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StartseiteMusikjournalMit Musik gegen Frust und Agonie19.11.2018

Education-Projekt in TunisMit Musik gegen Frust und Agonie

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist mit ihrem Education-Projekt "Melodie des Lebens" nach Tunesien gereist - und hat das Programm mit Schülern und Musikern des Orchestre National Tunisien einstudiert. Die ersten Früchte des Pilotprojekts haben die Schüler und Profi-Musiker nun in Bremen präsentiert.

Von Sylvia Systermans

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Das Future Lab Tunisia der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (Deutsche Kammerphilharmonie Bremen/ Axel Martens)
Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie, tunesische Musiker des Nationalorchesters und Schüler beim Konzert in Bremen. (Deutsche Kammerphilharmonie Bremen/ Axel Martens)
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"Und nun einen umarmenden Applaus für Massimo und Viktor!"

Enthusiastisch kündigt Moderator Mark Scheibe die beiden nächsten Sänger an. Die Bühnenshow "Melodie des Lebens" im ausverkauften Konzertsaal der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen ist in vollem Gange. Frenetischer Applaus, das Orchester stimmt die ersten Takte an, Viktor und Massimo kommen auf die Bühne. Zwei Jungs, 13 Jahre alt, verwaschene Jeans, Baseballkappe. Ihr erster Auftritt. 350 erwartungsvolle Zuschauer vor sich, 30 professionelle Musiker hinter sich, die ihnen sichtbar und hörbar eine Liedlänge lang den Rücken stärken.  

"Ihr seid so gemein, dass ihr Mädchen bevorzugt, fördert und ermuntert, aber uns nicht mal anguckt. Das ist zum Beispiel eine Strophe aus dem Lied und darum geht’s ja auch. Die Jungs stehen nicht so gut wie die Mädchen da. Mädchen sind zum Beispiel gut in der Schule und Jungs halt nicht so."

Wertschätzendes Forum für Kinder und Jugendliche

Viktor singt über das, was ihn bedrückt und worüber er im Alltag kein Wort verlieren würde. Es ist sein Lied. Geschrieben hat er es zusammen mit Mark Scheibe. Der Moderator, Sänger und Komponist entwickelte die Bühnenshow "Melodie des Lebens" zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie. Seit das mehrfachfach ausgezeichnete Weltklasseorchester 2007 mit Probenräumen und einem eigenen Konzertsaal in der Gesamtschule Bremen Ost Quartier bezogen hat, findet die Show zweimal im Jahr statt. Sie ist eins von mehreren Education-Projekten des Orchesters, die unter dem Titel "Zukunftslabor" zusammengefasst sind. Ein wertschätzendes Forum für Kinder und Jugendliche im sozialen Brennpunkt Osterholz-Tenever, sagt Mark Scheibe.

"Die Idee war, einen Kontrast zu schaffen zu der Beurteilungs-Unkultur, die wir durch Dieter Bohlen, DSDS kennengelernt haben. Und meine Idee, die auch mit der ganzen Spielweise der Kammerphilharmonie resoniert, ist es zu sagen, es geht darum, den Menschen in seiner Individualität, in seiner persönlichen Schönheit auf die Bühne zu bringen und das auch zu entlocken."

Das Future Lab Tunisia der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (Deutschlandradio/ Sylvia Systermans)Das Future Lab Tunisia der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (Deutschlandradio/ Sylvia Systermans)

Würde die Show "Melodie des Lebens", die sich an einer Brennpunktschule am äußersten Stadtrand einer deutschen Großstadt bewährt und etabliert hat, auch in einem arabischen Land mit instabilen politischen Verhältnissen und anderer Kultur funktionieren? Die Frage stellten sich die Musiker der selbstverwalteten Deutschen Kammerphilharmonie, als vor drei Jahren eine Einladung der tunesischen Kamel Lazaar Foundation auf dem Tisch lag, mit der Bitte "Die Melodie des Lebens" auch an einer Schule in Tunis zu starten. Ein großer Schritt, erinnert sich der Generalmanager der Kammerphilharmonie, Albert Schmitt.

"Wir haben das mit großer Sorgfalt abgewogen, ob wir uns das zutrauen. Der Hintergrund ist ja der, wir haben in der Arbeit ein Wirkungsprinzip entdeckt, das überall ist, aber nicht wirklich genutzt wird. Nämlich in dem Moment, wo ein hochklassiges Profiorchester, in dem Fall die Kammerphilharmonie Bremen, mit Schülern aus einem Brennpunktviertel zusammenarbeitet, werden Kräfte freigelegt, die ohne die Zusammenarbeit nicht erreichbar gewesen wären."

"Future Lab Tunisia": Die erste Kooperation auf internationaler Ebene

Die Deutsche Kammerphilharmonie hat die Herausforderung angenommen. "Future Lab Tunisia" heißt die erste Kooperation auf internationaler Ebene, die vor drei Jahren begonnen hat.

"Dann war die Überlegung, wir versuchen einfach die Gelingensbedingungen, die hier prägend sind, in Tunesien zur Wirkung zu bringen. Wir suchen eine Schule, die unserer vergleichbar ist, wir suchen ein Orchester, das unserem vergleichbar ist und die beiden veranlassen wir ähnlich wie hier in unserem Zukunftslabor in einer Art Wohngemeinschaft zusammen zu leben."

Gefunden wurde die Schule am Stadtrand von Tunis, musikalischer Partner ist das überwiegend arabische Musik spielende Nationale Sinfonieorchester von Tunesien. Finanziell unterstützt wird "Future Lab Tunisia" vom Auswärtigen Amt und der tunesischen Regierung. Der Startschuss für eine langfristig angelegte Entwicklung, erläutert Projektleiterin von "Future Lab Tunisia", Verena Tissen.

"Der tunesische Bildungsminister hat bei der Pressekonferenz zur Eröffnung des Projekts bekräftigt, dass das für sie ein Pilotprojekt ist und sein Ziel ist, dieses Projekt flächendeckend auf nationaler Ebene in Tunesien zu etablieren."

Die ersten Früchte des Pilotprojektes konnte man am Wochenende an der Gesamtschule Bremen-Ost erleben. Auf der Bühne sitzen zwischen Musikern der Kammerphilharmonie tunesische Musiker des Nationalorchesters. In Tunis haben sie mit Jugendlichen ihrer Schule die "Melodie des Lebens" einstudiert. Jetzt haben die Jugendlichen ihren großen Auftritt, singen auf Arabisch oder spielen Geigen, Celli und Perkussion. Die Jungs ein wenig scheu, einige mit weißem Hemd und Fliege, die Mädchen mit kurzen Röcken und offenem langen Haar. Sie haken sich unter, wiegen im Takt der Musik.

"In meinem schönen Land leben wir einen süßen Traum, in meinem schönen Land malen wir ein glückliches Haus, in meinem schönen Land schaffen wir eine starke Generation", haben die Jugendlichen auf die Melodie des Lebens getextet. Die Realität sieht für die meisten Jugendlichen in Tunesien freilich weit weniger rosig aus. Seit dem Arabischen Frühling vor acht Jahren und dem Sturz von Zine el-Abodome Ben Ali ist das tägliche Leben für viele Tunesier noch schwieriger geworden. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 35 Prozent, die Inflationsrate ist hoch, allein 2017 versuchten um die 8000 Tunesier übers Mittelmeer nach Europa zu kommen.

"Ein großartiges Projekt zur rechten Zeit"

Dirigent Mohamed Lassoued, Künstlerischer Leiter des Future Lab Tunisia, war im vergangenen Jahr zum zehnjährigen Jubiläum des Zukunftslabors der Kammerphilharmonie in Bremen. Ein großartiges Projekt zur rechten Zeit, sagt er.  

"Es ist einzigartig, weil bis dahin niemand den Mut gehabt hat, so ein Projekt in Tunesien zu etablieren. Es schafft die zu berühren, die weniger Chancen haben, die aus Vierteln kommen, wo die Menschen ärmer sind, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, mit Musikern des Nationalorchesters in Kontakt zu kommen und überhaupt ein Instrument zu lernen."

Mit der Schule am Stadtrand von Tunis ist ein Anfang gemacht. Die Arbeit soll Schüler vor Ort stärken und ermutigen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Eine Arbeit, die durchaus gesamtgesellschaftliches Potential hat, skizziert Albert Schmitt von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.   

"Die Intention, die dahinter liegt, ist ja, dass eine Bewegung draus wird. Dann wäre Tunesien der erste Schritt, dass man sagt, es funktioniert nicht nur in unserem Kulturraum und gerader in der heutigen Zeit, in der autokratische Systeme so eine hohe Frequentierung haben, wo die Demokratie in Frage steht und in Zweifel gezogen wird, glaube ich, liegt da eine enorme Kraft drin, auch Gesellschaften zu stabilisieren."  

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