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StartseiteInterviewEbadi: Nicht derI Islam, sondern das Patriarchat das Problem13.12.2004

Ebadi: Nicht derI Islam, sondern das Patriarchat das Problem

Interview mit Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin, iranische Frauenrechtlerin

<strong>Liminski: </strong> Die Menschenrechte zu wahren, das sei der innere Sinn von Macht, so heißt es bei Klassikern der abendländischen Philosophie. Dass die Macht keineswegs immer für dieses noble Ziel gebraucht wird, beweisen fast täglich viele Nachrichten aus aller Welt. Aber es gibt auch Lichtblicke: Einer war die Verleihung des Friedensnobelpreises 2003 an die iranische Frauenrechtlerin und Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi. Sie war jetzt in Bonn zu Gast beim Deutschen Juristinnen Bund und diskutiert über Menschen- und Frauenrechte im Iran. Wir haben sie nach einer Veranstaltung in einem Restaurant zu einem kurzen Gespräch bitten können. Die erste Frage lautete: Sie waren die erste Richterin im Iran, mussten Ihr Amt dann aber nach der Revolution aufgeben. Wäre es heute denkbar, dass eine Frau ein wichtiges Amt im Iran bekleidet? Also als Ministerin oder Richterin am Obersten Gericht?

Moderation: Jürgen Liminski

Shirin Ebadi, iranische Anwältin, Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin (AP)
Shirin Ebadi, iranische Anwältin, Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin (AP)

Ebadi: Die Anzahl der Akademikerinnen übertrifft bei weitem die der Akademiker. Die iranischen Frauen haben durchaus die Fähigkeit, Ministerposten zu bekommen. Wenn sie bisher solche Positionen nicht haben besetzen können, so deshalb, weil es bestimmte Probleme im Iran gegeben hat. Aber die Frauen werden diese Probleme überwinden.

Liminski: Die Lage der Frauen in islamischen Ländern ist aus westlicher Sicht bedauernswert. Hat das mit der Religion zu tun oder mit Traditionen der ersten Muslime?

Ebadi: Unser Problem ist in keinsterweise der Islam, unser Problem ist vielmehr die patriarchale Kultur, die im Osten weit ausgeprägter ist als in den westlichen Ländern.

Liminski: Wie kann man diese patriarchalische Struktur überwinden? Denn die Frauen leiden ja doch drunter.

Ebadi: Ich muss feststellen, dass Frauen, obwohl sie selber Opfer dieser Kultur sind, zugleich Überträgerinnen dieser Kultur sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass selbst gewalttätige Männer im Grunde genommen im Schoß ihrer Mütter erzogen worden sind. Ich habe immer diese patriarchalische Kultur mit Krankheit, Homophilia verglichen. Frauen sind von dieser Krankheit nicht betroffen, aber sie übertragen diese Krankheit auf ihre Söhne. Die Frauen müssen sich selber ändern in ihrem Wesen, sie müssen an sich selbst glauben können.

Liminski: Wo sind denn die Grenzen der Tradition, wo fängt das religiöse Erbe an, das zu so einer Kultur führt?

Ebadi: Dort, wo der Verstand zum Tragen kommt. Was nicht logisch ist, kann auch nicht akzeptiert werden.

Liminski: Polygamie ist erlaubt, wenn auch wenig praktiziert. Muss sie abgeschafft werden, so wie in Tunesien oder in der Türkei? Ich meine jetzt in allen islamischen Ländern.

Ebadi: Ich lehne die Polygamie strikt ab. Wir leben im 21. Jahrhundert und in diesem Jahrhundert können wir die Polygamie nicht zulassen und akzeptieren.

Liminski: "Allahs rechtlose Töchter", titelte neulich ein bekanntes Magazin. Das Thema ist in Deutschland in der öffentlichen Diskussion. Wie kann man den Frauen zu mehr Grundrechten verhelfen? Sollen sich die westlichen Staaten einmischen?

Ebadi: Ich bin der Meinung, dass jeder das Recht hat, seine Meinung so wie er oder sie sie sieht zu äußern. Aber ich selbst bin der festen Überzeugung, was gegen die Interessen der Frauen gerichtet ist, ist die patriarchalische Kultur und in keinsterweise die Religion oder Gott. Kann man etwa glauben, dass in den sozialistisch oder kommunistisch geführten Ländern Frauenrechte gar keine Probleme hatten und diese Frauenrechte realisiert worden wären? Wollen wir etwa glauben, dass in solchen Gesellschaften keine Gewalt innerhalb der Familie herrschte? War die Anzahl der Ministerinnen in solchen Ländern gleich der der Männer? Somit sehen Sie auch ein, dass das Problem nicht Gott ist sondern das Problem besteht darin, dass ein Teil der Menschheit den anderen Teil unterdrückt.

Liminski: Noch mal die Frage: Muss sich der Westen einmischen, wenn es um Grundrechte geht?

Ebadi: Die Menschenrechte gelten auf der ganzen Welt. Die Menschenrechte sind höher zu bewerten als sogar die Gesetze. Infolgedessen: Ich als Frauenrechtlerin habe das Recht, mich über die Situation von Frauen in Deutschland zu äußern. Ich, die in Iran lebe, habe das Recht zu protestieren, wenn ich feststelle, dass Frauenrechte in Frankreich verletzt werden und genauso darf ein Mensch, der in Deutschland lebt und feststellt, dass die Menschenrechte im Iran verletzt werden, sich dazu äußern. Nur darf man nicht übersehen, man darf nicht gestatten oder akzeptieren, dass ein Land militärisch angegriffen wird, weil angeblich die Menschenrechte dort nicht mehr gegeben sind. Wenn es Länder gibt, die andere Länder im Namen der Demokratie angreifen oder angeblich zur Errichtung der Demokratie, dann muss ich sagen, dass diese Länder die Demokratie eigentlich missbrauchen.

Liminski: Sie haben gerade eine Veranstaltung mit Frau Alice Schwarzer hinter sich gebracht. Ist die deutsche Emanzipationsbewegung oder Frauenrechtsbewegung Ihre Verbündete?

Ebadi: Es ist durchaus in Relation zu unseren Aktivitäten. Wenn wir von einem globalen Dorf sprechen, dann müssen wir anerkennen, dass jedes Ereignis irgendwo auf der Welt auch die anderen auf der ganzen Welt angeht.

Liminski: Das war ein Gespräch mit der Frauenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin 2003, Shirin Ebadi.

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