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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Eckhard Jesse (Hrsg.): Die Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz.18.09.2000

Eckhard Jesse (Hrsg.): Die Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz.

Ch. Links Verlag Berlin 2000, 331 Seiten, DM 38,-

<strong>Ein Zeitsprung in die jüngste deutsche Vergangenheit: Im vergangenen Wintersemester veranstaltete Eckhard Jesse, Professor für Politikwissenschaften an der Technischen Universität in Chemnitz, eine Ringvorlesung, zu der er vierzehn Bürgerrechtler der ehemaligen DDR eingeladen hatte. Ihre Vorträge, durchweg interessante Rückblicke auf das verstrichene Jahrzehnt seit der Wende, liegen nun in Buchform zusammengefasst vor. Titel: "Eine Revolution und ihre Folgen". Karl Wilhelm Fricke stellt ihnen den Sammelband vor:</strong>

Karl Wilhelm Fricke

Die von Eckhard Jesse akribisch edierten vierzehn Texte zum General-thema "Revolution in der DDR - zehn Jahre danach" lohnen die Lektüre. Eine differenzierende Einleitung erschließt sie - und ein historischer Überblick des Herausgebers über oppositionelle Bestrebungen in der DDR der achtziger Jahre mit aktueller Bibliographie, ergänzt durch Kurzporträts der vierzehn Autorinnen und Autoren, rundet das Ganze ab. Entstanden ist ein höchst lesbares Buch, das zurückführt in die Geschichte der friedlichen Revolution '89 in der DDR und das zugleich zur Diskussion über die deutsche Gegenwart beiträgt. Im einzelnen weist das Inhaltsverzeichnis folgende Verfassernamen aus:

"Jens Reich, Konrad Weiß, Marianne Birthler, Günter Nooke, Wolfgang Templin, Markus Meckel, Freya Klier, Ehrhart Neubert, Vera Lengsfeld, Rainer Eppelmann, Edelbert Richter, Ulrike Poppe, Friedrich Schorlemmer, Joachim Gauck."

Die Namen bedürfen keiner Kommentierung. Jeder kennt ihre Träger als Akteure und Zeitzeugen des Umbruchs '89. Sie schrieben DDR-Oppositionsgeschichte und stehen zum Teil heute noch in der aktiven Politik. Daher verdiente es jeder einzelne dieser Beiträge auch, daß sich ihm der Rezensent ausführlich zuwendet - ein bei vierzehn Autoren freilich unmögliches Unterfangen. So bleibt der Versuch, drei Texte als exemplarisch herauszugreifen - und die Auswahl fiel auf die Beiträge von Marianne Birthler, Jens Reich und Friedrich Schorlemmer. Warum? Sie zählten alle drei zu jenen, die auf der historischen Kundgebung der 500 000 in Ost-Berlin auf dem Alexanderplatz am 4. November '89 das Wort ergriffen haben. Was sagten sie damals - was schreiben sie heute über sich und ihre Hoffnungen im revolutionären Herbst '89, über Selbsttäuschungen und Enttäuschungen, über ihre Illusionen auch und nicht zuletzt in der Machtfrage? Marianne Birthler, die designierte Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, hat damals auf dem Alex die Machtfrage aufgeworfen:

"Es ist gut, für Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, eine besser funktionierende Wirtschaft und ein neues Bildungssystem zu kämpfen. All' das ist bitter notwendig. Aber wir sollten bei alldem nicht vernachlässigen, daß diese Rechte gesichert werden müssen, das heißt, wir müssen über die Frage der Macht nachdenken und darüber, wie Macht kontrolliert werden kann..." (Beifall)

Marianne Birthler sieht auch das geeinte Deutschland nicht unkritisch. Sie reklamiert "Veränderungsbedarf". Mit dem Begriff der "Berliner Republik" verknüpft sie die Hoffnung, daß er "den Beginn einer gesamtdeutschen inneren Verfaßtheit markiert." Im Blick zurück auf die DDR spricht sie die folgende fatale Wahrheit aus:

"Es gehört zu den schlimmsten vom DDR-System verursachten Schäden, daß Zivilcourage und Individualität systematisch abtrainiert wurden - zugunsten konformen Denkens und Lebens."

Generell gehen die vier Frauen und zehn Männer aus der Bürgerrechts-bewegung, die dem Band Inhalt und Profil gegeben haben, sowohl auf den "Sozialismus in den Farben der DDR" und auf den Umbruch '89 als auch auf die deutsche Einheit ein. Die wollten damals die wenigsten von ihnen. Die meisten glaubten an einen "verbesserlichen Sozialismus". Sie wollten eine andere, aber eigenständige DDR. Sie glaubten zeitweilig an die historische Chance eines "dritten Weges". Auch Jens Reich war in seiner Rede auf dem Alexanderplatz auf Reform der DDR orientiert:

"Freiheit, so hat man uns in der Schule erzählt, sei Einsicht in die Notwen-digkeit - ist da nicht zuviel Sklavengeist dabei? (...) Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden. Freiheit ist Befreiung, und wir alle müssen uns freimachen - von der Angst, es könnte alles aufgezeichnet und später gegen mich ausgewertet werden, von feiger Vorsicht, nur nicht den Kopf aus dem Salat zu stecken, sonst gibt's einen drauf, von Kleinmütigkeit, es hat ja doch keinen Sinn, nichts wird sich ändern, alles bleibt beim alten. Nein, wir müssen unser Verfassungsrecht wahrnehmen, nicht nur hier auf der Demo, sondern vor dem Chef, vor den Kollegen, vor dem Lehrer, vor der Behörde, überall."

So der Arzt und Molekular-Biologe - er arbeitet als Professor an der Humboldt-Universität Berlin - damals. Natürlich ist Jens Reich alle DDR-Nostalgie fremd:

"Ich habe mich in all den Jahren bis 1989 nie in der DDR zu Hause gefühlt. Auch nach zehn Jahren ist da keine besonnte Vergangenheit entstanden."

Ungeachtet aller Ernüchterung nach zehn Jahren deutscher Einheit steht niemand von den Autorinnen und Autoren heute negativ zu ihr - auch nicht Friedrich Schorlemmer, der sich damals auf dem Alexanderplatz folgendermaßen vernehmen ließ:

"Es ist wahr, unser Land ist kaputt; ziemlich kaputt, es ist wahr, dumpf, geduckt, bevormundet haben wir gelebt. So viele Jahre! Heute sind wir hierher gekommen, offener, aufrechter, selbstbewußter. Wir finden zu uns selbst, wir werden aus Objekten zu Subjekten des politischen Handelns. Wir können stolz sein! Lebten wir gestern noch in der stickigen Luft der Stagnation, die atemberaubend war, so erleben wir jetzt Veränderungen, die atemberaubend sind."

Der streitbare Pastor aus Wittenberg sieht die Situation im geeinten Deutschland heute kritisch, aber nicht unrealistisch:

"Nach der staatlichen Vereinigung flossen enorme Investitionen gen Osten, doch die Anpassungsprobleme halten an, in allen Bereichen. Die Nachfolgeschäden von vierzig Jahren Planwirtschaft plus Transformationsschock werden noch lange als Problem zwischen Ost und West stehen. Die einen 'sollen' nur viel geben, die andern 'wollen' nur viel haben. Das Ende des Aufholprozesses ist in weite Ferne gerückt, nach-dem die Vereinigung von der Globalisierung überlagert und auch mit dem Desaster in Rußland verbunden ist. Die ökonomische und politische Dominanz des Westens über den Ostern (und im Osten) hat das Selbstwertgefühl und die Leistungsbereitschaft von Ostdeutschen weiter geschwächt."

Notwendigerweise werden in dem Sammelband Legenden und Mythen wie "Die DDR war sozial" oder "Jeder hatte Arbeit" zerstört. Indes wird die Situation im geeinten Deutschland deshalb nicht geschönt. Fehler, die im Prozeß der Vereinigung begangen wurden, kommen zur Sprache. Dargelegt wird, warum sich noch immer viele Ostdeutsche als "Bundesbürger zweiter Klasse" fühlen, wenn auch zu Unrecht. Sie sind in der Ordnung des Grundgesetzes "noch nicht angekommen". Andererseits man kann den Gedanken nur bekräftigen, mit dem Rainer Eppelmann seine Dezenniumsbilanz schließt:

"Ich bin in den letzten Jahren immer wieder auch im östlichen Europa unterwegs gewesen und habe erlebt, was dort den Menschen durch die notwendigen Veränderungsprozesse abverlangt wird. Im Vergleich dazu geht es uns allen schon heute mehr als gut."

Natürlich sind die in dem vorliegenden Band vereinten Beiträge nicht von politischer Konformität geprägt, im Gegenteil. Bedingt durch unterschiedliche Positionen von linkssozialistisch und basisdemokratisch bis christlich-konservativ, tun sich zwischen ihnen deutlich Gegensätze auf. Aber daß diese kontroversen Beiträge gleichwohl in ein- und demselben Sammelband vereinigt sind, ist nicht nur ein Verdienst des Herausgebers, sondern auch ein ermutigendes Zeugnis demokratischer Kultur, denn - darin ist Eckhard Jesse vorbehaltlos beizupflichten - "eine offene Gesellschaft zeichnet sich durch Konsens über die Legitimität von Dissens aus."

Karl Wilhelm Fricke über: Die Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz. Herausgegeben von Eckhard Jesse imChristoph Links Verlag Berlin 331 Seiten, Preis: DM 38,-.

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