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StartseiteKultur heuteDurch die Hintertür07.09.2003

Durch die Hintertür

Ein neues Gesetz in Italien führt die Filmzensur wieder ein

Heidrun Schleef hat einen Arbeitsprozess gewonnen. Und zwar gegen das Unternehmen MEDIASET von Silvio Berlusconi, für das sie Drehbücher korrigiert hatte. Es ging darin um Arbeitszeiten und Vergütung. Die junge Deutsche aus der niedersächsischen Kleinstadt Melle gewann den Prozess und erhielt eine Entschädigung. Mit diesem Geld wollte sie sich einen Traum erfüllen: ein Drehbuch für einen Film über die Roten Brigaden schreiben, über Italiens Terrororganisation der 70er Jahre. Zusammen mit dem italienischen Nachwuchsregisseur Mimmo Calopresti machte sie sich an die Arbeit:

Ein Beitrag von Thomas Migge

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Und dann hatten wir dieses Drehbuch fertig aber keiner wollte mehr was von Terrorismus wissen, und dann sind wir ein paar Jahre lang mit dem Drehbuch unterm Arm rumgelaufen und haben an alle Türen geklopft und eine eigene Gesellschaft aufgemacht und Geld vom Ministerium, also Filmförderung, angefragt und die haben sie uns auch gegeben.

Das war 1996 und der Film hieß "Das zweite Mal". Mit diesem Film, der auch beim Filmfestival in Cannes gezeigt wurde, machte sich Heidrun Schleef einen Namen. Der Regisseur Nanni Moretti wurde auf sie aufmerksam und begann mit ihr zu arbeiten. Heute gilt die mehrfach ausgezeichnete Deutsche als Italiens prominenteste und begehrteste Drehbuchautorin. Am liebsten arbeitet sie mit Nachwuchsregisseuren - an Filmen, die bisher immer vom Kulturministerium gefördert wurden.

Bisher. Denn damit ist es jetzt vorbei. Italiens Kulturminister Giuliano Urbani hat die Filmförderung neu geordnet. Mit neuen Bestimmungen, die seinem Ruf als Wirtschaftsprofessor alle Ehre machen. Urbani geht es ums Sparen. Er will das wenige Geld, dass seinem Ministerium zur Verfügung steht - jährlich ist es rund ein Prozent des Gesamtbudgets der Regierung - nur noch dort investieren, wo es auch Gewinn bringt. Gewinn im Sinn einer Kosten-Nutzen-Rechnung, erklärt der Filmkritiker Giovanni Bachelisi:

Zunächst einmal muss man daran erinnern, dass bereits vor einem Jahr versucht wurde, die Filmförderung einzuschränken. Schon damals hieß es, das es nicht richtig sei, dass ein Ministerium Filme finanziert, die sich gegen die Regierung und den Staat aussprechen. Es hat damals viel Protest gegen solche Gesetzesvorschläge gegeben.

Heidrun Schleef, Nanni Moretti und andere Verteidiger des italienischen Autorenfilm befürchten, dass die künstlerische Freiheit und die Freiheit der Meinungsäußerung mit Hilfe finanzieller Einschnitte beschränkt werden soll. Im letzten Jahr wurden solche Gesetzesprojekte fallen gelassen. Jetzt sind sie Realität geworden. Minister Urbani will zukünftig nur noch solche Projekte unterstützen, die bereits eine gute finanzielle Basis vorweisen können. Das heißt: Filmförderung soll es nur noch für jene Streifen geben, die im Grunde genommen auf das Geld aus dem Ministerium nicht angewiesen sind. Urbanis Gesetz ist nichts anders als die Einführung der Filmzensur durch das Hintertürchen - führt die neue Regelung doch zum bewussten Austrocknen der Filmprojekte von Nachwuchsregisseuren, die auf die Gelder des Ministeriums angewiesen sind. Jene Regisseure des Autorenkinos, die ohne die Finanzspritzen aus dem Kulturministerium auf der Strecken bleiben. Giovanni Bachelisi:

Die Position, wie sie das Gesetz einnimmt, hat keinen Sinn. Das Ministerium finanziert auf diese Weise nur noch Filme, die sich auch rentieren. Das bedeutet das Ende des anspruchsvollen Autorenkinos. Aber das ist nicht die einzige Neuigkeit aus dem Ministerium, die dem kritischen Film Probleme macht.

Minister Urbani hat sich noch etwas anders einfallen lassen, um das von seiner Regierung schon bei mehreren Gelegenheiten verteufelte linke und regierungskritische Autorenkino in den Griff zu bekommen. Gegenwärtig wird eine Bestimmung erarbeitet, wonach Italiens Produktionsfirmen Szenen mit eindeutig erotischem, gewalttätigem und politischem Inhalt aus ihren Streifen schneiden oder aus den Drehbüchern streichen sollen. Das Worte "Zensur" wird zwar nicht in den Mund genommen, doch die neue Bestimmung bedeutet nichts anderes. Die Produktionsfirmen sollen immer dann, so heißt es, wenn der "gute Geschmack" verletzt werden könnte, eingreifen, also zensieren. Nanni Moretti und andere italienische Filmemacher sprechen ganz offen von der Wiedereinführung der Filmzensur, die erst vor wenigen Jahren abgeschafft wurde. Sie werfen Kulturminister Urbani vor, dass er das Autorenkino in den Griff bekommen will, jene Regisseure, die politisch unbequem - die, um es mit den bezeichnenden Worten von Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu sagen: kommunistisch und staatsfeindlich unterwandert sind.

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