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StartseiteForschung aktuellEffekt unbekannt18.03.2011

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Kühlversuche in Fukushima gehen weiter

Kernenergie. - Am havarierten Kernkraftwerk Fukushima-1 gehen die Bemühungen weiter, die Reaktoren unter Kontrolle zu bekommen. Der Wissenschaftsjournalist Sönke Gäthke berichtet im Gespräch mit Uli Blumenthal über die aktuelle Lage.

Ein Hubschrauber der japanischen Armee sammelt Wasser für die Kühlung überhitzer Brennstäbe im Atomkraftwerk Fukushima 1 (AP)
Ein Hubschrauber der japanischen Armee sammelt Wasser für die Kühlung überhitzer Brennstäbe im Atomkraftwerk Fukushima 1 (AP)

Blumenthal: Sönke Gäthke, Sie beobachten die Situation in Japan für uns. Was hat man heute versucht?

Gäthke: Und zwar einerseits, dass man die Reaktoren kühlt, weiterhin die Reaktoren 1 bis 3. Es ist zwar so, dass die Wärme in diesen Reaktoren schon massiv abgeklungen ist, aber es wird immer noch sehr viel erzeugt. Diese Reaktoren haben nämlich ursprünglich eine so genannte thermische Leistung, so heißt das, von 1300 bis 2800 Megawatt, deutlich mehr als sie an elektrischer Leistung haben. Nach dem Abschalten sackt diese Leistung zwar relativ schnell auf ein Bruchteil ab. Aber danach nimmt sie jeden Tag ein bisschen weniger ab. Das nennt man so eine exponentielle Kurve. Wenn alles normal gelaufen wäre, dann hätten wir heute eine thermische Leistung von zwischen drei und 6,5 Megawatt. Das wäre genug, um 120 oder mehr als 240 Häuser zu heizen. Allerdings entsteht diese Wärme auf einer viel, viel kleinere Fläche. Das heißt, man muss auch noch für eine ganz lange Zeit das ganze kühlen.

Blumenthal: Kurze Zwischenfrage: was heißt, "wenn alles normal gelaufen wäre"?

Gäthke: Es ist einfach so, dass hier natürlich..., dass es eben nicht normal gelaufen ist. Wenn man die Hitze normal hätte abbauen können... Jetzt wissen wir aber nicht, was passiert ist, ist wieder neue Hitze entstanden, ist wieder irgend etwas in Gang gekommen, eine partielle Kernschmelze wird vermutet, das erzeugt natürlich wieder neue Hitze. Und wir müssen natürlich die Abklingbecken weiterhin kühlen, denn dort sind sehr viel mehr Brennstäbe drin und sehr viel mehr nukleares Material als in den Reaktoren.

Blumenthal: Das sind auch Fragen, die uns Hörer immer wieder per Mail schicken, an den Hörerdienst oder in die Redaktion. Wir sind der Frage einmal nachgegangen, warum die alten Brennstäbe in den Aktienbecken eine so große Gefahr darstellen.


Blumenthal: Sönke Gäthke, hier im Studio, zum Einsatz gekommen sind wieder Wasserwerfer, die bei den Kühlversuchen eingesetzt worden sind. Mit welchem Erfolg oder mit welchen Effekt?

Gäthke: Das ist die große Frage. Wir wissen nicht ganz genau, welchen Effekt diese Wasserwerfer haben. Wir können zwar..., wir wissen zwar, wie viel Wasser die auf den Reaktor abgefeuert haben, nämlich heute rund 50 Tonnen. Wir wissen aber nicht, ob dieses Wasser auch dahin gelangt ist, wo es hin soll. Nämlich in diese Abklingbecken. Und wir wissen auch nicht, wie viel Wasser da eigentlich gefehlt hat. Was wir wissen, sind grobe Daten, wie groß so ein Abklingbecken ist. Das kann zwischen 800 und 2000 oder 3000 Tonnen Wasser aufnehmen. Aber wenn man da ungezielt 50 Tonnen Wasser drauf schießt, und dann anschließend sagt, es dampft und wir haben etwas getroffen, dann ist das eine sehr, sehr ungenaue Aussage.

Blumenthal: Aber die Frage taucht auch auf, wie man auf dieser Grundlage immer wieder von den entscheidenden 24 Stunden spricht, wenn man sagt: die nächste Stunden entscheiden die Situation maßgeblich?

Gäthke: Das sind theoretische Berechnungen. Es ist ziemlich genau bekannt, wie groß so ein Abklingbecken ist. Dann ist im Falle von Fukushima auch noch ziemlich genau bekannt, wie viel radioaktives Material dort drin enthalten ist. Das ist genau bekannt. Die Hitzeentwicklung von diesem Material ist bekannt und wie warm es war, als die letzten Messungen stattgefunden haben. Zum Beispiel im Reaktorblock 4 lag es da schon bei 80 Grad. Und daraus kann man jetzt weiter berechnen, wie viel, unter normalen Umständen natürlich, wie lange es dauern würde, bis das Wasser so weit abgekocht ist, dass die Brennstäbe frei liegen.

Blumenthal: Eine Frage, die uns immer wieder in der Redaktion erreicht: Warum schickt man keine Schiffe vor Ort, von Seeseite, die große Generatoren an Bord haben, die dann sozusagen den Kühlkreislauf wieder in Gang setzen und Strom in das Kraftwerk bringen?

Gäthke: Das dauert erst einmal viel zu lang. Sie müssen erst einmal ein Schiff haben, dass einen Generator hat, dass man mit irgendwas an Land verbinden kann. Normalerweise versorgt ein Schiff sich immer selbst mit Energie, mit einer ganz eigenen Bordspannung. Sie können daher auch nicht einfach ein Schiff in den Hafen fahren und an die Stromleitung am Hafen anschließen und den Motor abschalten. Es gibt erst erste Projekte, wo man das versucht. Das heißt, man muss es ein Schiff nehmen, man muss erst auf dieses Schiff Diesel drauf tun, einen Dieselgenerator drauf tun, und dann muss man hoffen, dass man an dem Kraftwerk tatsächlich eine Stelle findet, wo man anlegen kann und wo aus man dann ein Kabel zum Reaktor legen kann. Da ist es viel einfacher und geht viel schneller, die alte Stromleitung zu reparieren oder erst einmal Notstromaggregate auf das Gelände fahren, was man auch gemacht hat.

Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen reagieren je nach Lage in Japan mit punktuellen Programmänderungen, hier geht es zum Live-Stream der Programme:
 
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Programmhinweis: DLF, DKultur und DRadio Wissen berichten ausführlich in ihren Nachrichtensendungen über die weitere Entwicklung in Japan in den folgenden Sendungen:
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