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StartseiteCorso"Wenn die Filmkunst bedroht ist, werde ich wild"05.01.2018

Edgar-Reitz-Werkschau"Wenn die Filmkunst bedroht ist, werde ich wild"

Das Großwerk "Heimat" machte ihn in den 80ern bekannt, aber Edgar Reitz prägte schon vorher den Jungen Deutschen Film. Die Werkschau zeigt sein Frühwerk ebenso wie den gefloppten "Schneider von Ulm" - laut Reitz "besser als sein Ruf", so der Regisseur im Corsogespräch.

Edgar Reitz im Corsogespräch mit Bernd Lechler

Der deutsche Regisseur Edgar Reitz am 9. Juni 2016 im Studio 5 des Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio Kultur / Leila Knüppel)
"Es ist ein unglaublicher Talentverschleiß im Gange" sagte Filmregisseur Edgar Reitz im Dlf. Damit verbunden sei die Gefahr geistiger Armut für Publikum und Filmbranche (Deutschlandradio Kultur / Leila Knüppel)
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Bernd Lechler: Edgar Reitz ist einer der großen deutschen Filmemacher. Als erstes fällt Ihnen zu seinem Namen wahrscheinlich sein größter Erfolg "Heimat" ein - die bahnbrechende, vielteilige filmische Chronik Deutschlands im 20. Jahrhundert, vor allem am Beispiel der Landbewohner im Hunsrück. Drei gewaltige Teile - und zuletzt noch einen vierten, der im 19. Jahrhundert spielt - hat Edgar Reitz seit den 80ern gedreht. Aber: Ein Filmemacher, der gleich für sein Erstlingswerk Mitte der 60er einen silbernen Löwen in Venedig bekam, blickt mit 85 natürlich auf ein viel umfangreicheres Schaffen zurück, und das lässt sich ab morgen im Filmhaus Nürnberg nach und nach wiederentdecken - wie natürlich auch die "Heimat"-Filme: im Rahmen einer großen Werkschau. Und mit dem so Gewürdigten konnten wir heute Mittag per Leitung nach München reden: Edgar Reitz, willkommen zum Corsogespräch!

Edgar Reitz: Ja, grüß Gott.

Lechler: Sie werden bei mehreren Vorführungen in Nürnberg anwesend sein und auch Schauspieler mitbringen. Wie ausgiebig haben Sie sich für diese Werkschau mit Ihrem Oeuvre noch mal beschäftigt?

Reitz: Naja, die Aufgabe hieß ja: Von allen diesen Filmen, die man seit Jahrzehnten nicht gesehen hat, gute Kopien herzuschaffen.Das war gar nicht so einfach. Und bei der Gelegenheit befasst man sich natürlich noch einmal und prüft die Qualität. Das ist schon ein banges Gefühl, nach so vielen Jahren wieder.

Wir haben noch länger mit Edgar Reitz gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Lechler: Und wie fiel es aus? Konnten Sie guten Gewissens ja sagen?

Reitz: Es gibt Überraschungen - selbst für denjenigen, der die Filme gemacht hat. Man hat so Dinge in Erinnerung und sie bestätigen sich. Also: Dass das immer noch funktioniert und dass man eine Form gefunden hat oder eine Sprache gefunden hat, die sich immer noch vermittelt, das hat mir ziemlich Freude gemacht zu sehen.

Lechler: Gibt es auch einen Film, bei dem Sie sich besonders freuen, dass ihn die Leute mal wieder in einem Kino zu sehen bekommen?

Reitz: Es gibt einen Film, der eine besondere Rolle gespielt hat in allen diesen Jahren, das ist "Der Schneider von Ulm". Mit diesem Film, der damals sehr unterschiedlich bewertet worden ist, glaube ich, wird man eine Überraschung erleben. Der Film ist sehr viel besser als sein Ruf und er funktioniert auch und ist ein schöner, üppiger, großer Spielfilm mit Kostümen und Farben und vor allem mit dem Rausch des ersten Fliegens - das ist die Geschichte des Flugpioniers. Also da freue ich mich besonders.

"Ich spüre, dass sich da etwas zusammenbraut"

Lechler: Ihre Karriere und auch die Ära des Jungen Deutschen Films, die Sie mitgeprägt haben, begann ja nicht zuletzt mit dem Oberhausener Manifest 1962 schon, in dem deutsche Filmemacher so eine Abkehr vom affirmativen Wohlfühl-Kino gefordert haben, stattdessen mehr Kunst und mehr Provokation, mehr Mut wahrscheinlich einfach. Wenn man aktuelle Äußerungen von Ihnen liest, dann scheint es, Sie fänden so ein Manifest mal wieder fällig.

Reitz: Naja, nun sollte man in meinem Alter so ein bisschen zurückhaltend sein. Die Jungen werden schon wissen, was sie brauchen. Ich unterrichte ja an den Filmschulen seit vielen Jahren und habe deswegen auch ausreichend Kontakt mit der jungen Generation. Ich spüre, dass sich da auch etwas zusammenbraut, also ein Bedürfnis, die Dinge neu in die Hand zu nehmen. Wissen Sie, das Filmemachen ist ein Traum. Und sobald es nichts mehr mit dem Träumen zu tun hat, muss man etwas ändern.

Der Regisseur Edgar Reitz (r.) bespricht am 5.4.2002 bei Dreharbeiten zu einer neuen Staffel der Serie "Heimat" im rheinland-pfälzischen Oberwesel eine Einstellung mit Kameramann Thomas Mauch (dpa/ Thomas Frey)Edgar Reitz (rechts) bei den Dreharbeiten für "Heimat 3" im Jahr 2002 (dpa/ Thomas Frey)

Lechler: Hat damit auch zu tun, dass Sie, mit vielen anderen namenhaften Filmern - von Schlöndorff über Dörrie und Dresen bis Fatih Akin - auch eine Neuausrichtung der Berlinale gefordert haben?

Reitz: Die Diskussion über die Berlinale ist bis jetzt noch nicht wirklich in die inhaltlichen Dinge vorgedrungen. Das ist mehr emotional. Und auch da habe ich das Gefühl, dass die Jungen sich erst einmal orientieren. Und das findet gerade im Moment statt. Insofern finde ich das positiv.

Lechler: Aber ich merke schon, Sie halten sich da zurück. Es ist ja schon bemerkenswert, dass Sie sich dabei aber auch weiterhin einklinken. Werden einem die Aufs und Abs der Branche nicht irgendwann auch so ein bissschen egal, wenn man älter wird?

Reitz: Ja, sofern es sich um die Branche handelt, ja. Aber es handelt sich ja auch um das Publikum. Und es handelt sich um das Gefühl und das Wissen vom Film. Und die Film-Kunst ist etwas so Grandioses, etwas, das die Weltgeschichte so tief geprägt hat, dass ich natürlich wild werde, wenn die Filmkunst bedroht ist. Wenn ich das Gefühl habe, da geht es nicht weiter. Und an diesem Punkt stehen wir aus vielen, vielen Gründen zurzeit: einmal wegen der totalen Veränderung der gesamten Szenerie durch die Digitalisierung, durch die neuen Verbreitungsmedien, durch die Veränderung der Rolle des Fernsehens. Und auch das Kino selbst muss sich neu erfinden. Also das ist jetzt ein Moment unendlicher Umbrüche. Und da muss man natürlich seinen Schnabel mal wieder einmal aufmachen.

"Warum soll man so früh in seinem Leben schon Kompromisse machen?"

Lechler: Ich habe bei YouTube ein bisschen gestöbert und mir unter anderem "Cardillac" ein Stück weit angeschaut - von 1969, Ihren Film um den fanatischen Goldschmied - und dachte: Ja, das war schon mutig, so zu erzählen und auch nicht das einzige Mal in Ihrer Laufbahn. Hat sich das damals auch mutig angefühlt oder Mut erfordert für Sie?

Reitz: Naja, bei dem Film war es ganz speziell mutig, denn das passierte ausgerechnet im Jahre 1968. Also das war das Jahr der Revolten überall und auch in meinem Team und bei meinen Mitarbeitern. Und ich musste mich mit diesem Film nach allen Seiten hin durchkämpfen. Und das spürt man natürlich, wenn man den Film heute sieht. Der geht auf vollkommen schräge Weise an sein Thema heran und erzählt es gar nicht geradeaus.

Lechler: Und die jungen Filmemacher von heute, die Sie ja eher in Schutz zu nehmen scheinen - fehlt es denen öfter mal an Mut oder sehen Sie welche, die könnten und auch wollten, aber man lässt sie nicht?

Reitz: Naja, das ist so die Frage, was lohnt sich zu lernen, wenn man zum Beispiel eine Filmschule besucht. Alle Filmschulen versuchen den Leuten irgendwie nahezubringen oder beizubringen, wie man sich in dieser Welt seinen Weg bahnt. Das heißt natürlich auch: lernen, Kompromisse zu machen. Und da finde ich, ist es schade. Warum soll man so früh in seinem Leben schon Kompromisse machen? Das macht man viel zu sehr im Laufe des Lebens, wenn man von Kämpfen ermüdet wird. Aber in die Jugend gehört der Kompromiss doch nicht, finde ich.

Lechler: Vielleicht ist das Scheitern ja heute riskanter und die Karriere schneller vorbei.

Reitz: Das ist auch wahr, weil: Da ist auch ein furchtbarer Talente-Verschleiß im Gange. Und da wird so getan, als hätte man von diesem Kapital unendlich viel zur Verfügung. Und das ist ja nicht wahr. Ein wirklich großes Talent ist immer noch eine Seltenheit auf der Welt. Eine Filmbranche oder ein Publikum, das nicht entdecken will oder nicht würdigen will, gerät in einen Mangel-Zustand und in Armut, in geistige Armut.

"Man kann das Werk, das eigentlich alle zu kennen glauben, neu entdecken"

Lechler: Ihren Namen hat das breite Publikum mit der "Heimat"-Reihe spätestens entdeckt. Bedauern Sie das eigentlich heute, dass Sie damit auch immer in allererster Linie in Verbindung gebracht werden? Gerade wenn man jetzt auch die Bandbreite der Werkschau sieht?

Reitz: Naja, es kommt in Erinnerung und es wird in Erinnerung gebracht, dass ich eigentlich aus dem experimentellen Bereich her stamme, dass ich eigentlich von frühester Jugend an immer nach den neuen Wegen und den ungewöhnlichen Ausdrucksformen gesucht habe. Und in "Heimat" findet das auch statt, aber in einem so großen Kontext, in einem solchen epischen, großen Rahmen, dass das nie in den Vordergrund getreten ist. Und ich finde, man sieht jetzt auch die "Heimat" selbst in einem anderen Zusammenhang. Also durch diese Werkschau kann man auch das Werk, das eigentlich alle zu kennen glauben, neu entdecken.

Jan Dieter Schneider als Jakob in einer Szene des Kinofilms "Die andere Heimat" von Edgar Reitz (picture alliance / dpa / Concorde Filmverleih / Christian Lüdeke)Jan Dieter Schneider als Jakob in einer Szene des Kinofilms "Die andere Heimat" von Edgar Reitz (picture alliance / dpa / Concorde Filmverleih / Christian Lüdeke)

Lechler: Sehen Sie denn jetzt in der aktuellen Weltlage und in den politischen Geschehnissen auch Dinge, die Sie dann spontan gerne im fiktiven Dorf Schabbach im Hunsrück weitererzählen würden?

Reitz: Also das ist ja so ein Zauberwort, "Schabbach". Also "Schabbach" ist für mich immer ein Synonym für die Welt, die Welt im Kleinen. Und wenn Sie genau hinsehen, erzähle ich eigentlich nicht immerzu von Heimat. Ich erzähle von tausenden von Themen, aber sie werden sozusagen auf dieses kleine Maß von Schabbach reduziert und dorthin projiziert. Dadurch wird es als Erzählung möglich und es wird emotional vermittelbar. Das ist der Trick. Also ich kann mir vorstellen, auch viele, viele Themen der Zukunft immer wieder nach Schabbach zu verpflanzen.

Lechler: Edgar Reitz - die große Werkschau ab heute bis zum 04. März im Filmhaus Nürnberg. Herr Reitz, danke für das Corsogespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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