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StartseiteDlf-MagazinDurchlässig - aber vor allem nach unten05.09.2013

Durchlässig - aber vor allem nach unten

Serie: Beim Wort genommen - Die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem

"Wir wollen mehr Chancengerechtigkeit am Start, Durchlässigkeit und faire Aufstiegschancen für alle ermöglichen", so das Bildungsversprechen von Schwarz-Gelb im Koalitionsvertrag 2009. Doch die Bilanz fällt wenig erfreulich aus - besonders wegen der Einführung des Betreuungsgeldes.

Von Manfred Götzke

Betreuungsgeld belohnt Eltern, die ihre Kinder von Kitas fernhalten. (AP)
Betreuungsgeld belohnt Eltern, die ihre Kinder von Kitas fernhalten. (AP)

"Nur die Bildungschancen entscheiden darüber, was man aus sich machen kann und ob man wirklich später eine faire Chance im Leben bekommt. Und deswegen muss das Bildungssystem durchlässig sein."

Gleiche Startchancen für alle, unabhängig vom Elternhaus – das war Guido Westerwelle, zu Beginn dieser Legislaturperiode noch FDP-Chef, ein wichtiges Anliegen. Wie auch der gesamten Koalition.

Zitat: Koalitionsvertrag 2009
"Wir wollen mehr Chancengerechtigkeit am Start, Durchlässigkeit und faire Aufstiegschancen für alle ermöglichen."

Heißt es im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP aus dem Jahr 2009, passenderweise betitelt mit den Schlagworten: "Wachstum, Bildung, Zusammenhalt".

Dass Deutschland beim Thema Chancengerechtigkeit ein massives Problem hat, dass Bildungs- und Aufstiegschancen in kaum einem anderen Land so stark vom Portemonnaie der Eltern abhängen, das belegen Studien seit Jahren – keine Partei kann das leugnen. Reinhardt Pollack, Soziologe und Bildungswissenschaftler bringt es so auf den Punkt:

"Wir wissen aus den Pisa-Studien seit Jahren, dass Deutschland eines der Länder ist, wo das Elternhaus am meisten vorhersagt. Zum Beispiel kommt ein Kind, das in einen einfachen Arbeiterhaushalt hineingeboren wird, kaum nach oben. Die Chancen, dass es selbst mal leitender Angestellter wird, liegen ungefähr bei vier Prozent."

Und noch ein paar Zahlen: Ein Kind eines Chefarztes hat eine fünf Mal höhere Chance auf einem Gymnasium zu landen, als ein Facharbeiterkind. 77 Prozent der Akademikerkinder entscheiden sich für ein Studium, bei den Nichtakademiker-Kindern sind es lediglich 23 Prozent.

Hat Schwarz-Gelb diesen größten Makel des deutschen Bildungssystems - wie versprochen - beseitigen können? Nicht wirklich, sagt Ulrich Kober, er untersucht für die Bertelsmann Stiftung regelmäßig, wie gerecht das deutsche Bildungssystem ist:

"Wir sehen positiv, dass sich die Zahl der Schulabbrecher verringert hat, Allerdings: einem Schulaufstieg stehen 4,2 Abstiege gegenüber. Unser System ist durchlässig nach unten."

Durchlässigkeit nach unten, statt nach oben: Nach Ansicht Kobers liegt das auch daran, dass die Bundesregierung nicht in Bildungsstrukturen investiert, sondern in Einzeltransfers: Da wäre zum Beispiel das Deutschlandstipendium: Seit 2011 unterstützt der Bund besonders begabte Studenten mit 300 Euro monatlich. Unabhängig vom Einkommen der Eltern. Außerdem wurde das Büchergeld für Stipendiaten von 80 auf jetzt 300 Euro monatlich erhöht. Das halten selbst die Profiteure für ungerecht – Anselm Oelze etwa, er hat das Netzwerk "Stipendien Spenden" gegründet.

"Wir sagen generell, dass, wenn man sich das deutsche Bildungssystem anschaut und anschaut, wie das Geld dort verteilt wird, das Geld an anderen Stellen dringender gebraucht wird - auch außerhalb von Begabtenförderwerken."

Zum Beispiel beim BAföG. Die Ausbildungsförderung, die seit den 70ern Millionen Arbeiterkindern ein Studium ermöglicht hat, wurde zuletzt 2010 erhöht. Eine Anpassung sei längst überfällig, kritisieren unisono Studentenwerke, Gewerkschaften und Studentenvertreter. Zwar hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka Anfang des Jahres zum BAföG -Gipfel geladen – rausgekommen ist dabei nichts.

Die Grundlagen für bessere Aufstiegsmöglichkeiten werden allerdings früher gelegt, in Schule und Kita, sagt Bertelsmann-Bildungsexperte Ullrich Kober. Kindertagesstätten müssten von Verwahranstalten zu frühkindlichen Bildungseinrichtungen ausgebaut werden – und Halbtagsschulen zu Ganztagsschulen. Er fordert sogar: Rechtsanspruch auf Ganztagsschule.

"Wir glauben, dass so ein Rechtsanspruch eine Dynamik entfalten kann wie im frühkindlichen Bereich gesehen haben. Die Ganztagsschule kann einfach besser individuell fördern, sie ist der Rahmen, der mehr Lernzeit einräumt. Wenn die gut genutzt wird, und die Qualität der Angebote hoch ist, dann profitieren gerade die Kinder, die sonst diese Unterstützungsleistungen von ihren Familien her nicht bekommen haben."

Um diesen Rahmen zu schaffen, müsste der Bund den klammen Ländern allerdings Milliarden für den Ausbau der Ganztagsschule überweisen – das konnte die Bundesregierung in den vergangenen vier Jahren schon deswegen nicht, weil das Kooperationsverbot dem Bund die Finanzierung von Schulen strikt verbietet. Anders als SPD und Grüne haben sich Bundes- und Landespolitiker aus FDP und Union bislang vehement gegen eine Lockerung gewehrt. Die Folge: den Schultyp, der ungleiche Startchancen am besten ausbügeln kann, besuchen lediglich 30 Prozent der Schüler.

Im Bereich Kita verfolgt die Regierung die Strategie "Kleinvieh macht auch Mist": Im Rahmen der "Offensive Frühe Chancen" fördert das Familienministerium immerhin 4000 Kitas mit insgesamt 100 Millionen Euro pro Jahr. Die finanziellen Schwerpunkte setzte die Bundesregierung dagegen eher beim Thema Kita-Abstinenz. Das Betreuungsgeld, das Eltern belohnt, die ihre Kinder von Kitas fern halten, schlägt jährlich mit mindestens 1,2 Milliarden Euro zu Buche. Ein Schildbürgerstreich, meint Kober.

"Weil wir aus internationaler Erfahrung wissen, dass das gerade nachgefragt wird von bildungsfernen Familien. Die Kinder hätten es bitter nötig, sehr früh auch in die Bildungsinstitutionen hineinzukommen, weil ihre Chancen dann dadurch sehr stark erhöht werden."

Da die Bundesregierung es nicht geschafft hat, das unselige Kooperationsverbot in der Bildungspolitik abzuschaffen, konnte sie den wichtigen Ausbau der Ganztagsschule nicht voranbringen. Die wenigen bildungspolitischen Akzente, die Schwarz-Gelb überhaupt gesetzt hat, sind auch noch die falschen: Statt BAfÖG für Kinder ärmere Eltern zu erhöhen, hat sie ein Finanzextra für Topstudenten eingeführt. Statt mehr Geld in frühkindliche Kitas zu stecken, gibt sie Milliarden für die Kita-Fernhalteprämien aus. Deutschlands Bildungssystem ist nach vier Jahren Schwarz-Gelb zwar durchlässig - aber vor allem nach unten.

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