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StartseiteDlf-MagazinDunkler Fleck der grünen Vergangenheit16.05.2013

Dunkler Fleck der grünen Vergangenheit

Pädophile und die Gründungsphase der Grünen

Seit den 80er-Jahren engagiert sich Markus Schnapka für Kinder- und Jugendpolitik und für seine Partei, die Grünen. Die aktuelle Pädophilie-Debatte um Daniel Cohn-Bendit ruft bei ihm schlimme Erinnerungen wach.

Von Melanie Longerich

Im März 1985 zurrten die NRW-Grünen ihr Programm für die Landtagswahl fest. (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Im März 1985 zurrten die NRW-Grünen ihr Programm für die Landtagswahl fest. (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

Markus Schnapka ist ein großer Mann. Groß ist auch sein Büro. Der 62-Jährige ist Schuldezernent in Bornheim bei Bonn. Seit den 80er-Jahren engagiert er sich für Kinder- und Jugendpolitik und für seine Partei, die Grünen: Passt gut zusammen, findet er, auch wenn die Pädophilie-Debatte um Daniel Cohn-Bendit bei ihm schlimme Erinnerungen wachrufen: Erinnerungen an die Delegiertenversammlung in Lüdenscheid, im März 1985 - als die NRW-Grünen ihr Programm für die Landtagswahl festzurrten. Schnapka war einer der Kandidaten. Energie- und Ausländerpolitik, vieles sei damals wirklich visionär gewesen, schwärmt er heute noch. Doch nach Lüdenscheid stand seine Partei nur noch für Kinder-Sex. Und die Wahl ging haushoch verloren.

Ein paar Mausklicks und Markus Schnapka hat auf YouTube ein altes Video gefunden. Zu sehen sind zwei Frauen, eine mit Pudelmütze und ein Mann mit Stirnband, alle Anfang 20. Mitglieder der Arbeitsgruppe "Sexualität und Herrschaft", zu der neben jungen Frauen auch die SchwuP – die Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule und Päderasten - gehörte:

Junge Frau: "Deshalb fordern wir als Erstes die Abschaffung, das heißt die ersatzlose Streichung der Paragrafen 173 bis 176, Legalisierung aller zärtlichen sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die gewaltfrei …"

Darüber Schnapka: "Es wurde geschrien, es wurde nicht geredet, es wurde geschrien."

Junge Frau: "Und darüber hinaus fordern wir die Abschaffung der Schulpflicht."
Schnapka: "Ja, und das auch. Ja. Und dieses aggressive Gegenlachen, das war so was Typisches. Im Grunde genommen war so eine Delegiertenversammlung immer auch ein Kampf."

Ein Kampf, den in Lüdenscheid die Kindersex-Befürworter gewonnen hatten. Das Arbeitspapier der Gruppe wurde nach langer Diskussion zwar nicht ins "dicke Ei" aufgenommen, so nannten die Grünen damals ihr Wahlprogramm, - aber in den Anhang. Allerdings nur vorübergehend: Denn einen Monat später wurde er wegen heftiger Kritik in der Presse und unter den Mitgliedern wieder gestrichen:

"Das war für mich eine ganz schwierige Situation. Mir kam auch aufgrund meiner Position als junger Vater der kalte Kaffee hoch."

Schnapka war hin- und hergerissen: Einerseits war das Thema Kindersex für ihn unerträglich. Anderseits war er ja gerade bei den Grünen eingetreten, weil es dort keine thematischen Tabus gab.

"Gleichzeitig aber wollte ich diese Diskussion nicht wegblocken, denn das war eigentlich die Reaktion, die viele hatten: Das Thema kann gar nicht sein, das muss raus."

Der Nachteil dieser Diskussionen: Sie waren nicht steuerbar, sondern langwierig und aggressiv. Wer firm in Geschäftsordnungsdebatten war, verschaffte sich auf Versammlungen am besten Gehör und Einfluss, erinnert sich Schnapka. Und die SchwuP-Anhänger seien gewiefte Strategen gewesen – wie die sogenannten Stadtindianer auch. Letztere propagierten Sex mit Kindern ganz offen und setzten Kinder ein, um bei Veranstaltungen die Bühne zu entern:

"Wenn Sie dann so einem neunjährigen Jungen gegenüberstehen, mit Ketten und Irokesenschnitt, der Ihnen sagt 'Pack mich nicht an!' wenn man dann sagt, hör mal hier, das ist jetzt das Podium für die Sitzungsleitung, also bitte geh wieder ins Plenum. 'Pack mich nicht an!' Und dann eine Kette schwingt, eine Fahrradkette schwingt, das ist schon eine heiße Situation. Das empfinde ich – und empfand es auch damals – als Missbrauch von Kindern."

Nach der Wahlklatsche 1985 in Nordrhein-Westfalen war klar: Päderasten sollten keinen Einfluss mehr haben auf die Partei, sagt auch Volker Beck, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestags-Grünen. Als unter seiner Leitung 1987 eine Bundesarbeitsgemeinschaft Schwulenpolitik gegründet wurde, hatte sich die Partei von den Pädophilen schon offiziell distanziert. Dass sich die Homosexuellen unter den Grünen in der Gründungsphase überhaupt mit ihnen zusammentaten, kann er sich nur mit der damaligen Zeit erklären:

"Damals war ja Homosexualität auch Gegenstand einer repressiven Politik, man konnte damals noch nicht mal Infostände machen zum Thema Aufklärung, zum Thema Homosexualität unter dem Verweis auf den Paragrafen 175. Und bei manchen stieß es nicht auf taube Ohren, wenn die Pädophilen sagten: Euch passiert das gleiche wie uns, oder euch passiert das heute, was uns vor zehn Jahren passiert ist. Und deshalb müsst ihr euch mit uns solidarisieren."

Wie Cohn-Bendit schrieb auch Beck 1988 einen Artikel, in dem er forderte, Pädosexualität zu entkriminalisieren. Vor Jahren schon hat sich Beck von diesem Artikel distanziert. Und er unterstreicht, auch seine Partei sei immer offen mit diesem dunklen Fleck grüner Vergangenheit umgegangen. Doch auch der Bundestagsabgeordnete kann nicht sagen, wie stark der Einfluss der Pädophilen-Gruppen in der Gründungsphase wirklich war. Das soll nun im Auftrag der Parteispitze untersucht werden. Für Sven Lehmann, dem Chef der NRW-Grünen, eine gute Entscheidung. Obwohl er die gesamte Debatte etwas skurril findet – wie viele junge Grüne:

"Heutzutage ist völlig klar, dass wir die Partei der Kinderrechte sind und auch des Kinderschutzes. Und deshalb blicke ich auch mit ein wenig Stirnrunzeln auf diese Zeit und denke mir, wie konnte das überhaupt bei den Grünen damals diskutiert werden."

Markus Schnapka aus Bornheim kann da nur zustimmen. Er entschied sich damals gegen eine Karriere in der Politik. Auch Parteitage meidet er seitdem:

"An der Debatte kommt auch der Schmerz wieder hoch, den ich persönlich fühlte, weil da ein Thema in einer Art und Weise propagiert wurde, wie es mir selber nicht entsprach. Und dieser Kampf bei den Landesdelegiertenversammlungen, wer mit wem gegen wen, dieses Instrumentalisieren von Themen, das kommt nochmals so hoch. Und ich bin froh, dass ich da nicht mehr hingehe. Bin aber auch froh, Grüner zu sein, nach wie vor!"

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