Mittwoch, 25.11.2020
 

Echte Spione Alles, nur nicht Bond

Elite-Kämpfer, exzellenter Schütze, durchtrainiert und smart. Das Buch "Geheimdienst-Karrieren in Deutschland 1939 – 1989" will mit dem Zerrbild des Spions als Supermann aufräumen. In verschiedenen biografischen Berichten beleuchtet das Werk auf eindringliche Weise das Leben von zehn 'echten' Spionen.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Hände tippen auf einer Computertastatur. (imago/STPP)
Das Werk stellt auch solche Spione vor, die vom Schreibtisch aus subversiv tätig waren. (imago/STPP)

Es ist kein Buch über die Großen und Erfolgreichen des Geschäfts.

"Es nervt. Das gesellschaftliche und öffentliche Bild in Romanen, Filmen und Dokumentationen: Der Spion als Supermann. Kann kämpfen, kann boxen, kann schießen - wenn das doch nur nicht so weit weg wäre von der Wirklichkeit. Man achtet auf die großen Helden der Zeit, auf dieses Mittelmaß Günter Guillaume. Jede Ausfertigung eines Agenten ist seiner Zeit geschuldet, ist dadurch geprägt, ist in einem Kontext. Das muss man zeigen."

Und das zeigen Helmut Müller-Enbergs und Armin Wagner, die beiden Herausgeber und Mitautoren von "Spione und Nachrichtenhändler" gekonnt durch zehn Porträts, darunter eine Frau. Es handelt sich um weniger bekannte Figuren wie den französischen Präfekten Maurice Picard, der von 1940 bis weit in die 60er-Jahre hinein für die Deutschen spionierte, und um so bekannte wie den ehemaligen Bundesrichter Kurt Behnke.

Geschrieben sind die biografischen Berichte von Wissenschaftlern, und gemeinsam fächern sie das breite Betätigungsfeld der – verkürzt - Spione auf. Der private Nachrichtenhändler Josef Adolf Urban etwa profitierte nach seiner Flucht nach Österreich davon, dass sich in den vier Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg unzählige Geheimdienste tummelten, denen er seine Informationen verkaufen konnte. Ganz anders der hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter Hans-Joachim Bamler, der illegal nach Frankreich eingeschleust wurde, um im damaligen Pariser NATO-Hauptquartier zu spionieren.

Auch jene, die vom Schreibtisch aus subversiv tätig waren, fehlen nicht: Der Baltendeutsche Heinrich von zur Mühlen etwa organisierte in der "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" Spionage und Sabotage in der DDR. Müller-Enbergs, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, plädiert für das genaue Hinschauen:

"Da ist ein Mensch. Der ist geronnen gewissermaßen in der Akte. Und wie sortierte er sich in seiner Zeit, unter bestimmten Bedingungen, in einer bestimmten Funktion? Offener, nicht mit dem Etikett einem Individuum sich nähern, mit dem Stempel IM, sondern umgekehrt: Wie agierte die Person? Und warum ist sie das geworden, was sie dann wurde?"

"Nicht wenige haben wesentlich aus materiellen Motiven gearbeitet"

Den Porträts gelingt es, den Leser in die Zeit des Zweiten und des Kalten Krieges zurück zu katapultieren. Wie ging es nach aktiver Teilnahme am NS-System, nach 1945 weiter?

"Die deutsche Geschichte hat so viele Brüche, dass es eine Kultur des Neu-Einstellens gibt. Bei vier Systemwechseln musste man sich jedes Mal neu disponieren und einrichten mit dem Nachteil, dass man gucken musste, wie man sich im vorhergehenden System verhalten hat. Und manch einer hatte es in der jungen Bundesrepublik Deutschland zwar auf einen guten Stuhl hin geschafft, aber die Biografie klebte so blutig noch an den Händen, dass andere Nachrichtendienste das als Druckmittel nutzen konnten."

Den vielfältigen Motiven der Spione und Nachrichtenhändler sind die Wissenschaftler durch Akten auf die Schliche gekommen, die erst in den vergangenen Jahren freigegeben wurden: Dokumente aus dem amerikanischen Nationalarchiv, von der französischen Justiz, aus dem Bundesarchiv und sogar – eingeschränkt – aus den Archiven des BND sowie des Militärischen Abschirmdienstes.

"Nicht wenige haben wesentlich aus materiellen Motiven gearbeitet, um den Wohlstand etwas auskömmlicher zu gestalten. Zugleich aber gab es Idealisten, richtig leidenschaftliche Idealisten, die nie einen Pfennig Reichsmark, Euro, genommen haben. Obgleich ähnliche Sozialisation, ähnliche familiäre Hintergründe vorliegen, gibt es doch unterschiedliches Verhalten."

Die Biografien sind häufig gebrochen. Ausgerechnet der Präsident des Bundesdisziplinarhofes, Kurt Behnke, führte ein ausschweifendes Liebesleben. Als dieses öffentlich wurde und er außerdem der Spitzeltätigkeit für die DDR-Staatssicherheit verdächtigt wurde, beging er 1964 Selbstmord.

Müller-Enbergs beschreibt, wie die Ehepaare Bamler und Kranick in Paris als MfS-Agenten enttarnt wurden. Die sogenannten "Puppenspione" hatten Mikrofilme in russischen Puppen versteckt. Sie landeten für viele Jahre im Gefängnis.

"Es waren nicht allein ihre 'besten Jahre' vertan, sondern beide Ehepaare, die Kranicks wie die Bamlers, hatten ihr Leben einer Illusion geopfert, während sie tatsächlich wohl einer Art 'Puppenspiel' dienten. Für die osteuropäische und sowjetische Nachrichtendienstcommunity war der Verlust ihrer Residentur in Paris letztlich von geringer Bedeutung. Der große Bruder verfügte von Moskau aus über wesentlich bessere Zugänge."

Nicht wenig Kurioses fördert das Buch zutage - etwa darüber, wie Josef Adolf Urban in Österreich an Informationen kam:

"Urban hatte inzwischen einen Weg gefunden, ohne die risikoreichen Durchforstungen von Müllhalden an sowjetisches Originalmaterial zu kommen: Er hatte einige österreichische  Handwerker gewonnen, die in Militärdienststellen eingesetzt wurden und sich dort an Papierkörben oder Heizungsanlagen, in deren Nähe Dokumente zum Verbrennen lagerten, bedienten."

Noch sind die Akten von Nachrichtenbeschaffern wie dem BND, aber auch von Abnehmern wie dem Auswärtigen Amt – nicht zu vergessen das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR - schwer zugänglich. Sie werden weitere Puzzle-Teile liefern, wie die Arbeit von Spionen und Nachrichtenhändlern die Politik beeinflusst hat. Um aber den kursierenden Mythen entgegen zu wirken, muss viel mehr geforscht werden, fordert Müller-Enbergs.

"Spionage ist das Moment, was zwischen den Kriegen und während des Krieges stattfindet, nämlich internationale Politik. Kein Diplomat geht irgendwo in die Bütt, ohne solche Kenntnisse zu haben, keine Regierung arbeitet ohne solches Know-how. Es kommt also darauf an zu verstehen, dafür zu werben, dass Spionage oder Nachrichtendienste Teil der internationalen Politik sind und auch akademisch aufgeschlossen werden müssen."

Helmut Müller-Enbergs, Armin Wagner (Hg.): "Spione und Nachrichtenhändler"
Geheimdienst-Karrieren in Deutschland 1939 – 1989.
Ch. Links Verlag, 376 Seiten, 25 Euro
ISBN: 978-3-86153-872-1

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk