruppen und Subjekten zugelassen. Die kommunistische Doktrin wurde durchlöchert von der Idee einer Pluralität von Bedürfnissen. Dr. Michal Pullmann vom Institut of Economic and Social History an der Karls-Universität in Prag über den "neuen Individualismus".

"Motivation, Selbstrealisierung, Selbstbestimmung, diese Begriffe führten dann zu den demokratischen Gedanken, dass die Gesellschaft sich mehr aussprechen soll. Aber diese Selbstbestimmung war nicht nur gemeint wie wir das heute verstehen, sondern breiter, also einschließlich der wirtschaftlichen Selbstbestimmung, in dem Sinne, dass wieder zu den Gedanken der Genossenschaften zurück gegriffen wurde. Das waren unterschiedliche Begriffe, die gerade diese Bedürfnisse zu Wort bringen wollten, die vorher unter dem Deckel der poststalinistischen Doktrin nicht zu Wort kamen. Das musste das nicht notwendig individualistisch, sondern partikular sein, in dem Sinne dass eine Gruppe oder ein Individuum bestimmte Bedürfnisse hat, die man im Sozialismus nicht einfach beiseite stellen darf."

"Es ging damals im Jahr 68 nur um eines"

Der tschechische Schriftsteller Pavel Kohut, damals Mitglied der Kommunistischen Partei war einer der Wortführer des Prager Frühlings:

"Nämlich das sowjetische System bewohnbar zu machen. Und nachdem vorher schon alle Aufstände in Polen, Ungarn, Ost-Berlin in Blutbädern endeten, kamen die tschechischen Kommunisten auf die Idee, die Partei von innen zu öffnen. Das konnten wir uns erlauben, weil es damals in der Partei Hunderttausende Menschen waren, die nach dem Krieg aus guten Gründen der Partei beigetreten waren. Und wir hatten auch eine reale Chance, weil es gab ja auch Menschen im sowjetischen Politbüro, denen das aus der politisch ökonomischen Krise der SU helfen konnte."

Bei all den Reformen wurde der Sozialismus zwar nicht in Frage gestellt, aber dennoch verzichtete die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei weitgehend auf ihr Machtmonopol. War Dubcek und den anderen Reformkommunisten nicht klar, dass dies eine Bedrohung für die Kommunistische Partei der Sowjetunion, ja für den ganzen Ostblock darstellte?

"Ich habe all meine Freunde und Kameraden gewarnt, dass die SU uns nicht loslassen könnte", erinnert sich Jiri Stransky, tschechischer Schriftsteller.

"Ich wusste, dass es nicht möglich war in dem Moment, wenn sie uns wirklich lassen, dann Ungarn, Polen, alle waren in der Reihe, auch wegzugehen. Dann könnte die SU nicht Ja sagen, das war ganz klar."

Jiri Stransky war schon 1953 wegen Landesverrat von den Kommunisten inhaftiert und mit Zensur belegt worden. Im Prager Frühling mit Wegfall der Pressezensur konnte er plötzlich gelesen werden und gründete mit anderen den Club der ehemaligen politischen Gefangenen. Er machte sich schon früh keine Illusionen über die Haltung der Sowjets. Aber viele hofften, die Sowjetunion fände es taktisch unklug, in die Reformen einzugreifen:

"Also das Kalkül von Dubcek und anderen Reformern war, dass die Tschechoslowakei den Kommunismus auch im Westen attraktiv machen würde und dass das möglicherweise für die SU auch ein Gewinn des Prager Frühlings wäre. Auf der andren Seite, wenn die SU eingreifen würde, so die Überlegung der Reformer, dann bedeutet das ja, dass der Sozialismus schlagartig im Westen an Popularität verlieren würde. Man muss ja sehen, dass zur selben Zeit die USA sehr unbeliebt waren aufgrund des Vietnamkriegs. Es war die Zeit, wo die westeuropäische Linke sich für Che Guevara begeisterte und es hätte schon eine große öffentliche Wirkung gehabt, wenn es einen Sozialismus gegeben hätte, der auf den kulturellen Bedingungen Mitteleuropas aufbauend, Demokratie und Sozialismus zusammenbringt."

1968: Unterschiedliche Revolutionen im Osten und im Westen

Doch welche Berührungspunkte gab es eigentlich zwischen der westeuropäischen Linken und den Reformkommunisten im Osten? Thomas Bohn, Historiker für Osteuropäische Geschichte an der Uni Gießen, verweist darauf, dass sich im Jahr 1968 eine "Doppelrevolution" ereignet hat, sowohl eine Revolte im Osten als auch die studentisch-antiautoritäre Revolte im Westen.

"Im Westen wurde Kapitalismuskritik betrieben, die neue Linke hat wieder bei Marx angeknüpft. Im Osten kamen die Reformkommunisten zum Zuge, haben versucht mit Blick auf Marx Wirtschaftssysteme zu liberalisieren, Kulturpolitik zu lockern, mehr über die Freiheit nachzudenken."

Allerdings waren die Unterschiede ebenso evident: Im Westen kam die Revolte von unten, während in Prag ein Reformversuch von oben gestartet wurde. Im Westen stand die kapitalistische Marktwirtschaft im Zentrum der Kritik, im Osten dagegen die sozialistische Planwirtschaft. Und dies führte dann dazu, dass die Akteure in Ost und West wenig miteinander anfangen konnten:

"Die Aktivisten haben sich beizeiten auch kennengelernt, besucht, dann aber feststellen müssen, dass sie sich wenig zu sagen haben, politisch, ideologisch. Wenn die Gruppen sich begegnet sind, dann tauchte ein Nichtverstehen auf, die haben einander vorbei geredet."

Totales Missverständnis

Rudi Dutschke war zwar – allerdings gegen Widerstände aus dem Vorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes – im April 1968 nach Prag gereist, um an der Karls-Universität aufzutreten. Doch Dutschke hatte wohl ganz andere Vorstellungen von politischem Aufbruch als die jungen Tschechen und Slowaken, die er dort traf. Der Journalist František Cerny erinnert sich:

"Ich war Augenzeuge eines totalen Missverständnisses zwischen den Hörern im überfüllten Audimax der Karls-Universität und Dutschke. Das war eine große Enttäuschung. Die Tschechen haben gesagt: In den letzten 20 Jahren haben wir noch nie so viel über den Marxismus-Leninismus gehört wie heute vom Genossen Dutschke. Und Dutschke hat wiederum festgestellt, dass diese Leute, die über eine Revolution sprachen, überhaupt keine Revolution wollen, dass es hier um einen Prozess der Restauration geht. Dass sie nicht etwas schaffen wollten, sondern dass sie das zurückhaben wollen, was hier schon einmal war: die Verhältnisse der Ersten Republik." 

Dass die Sowjets den Reformern in Prag nicht länger freies Spiel lassen würden, wurde zunehmend klar. Spätestens nämlich seitdem Ende Juni 1968 in diversen Zeitungen "Das Manifest der 2000 Worte" erschienen war. Geschrieben war es von dem Schriftsteller Ludvík Vaculík, unterzeichnet von vielen Intellektuellen. Es richtete sich an "Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle". Das Manifest war umstritten. Selbst bei den Reformern, auch wenn sie sich mit manchen Inhalten identifizierten. Die Bevölkerung allerdings begrüßte großenteils den Text.

"Dieses Manifest der 2000 Worte ist tatsächlich neben dem Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei ist es der wichtigste Text im Prager Frühling. Es ging um einen Aufruf, dass die Bürger ihre Sachen selbst in die Hand nehmen sollten."

Das Manifest enthielt den Vorschlag, überall da, wo die Partei oder der Staat untätig blieben, Bürgerkomitees zu gründen. Sich zusammenzuschließen, Resolutionen zu entwerfen, Protokolle zu schreiben und damit an die Parlamente zu treten.

"Daraus hat sich nichts ergeben, es sind danach keine Ausschüsse wie Pilze aus dem Boden geschossen. Aber es war ein starker und viel gehörter Appell an die Zivilgesellschaft. Es war eine Provokation, die beabsichtigt war und die auch funktioniert hat. Noch am selben Tag hat ein Gespräch zwischen Dubcek und Breschnew stattgefunden, in dem Breschnew erklärt hat, dass das ein Manifest ist, was konterrevolutionäre Tendenzen unterstützt."

"Das war mehr als eine Revolution, das war eine Anarchie, die wollte man nicht hinnehmen. Das konnte ein Beispiel, ein sehr gefährliches Beispiel für die anderen sein."

So Valentin Falin, ehemaliger Botschafter der Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland. Zur Zeit des Prager Frühlings war er leitend tätig im sowjetischen Außenministerium:

"Man hat vor allem das Vertrauen verloren, was Dubcek angeht. Man darf auf ihr Wort sich nicht verlassen."

Am 17. August 1968 entschied das Politbüro des ZK der KPdSU einstimmig, "zum ehest möglichen Zeitpunkt" in der Tschechoslowakei einzumarschieren. Und in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 begann die "Operation Donau" mit Truppen des Ostblocks.

"Die DDR, die NVA-Truppen sind aufgestellt worden an der Grenze, aber nicht eingesetzt."

Die DDR-Volksarmee marschierte nicht in der Tschechoslowakei ein, denn man wollte jede Erinnerung an den Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1938/1939 vermeiden.

"Es waren die anderen sowjetloyalen Ostblockstaaten, Rumänien zählte auch nicht dazu. Aber die anderen haben sich beteiligt."

Martina Schneibergová erinnert sich an den Tag, als die Russen einmarschierten.

"Ich war damals im Böhmerwald und zwar mit meiner Großtante. Wir hatten kein Radio, keine Informationen und meine Großtante entschied sich, Preiselbeeren zu pflücken. Und wir sind mit dem Bus gefahren und da hat schon eine Frau gesagt, die Russen sind da. Und da hatten wir schon Probleme, zurück zu kommen und dann haben wir die gesehen mit den Panzern da. Und die ganze Nacht rollten die mit ihren Panzern da. Da wusste ich, worum es geht."

Panzer in Prag

Das Ziel der Invasoren waren die Schaltstellen der Macht: Regierungsgebäude, Fernseh- und Radiosender. Die Bevölkerung stellen sich den Panzern mit hilflosen Gesten entgegen, bauen Barrikaden, versuchen die Truppen in die Irre zu führen.

"Und dann hab ich geholfen, die Straßenschilder rumzudrehen, die Wegweiser in eine andere Richtung. Das hat man überall gemacht, damit die Russen nicht den richtigen Weg finden konnten."

Illegale Fernsehsender senden mit einfacher Technik Hilferufe ins Ausland:

"Wir sind vielleicht die einzigen in der ganzen tschechischen Republik im Fernsehen, die noch senden können. Ich weiß nicht, wie lange noch. Ich bitte alle, informieren Sie die ganze Welt."

Es waren ohnmächtige Proteste, die nichts gegen die Panzer ausrichten konnten. Die Niederschlagung des "Prager Frühlings" forderte mehr als 100 Tote und 500 Verletzte. Die Parteiführung der Kommunisten wurde in der Nacht des Einmarsches festgenommen, nach Moskau gebracht und gezwungen, das "Moskauer Protokoll" zu unterzeichnen. Darin wurden wichtige Punkte der Reform, unter anderem Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit, rückgängig gemacht. Die Empörung der westlichen Linken über die Niederschlagung des Reformprozesses hielt sich übrigens in Grenzen. Zwei Wochen nach dem Einmarsch wurde auf einem Teach-In an der Frankfurter Uni verurteilt, dass mit den Prager Reformen auch kapitalistische Marktprinzipien hatten durchgesetzt werden sollen. Der Schriftsteller Peter Schneider erinnert sich an ein Flugblatt des SDS zu den Ereignissen:

"Eine ganz klare Verurteilung der russischen Panzer, aber ein belehrender Ton, wo immer wieder gewarnt wird: Ihr dürft auf keinem Fall dem Kapitalismus auf den Leim gehen. Es war diese Sache, es dürfe eines nicht passieren in Prag, dass man seine eigene kleine Utopie vom Sozialismus verlor. Sobald die Prager ankündigten, wir sind gar nicht an einer neuen Art von Sozialismus interessiert, dann war's sofort aus mit den Sympathien."

Es folgte eine Phase der "Normalisierung", also eine Wiederherstellung der Bedingungen vor den Reformversuchen. Die Reformer selbst hatten mit Repressalien wie Berufsverbot und Verfolgung zu kämpfen. Erst 1977 trat mit der "Charta 77" eine neue Bürgerrechtsbewegung in die Öffentlichkeit, die die Missstände im Land erneut aufzeigte und in Opposition zur Kommunistischen Partei stand. Oppositionen, die auch in anderen sozialistischen Ländern immer stärker wurden, bis schließlich mit der Glasnost und Perestroika-Politik Michail Gorbatschows ein neuer Frühling den ganzen Ostblock umfasste. Dr. Zdenek Nebrensky von der Prager Akademie der Wissenschaften:

"Am Ende der 80er-Jahre im Zusammenhang mit Perestroika gab es verschiedene Deutungen, dass Perestroika sozusagen sowjetischer Prager Frühling ist. Zum Beispiel sagte der sowjetischer Außensprecher Gerassimov während Gorbatschows Besuch Prag im April 1967 auf die Frage, was ist den Unterschied zwischen Perestroika und Prager Frühling: der Unterschied ist ein einziger - 19 Jahre."

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