Donnerstag, 20.09.2018
 
Seit 18:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterview"Epidemie hat Westafrika kalt erwischt"05.08.2014

Ebola-Virus"Epidemie hat Westafrika kalt erwischt"

Nach Liberia, Guinea und Sierra Leone sind auch in Nigeria Ebola-Fälle aufgetreten. Im Kampf gegen die Epidemie in Westafrika will die Weltbank nun ein Notprogramm in Höhe von 200 Millionen Dollar auflegen. Für den Allgemeinmediziner Thomas Kratz ein wichtiges Element im Kampf gegen die Ausbreitung der Epidemie - allerdings müssten die Mittel auch vor Ort ankommen.

Thomas Kratz im Gespräch mit Jasper Barenberg

Mitglieder von Ärzte ohne Grenzen  in gelben Schutzanzügen und weißem Kopf- und Mundschutz (AFP/ Cellou Binani)
Inzwischen sind fast 900 Menschen an dem Virus gestorben (AFP/ Cellou Binani)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Weiterführende Information

Ebola-Virus - Infizierter Arzt in USA eingetroffen (Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 03.08.2014)

Ebola in Westafrika - Unverantwortlich und zynisch (Deutschlandfunk, Kommentar, 01.08.2014)

Ebola-Epidemie in Westafrika - "Das Entscheidende ist, die Bevölkerung auf seine Seite zu bekommen" (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 01.08.2014)

Ebola-Epidemie - Notstand in Westafrika (Deutschlandfunk, Aktuell, 31.07.2014)

Um die Seuche wieder unter Kontrolle zu bringen, müssten die Mängel im Gesundheitssystem der betroffenen Länder Westafrikas bekämpft werden. Allein durch eine Stärkung der Hygienemaßnahmen und eine Aufklärung über die Übertragungsarten könnte ein wichtiger Schritt zur Eindämmung der Epidemie geleistet werden.

Bei seinem Einsatz für Ärzte ohne Grenzen bis Anfang Juli in Sierra Leone habe er den Eindruck bekommen, dass die Krankheit "außer Kontrolle" sei. "Wir wurden von Patienten geradezu überrannt," sagte er.

Auch wenn ein amerikanischer Arzt und eine Missionarin sich in Liberia mit Ebola infiziert haben, sieht Kratz die Gefahr für Europa und speziell für Deutschland als gering an. Ebola sei nicht mit der Ansteckungsgefahr von Grippe oder Masern zu vergleichen. Ein Ausbruch in Deutschland sei deshalb "extrem unwahrscheinlich".


Das Interview mit Thomas Kratz in voller Länge:

Jasper Barenberg: Dass Ebola Angst macht, ist ja nur zu verständlich. Wie aus dem Nichts scheint die Krankheit alle paar Jahre aufzutauchen und dann fast jeden zu töten, der von dem Fieber befallen wird. Über 800 Opfer in sechs Monaten in Liberia, in Sierra Leone und in Guinea, es ist der weitaus schlimmste Ausbruch dieser Krankheit seit ihrer Entdeckung vor fast 40 Jahren im heutigen Kongo.

Und ein Ende ist nicht in Sicht, nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation breitet sich die Seuche schneller aus, als die Anstrengungen vorankommen, sie zu kontrollieren. Angst herrscht inzwischen allerdings auch in den USA, weil dort ein Arzt und eine Missionarin behandelt werden, die sich bei ihrem Hilfseinsatz in Liberia angesteckt haben.

Am Telefon ist jetzt der Allgemeinmediziner Thomas Kratz, zweimal war er schon für Ärzte ohne Grenzen im Kampf gegen Ebola im Einsatz, zuletzt im Juni in Sierra Leone. Schönen guten Morgen, Herr Kratz!

Thomas Kratz: Guten Morgen!

Barenberg: Die Seuche ist außer Kontrolle, das hören wir in diesen Tagen von Experten. Haben Sie die Situation in Sierra Leone auch so erlebt?

Kratz: Richtig, ich habe die Situation in Sierra Leone so erlebt. Als ich Mitte Juni im Einsatzgebiet eintraf, waren wir mit einem Miniteam praktisch, mit vier anderen internationalen Mitarbeitern vor Ort und ringsum kamen nur Warnungen rein: Hier im Dorf sind zig Leute erkrankt, dort im Dorf sterben in größeren Mengen Leute.

Wir konnten die epidemiologische Situation am Anfang kaum erfassen. Als wir dann ende Juni das Behandlungszentrum in Kailahun eröffnet haben, wurden wir mit Patienten geradezu überrannt. An meinem letzten Arbeitstag, 3. Juli, nahmen wir innerhalb von 3 Stunden 21 Patienten auf.

"Sehr gute Verkehrswege in Westafrika"

Barenberg: Welche Erklärung haben Sie dafür, dass gerade dieser Ausbruch ein solches Ausmaß annimmt?

Kratz: Einmal sind die Verkehrswege in Westafrika sehr gut, Sie haben zum Beispiel von Daru, das ist bei Kailahun, sozusagen einen Hotspot der Epidemie bis in die Hauptstadt Freetown, Hauptstadt Sierra Leones, gut durch asphaltierte Straßen. Die Leute sind grenzüberschreitend tätig, privat, auch für den Handel, es gibt Volksstämme, die grenzüberschreitend zwischen den drei Ländern leben.

Außerdem hat die Epidemie letztendlich die Leute in Westafrika kalt erwischt, sie haben es ja nie zuvor mit Ebola zu tun gehabt und kennen daher die Vorbeugungen, was man gegen die Krankheit tun kann, ohne sich anzustecken, nicht. Im Gegensatz zu zum Beispiel Uganda oder Kongo, die ja schon leidlich Erfahrung mit Ebola haben.

Barenberg: Jetzt heißt es immer wieder, dass das schlechte Gesundheitssystem oder Mängel im Gesundheitssystem, in den Gesundheitssystemen der einzelnen Länder ein wichtiger Grund sind, dass sich die Seuche so rapide oder so unkontrolliert ausbreiten kann. Welche Rolle spielt das?

"Übertragung im medizinischen Bereich oder bei Beerdigungen"

Kratz: Das spielt sicherlich eine große Rolle, weil das Virus durch Körperflüssigkeiten übertragen wird, die auf Schleimhäute oder auf Wunden treffen müssen, sodass es letztendlich für eine massenhafte Übertragung, eine Übertragung in großer Zahl, zwei klassische Szenarien gibt: Das eine ist die nosokomiale Übertragung, das heißt, dass wirklich im Gesundheitsbereich, medizinischen Bereich, die Erkrankung ungewollt übertragen wird, zum Beispiel in Krankenhäusern, wo man es natürlich ständig mit Körperflüssigkeiten, mit Wunden et cetera zu tun hat.

Die andere Möglichkeit ist bei ungeschützten Beerdigungen, wenn Menschen den Leichnam anfassen und sich dann entsprechend en masse anstecken. Wir haben es unerfreulicherweise bei den drei jetzt am meisten betroffenen Ländern natürlich mit, nach Human Development Index, den ärmsten Ländern der Welt zu tun, mit dementsprechend schlecht entwickelten Gesundheitssystemen.

"Epidemie wird schlechter, bevor sie besser wird"

Barenberg: Manche warnen ja jetzt vor einer weiteren Ausbreitung in andere Länder, die frühere Gesundheitsministerin von Mali beispielsweise, die sich gut auskennt mit dem Thema. Wir haben gestern erfahren, dass die Epidemie jetzt auch Nigeria erreicht hat, also das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Andere geben sich sicher, dass diese Epidemie in nur wenigen Wochen ihr Ende finden wird. Was glauben Sie?

Kratz: Ich denke, dass es mit der Epidemie schlechter werden wird, bevor es besser wird. Ich denke, mittelfristig haben wir gute Ressourcen, die Epidemie zu bekämpfen, aber dafür müssen mehr internationale Ressourcen mobilisiert werden. Es müssen auch nebst Ärzte ohne Grenzen andere Hilfsorganisationen stärker einspringen.

Wir benötigen auch für Ärzte ohne Grenzen dringend mehr Personal, es sind auch mehr finanzielle Mittel nötig, aber wenn das alles getan wird, denke ich, dass es eine Möglichkeit gibt, die Epidemie einzudämmen. Aber sicherlich nicht innerhalb der nächsten zwei, drei Monate.

"Stärkung der Hygienemaßnahmen vor Ort"

Barenberg: Die Weltgesundheitsorganisation hat ein 75-Millionen-Euro-Programm angekündigt und jetzt hat auch die Weltbank von einem Hilfsprogramm von einer Größenordnung von bis zu 200 Millionen Dollar gesprochen und das zugesagt. Sind das Ansätze, die Sie hoffnungsvoll stimmen?

Kratz: Das sind Ansätze, die mich hoffnungsvoll stimmen, und wir von Ärzte ohne Grenzen begrüßen diese Initiativen, betonen jedoch, dass es wichtig ist, dass diese Gelder auch am richtigen Ort ankommen. Und eines der wichtigsten Dinge ist gerade die Stärkung der Hygienemaßnahme vor Ort, Prävention.

Barenberg: Es wird ja den betroffenen Ländern, vielmehr den Regierungen dieser Länder vorgeworfen, dass sie allzu lange einfach die Hände in den Schoß gelegt haben, die Gefahr nicht recht erkannt. Haben Sie die Zuversicht, dass man jetzt mit diesen Mitteln auch das Nötige schnell veranlasst?

"Betroffene Länder werden es allein nicht schaffen"

Kratz: Ich habe die Zuversicht, dass das getan werden kann. Aber es ist richtig, die betroffenen Länder werden es alleine definitiv nicht schaffen, die internationalen Akteure, also WHO, Ärzte ohne Grenzen, internationale Föderationen vom Roten Kreuz und so weiter sind nötig.

Ich kann das an einem Beispiel erläutern, wir haben ja alleine in Sierra Leone über 500 Labor-bestätigte Ebola-Fälle und jeder von denen hat nach Faustregel zehn bis fünfzehn Kontakte, mit dem also dieser Erkrankte Kontakt hatte. Diese zehn bis fünfzehn Leute pro Patient müssen über eine Dauer der gesamten Inkubationszeit, die ja bis zu 21 Tage gehen kann, täglich beobachtet werden, um zu gucken, erkranken die auch oder erkranken die nicht? Weil, wenn sie erkranken, können sie andere anstecken, wenn sie nicht erkranken, dann nicht.

Und dementsprechend können Sie die 500 ja mit den zehn bis fünfzehn multiplizieren, und entsprechend viele Leute brauchen Sie für das sogenannte Contact Tracing, also um die Leute jetzt entsprechend nachzuverfolgen.

Barenberg: Im Grunde bestätigen Sie ja aber, was auch die Experten in den USA, hierzulande dieser Tage sagen, dass man im Grunde weiß, wie Ebola zu stoppen ist, die Methoden erprobt sind, aber es eben manchmal aus verschiedenen Gründen sehr schwierig ist, das umzusetzen. Ich erwähne das deswegen noch mal, weil es jetzt ja auch eine große Angst beispielsweise, eine Aufregung in den USA gibt wegen des Arztes und der Missionarin, die sich angesteckt haben und dort jetzt behandelt werden. Ebola wird hier in Deutschland auch als Killer aus dem Regenwald gehandelt. Können Sie diese Angst, diese Aufregung verstehen, nachvollziehen?
Kratz: Die Aufregung kann ich verstehen bezogen auf die westafrikanischen Länder, für die die Situation in der Tat schwierig ist. Die Aufregung kann ich nicht verstehen in Bezug auf Deutschland, weil das Virus, wie gesagt, durch Körperflüssigkeiten übertragen wird, die direkten Kontakt mit einer Wunde oder den Schleimhäuten haben muss. Das heißt, es ist nicht übertragbar in dem Maße wie eine Grippe oder wie Masern zum Beispiel.

Entsprechend brauchen – in Anführungszeichen – Sie schon also wirklich deutliche Defizite im Gesundheitssystem, dass sich das Ganze groß weiterverbreiten kann. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass sich sicherlich mal ein Patient im Flugzeug verirren kann, allerdings ist das Risiko extremst unwahrscheinlich, dass sich bei einem gut entwickelten Gesundheitssystem mit entsprechend vorhandenen Notfallsystemen, mit den entsprechenden Hygienestandards, mit dem entsprechenden Bewusstsein in der Bevölkerung hier das Ganze weiter ausbreitet.

Barenberg: Ebola also keine Gefahr für Deutschland beispielsweise?

Kratz: Extrem unwahrscheinlich, extrem.

Barenberg: Sagt Thomas Kratz, der Facharzt für Allgemeinmedizin, der für Ärzte ohne Grenzen mehrfach schon zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie im Einsatz war. Danke für das Gespräch heute Morgen, Herr Kratz!

Kratz: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk