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StartseiteEuropa heuteOffene Gräber einer vergangenen Zeit15.01.2015

Ehemalige Bunker in AlbanienOffene Gräber einer vergangenen Zeit

Laut offizieller Statistik ließ der paranoide Diktator Hoxha fast 170.000 Bunker errichten. Überall in Albanien sind sie zu sehen: Umfunktioniert zu Ställen, Restaurants, Lagerräumen, Notunterkünften für Obdachlose oder einfach als Ruine. Stille Zeitzeugen der kommunistischen Diktatur.

Von Stephan Ozsvath

Alter militärischer Bunker nahe den antiken Ruinen von Apollonia, aufgenommen am 20.09.2009. Tausende dieser Beton-Bunker und Schutzräume aus der kommunistischen Ära finden sich noch heute in allen Landesteilen, der Diktator Enver Hoxha ließ aus Angst vor der NATO rund 700.000 solcher pilzförmigen Bunker mit Schießscharte in allen Landesteilen an strategisch wichtigen Punkten errichten. (dpa / picture alliance / Rolf Zimmermann)
Alter militärischer Bunker nahe den antiken Ruinen von Apollonia. Tausende dieser Beton-Bunker und Schutzräume aus der kommunistischen Ära finden sich noch heute in allen Landesteilen. (dpa / picture alliance / Rolf Zimmermann)
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Nur fünf Kilometer von der albanischen Hauptstadt Tirana liegt er: Der geheime Atombunker Enver Hoxhas, des kommunistischen Diktators, der 1962 mit der Sowjetunion, später mit dem Verbündeten China brach.

Fünf Etagen, 100 Meter tief unter der Erde. 106 Räume. Kapitän Oltion Agolli führt durch die Räume. "Hier der erste Raum rechts war für den Oberkommandeur der Streitkräfte gedacht, für Enver Hoxha", sagt er. "Eine Etage tiefer war ein Raum für den Ministerpräsidenten Shehu. Im dritten Stock einer für den Generalstabchef. Und darüber ein Versammlungssaal. Daneben eine Wache. Dort sollte sich der Generalstab versammeln."
Der Bunker liegt auf einem Armee-Gelände – 1978 wurde die Anlage eröffnet – nach achtjähriger Bauzeit. Nicht die einzige: Laut offizieller Statistik ließ der paranoide Diktator Hoxha fast 170.000 Bunker errichten. Überall im Land sind sie zu sehen: Umfunktioniert zu Ställen, Restaurants, Lagerräumen, Notunterkünften für Obdachlose oder einfach als Ruine stille Zeitzeugen der kommunistischen Diktatur. Dieser Besucher hat selbst mitgebaut.

"Ein Wunder. Wir wussten nichts davon. Auch ich habe in meiner Heimat Gruben ausgehoben, um vor dem "Feind" geschützt zu werden. Jede Familie hatte einen Schutzraum – aber nicht in der Form und nicht in der Größe."

Es geht durch lange Gänge, geschützt durch dicke Mauern. Überall weiß gekachelte Wände, Steinboden. Massive Türen. Ministerpräsident Edi Rama betrachtet Gasmasken, Exponate der Vergangenheit.

Edi Rama, Ministerpräsident, Albanien, aufgenommen Juni 2014 (picture alliance / dpa / Str)Edi Rama (picture alliance / dpa / Str)
"Wir haben die Tür zum Schatz unseres kollektiven Gedächtnisses geöffnet", sagt er, als er im November vergangenen Jahres mit seinen Ministern den Bunker besucht.

Die Bunkeranlage ist jetzt zugänglich für die Öffentlichkeit. Zielgruppe sind junge Albaner, Schüler und Studenten. Installationen illustrieren die kommunistische Vergangenheit – auch akustisch.

Der Bunker - ein Mahnmal für die Zukunft, meint Verteidigungsministerin Mimi Kodheli.

"45 Jahre sind für eine alte Nation wie unsere wie 45 Minuten im Leben eines Menschen. Trotzdem dürfen wir diese Zeit nicht vergessen. Solche Anlagen werden uns dabei helfen, uns daran zu erinnern, dass nur die Achtung von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit Albanien nach vorne bringen werden."

Enver Hoxha hatte 200.000 Albaner in Arbeitslagern und Gefängnissen verschwinden lassen. Religionsausübung war auch verboten – Moscheen und Kirchen ließ er schleifen. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit steckt noch in den Kinderschuhen. Der Premier fordert deshalb:

"Nun müssten auch die Archive aus der Hoxha-Zeit geöffnet werden. Ohne dies sei eine Aufarbeitung der Vergangenheit nicht vollständig", sagt der Sozialist.

Ganz praktisch tut sich wenig: Die etwa 2.700 überlebenden ehemaligen politische Häftlinge haben bisher nur wenig Entschädigung bekommen. Die Geheimdienst-Akten dienen bis heute der politischen Erpressung. Edi Rama sagt über die Bunkeranlage.

"Das ist ein offenes Grab einer vergangenen Zeit. Es erinnert uns daran, dass es noch nicht gelungen ist, in Frieden den Teufel zu begraben, der mittels der Vergangenheit unsere Zukunft als Geisel genommen hat."

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