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StartseiteKultur heuteDuell der Königinnen30.09.2006

Duell der Königinnen

Gaetano Donizettis "Maria Stuarda" an der Staatsoper Unter den Linden

Der 1797 geborene Komponist Gaetano Donizetti stand lange in der Tradition seines Lehrers Rossini. 1834 führt er in Neapel seine zweite Oper aus der englischen Geschichte auf, "Maria Stuarda", über Maria Stuart, die schottische Königin, die auf dem Schafott endete. In der Lindenoper wurde die selten gespielte Oper in der Regie von Karsten Wiegand aufgeführt.

Von Georg-Friedrich Kühn

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Staatsoper Unter den Linden

Sie zanken sich, sie balgen sich, sie streicheln sich - Zickenkrieg im Gammelschloss. Der Raum ist eine heruntergekommene Halle mit Krönchen-Tapeten im Tudor-Stil und schmiedeeisernen Treppengeländern. Man steigt von oben herab wie in ein nur mit einem verspinnwebten Oberlicht erleuchtetes Verlies.

Die eine der beiden Königinnen, Elisabeth, die regierende, mit irrem Blick und Gretelzöpfen, inszeniert sich am liebsten Albion-albern vor ihren Verehrern. Mal im bunt-jüngferlichen Kleid, mal im Babydoll. Mal setzt sie sich einen Kopfschmuck aus funkelnden Steinen auf wie das propellerartige Geweih einer Hirschkuh.

Die andere, Maria, die Todgeweihte - mit goldenen Widderhörnern im Haar sitzt sie behindert im Rollstuhl oder kriecht am Boden oder über die Treppen. Nicht immer lässt sie sich fesseln, quälen, nicht immer gibt sie die Leidende. Erst gegen Schluss beim letzten Gebet hangelt sie sich, aufrecht sitzend in ihrem Bett, an der darüber hängenden Schnur hoch wie an einem Glockenstrick.

" Es ist ja auch irrational, warum sich zwei Leute so ineinander verbeißen. Aber wahrscheinlich sind die gar nicht so verschieden wie man glaubt. Wahrscheinlich glauben sie selber, dass sie so furchtbar verschieden sind. "

So der junge Regisseur der Berliner Aufführung, Karsten Wiegand.

"In dieser ungeheuren Konzentration auf die andere, in diesem Nachdenken, in diesem Ineinander-Verbissen-sein, Angst voreinander haben, die Nähe suchen und sie nicht leben können, nicht finden, liegt dann auch viel mehr Ähnlichkeit als sie wahrscheinlich wahrhaben wollen. Und der Kern ist, glaube ich doch, dass viele Hassgeschichten und auch diese verdeckte und nicht stattfindende Liebesgeschichten sind. "

Man spielt die frühe, von der Napolitanischen Zensur verbotene Fassung von Gaetano Donizettis Oper "Maria Stuarda" aus dem Jahre 1834. In einer späteren Version hat Donizetti den Kampf der beiden Königinnen übertragen auf zwei Frauen, die rangeln um einen Grafen. Die Psychologie, was vorgeht in diesen beiden Figuren, war dem Komponisten offensichtlich wichtiger.

Behindert war die geplante Uraufführung auch dadurch, dass die beiden Primadonnen handgreiflich gegeneinander wurden bei den Proben. Wiegand spielt das an, indem er einen einschlägigen Film-Spot projizieren lässt zur Ouvertüre auf den Vorhang. Einen in der späteren Fassung eingefügten Chor lässt er von einem alten Grammophon abspielen, vor dem die da noch kaum als solche erkennbare Elisabeth kauert.

Am Ende streifen sich beide Königinnen ein makellos weißes Brautkleid mit Brautschleier und Krone über. Auch Maria ist nun nicht mehr behindert, kann stehen und gehen. Und Elisabeth, hinter ihr wie eine rächende Furie, eine zweite Lucia di Lammermoor, ritzt ihr ratz-batz mit einem handfesten Kreuz die Kehle durch. Die Hinrichtung der Rivalin krönt sie mit einem triumphierend gellenden Schrei.

Sängerisch geben sich die beiden Protagonistinnen, kaum etwas nach. Katarina Karnéus ist eine etwas schrill-schrullige Elisabeth, Elena Mosuc eine mit auch zarteren Tönen aufwartende Maria.

Großartig der Chor, der hier die Rolle der kommentierenden Gesellschaft spielt. Und zumal in den Chorpartien spürt man, wo Verdi sich seine Vorbilder holte, etwa für den "Nabucco". Alain Altinoglu sorgt für einen biegsamen Klang der Staatskapelle.

Es ist nicht unbedingt ein "großer" Abend. Jungregisseur Wiegand hält es eher mit kleinen Gags als großen Gesten. Elisabeth schneidet sich schon mal eine Gesichtsmaske, um der Umwelt die Zunge zu strecken. Die Bediensteten verkürzen sich die Langeweile mit Fotos- oder Dart-Schießen.

Fast schon frenetisch der Beifall am Ende für die Sänger, fürs Team aber saftige Buhs. Ein nobler, wenn auch letztlich wohl fruchtloser Versuch, um dieser Belcanto-Oper wieder auf die Beine zu helfen.

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