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StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Diplomatie ist eine Wachstumsbranche"25.03.2021

Ehemaliger deutscher Botschafter in der Türkei"Diplomatie ist eine Wachstumsbranche"

Für den ehemaligen deutschen Botschafter in der Türkei Martin Erdmann ist Diplomatie in der Politik nicht wegzudenken. "Je mehr diese Welt regiert wird von Autokraten, umso wichtiger ist es, dass die Staaten zueinander belastbare Instrumente haben, um miteinander im Gespräch zu bleiben", sagte er im Dlf.

Martin Erdmann im Gespräch mit Gerwald Herter

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Martin Erdmann, ehemaliger deutscher Botschafter in der Türkei (dpa/picture-alliance/Ali Balikci/Anadolu Agency)
Martin Erdmann, ehemaliger deutscher Botschafter in der Türkei (dpa/picture-alliance/Ali Balikci/Anadolu Agency)
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Mitten im Kalten Krieg, die Wiedervereinigung war noch weit entfernt, trat Martin Erdmann 1982 in den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik Deutschland ein. Studiert hatte er in seinem Geburtsort Münster. Nach der Ausbildung und dem Bestehen des Diplomatisch-konsularischen Staatsexamens wurde er in Bonn zunächst persönlicher Referent des Staatsministers im Auswärtigen Amt, Alois Mertes.

1985 folgte die Versetzung des jungen Diplomaten nach Helsinki, ins damals noch ausgesprochen neutrale Finnland, dann Erster Sekretär an der deutschen NATO-Vertretung in Brüssel. Erdmann sollte später dorthin zurückkehren. Zwischen 1990 und 1999 arbeitete er jedoch im Pressereferat des Bonner Auswärtigen Amts – bald stellvertretender Sprecher und schließlich Sprecher. Er machte Pressearbeit für drei Minister, die aufeinander folgten: Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel, beide FDP, und schließlich Joschka Fischer, der weltweit der erste grüne Außenminister war. Dann wieder die Nordatlantische Allianz und Brüssel: zunächst Gesandter in der deutschen NATO-Vertretung, zwischen 2005 und 2009 Beigeordneter NATO-Generalsekretär und nach zwei Monaten Zwischenstopp in Berlin schließlich Botschafter und Ständiger Vertreter im Nordatlantikrat.

Zum Abschluss seiner Karriere war Martin Erdmann zwischen 2015 und 2020 deutscher Botschafter in der Türkei, also einem NATO-Verbündeten. Trotzdem wurde Erdmann oft ins türkische Außenministerium einbestellt – ein Zeichen dafür, wie sehr sich die deutsch-türkischen Beziehungen verschlechterten.


Gerwald Herter: Herr Botschafter, einen Ihrer Sätze werde ich nie vergessen. Als ich mich Mitte der 90er-Jahre, da war ich gerade erst Korrespondent in Bonn, bei Ihnen im Auswärtigen Amt vorstellte, sagten Sie mir: Herr Herter, eines müssen Sie sich merken: Das hier ist eine wilhelminische Behörde – Sie meinten das Auswärtige Amt. Was war so wilhelminisch oder ist so wilhelminisch am Auswärtigen Amt?

Martin Erdmann: Ob das heute noch so ist, lassen wir mal dahingestellt. Damals war es in der Tat so, dass es sehr straffe Hierarchien gab und dass diese Behörde zu Anfang der 80er-Jahre, als ich sie kennenlernte, sehr stark geführt wurde von Persönlichkeiten, die genau wussten, wohin die Reise geht. Wir sind damals ja in den Zeiten des Kalten Krieges gewesen, in den fast kältesten Zeiten. 1982 bin ich in den Auswärtigen Dienst eingetreten, und damals war das Auswärtige Amt – und jetzt komme ich dazu, Ihre Frage zu beantworten – eigentlich die Behörde innerhalb aller Ministerien, die mit Blick auf die deutsche Einheit und mit Blick auf die Rolle Deutschlands in der Welt eine sehr starke und überzeugte Position vertreten hat. Wilhelminisch, das lassen Sie mal als Adjektiv beiseite, das würde heute zu Missverständnissen führen.

Herter: Ein Ministerium also mit besonderem Charakter, auch einem besonderen Selbstverständnis. Warum wollten Sie Diplomat werden? Genau aus diesem Grund, oder warum wollten Sie nicht im Finanzministerium arbeiten, zum Beispiel im Bundestag oder Bundesrat?

Erdmann: Das war eigentlich schon in meiner Jugend angelegt. Meine Eltern hatten ein sehr offenes Haus und dafür gesorgt, dass Austauschschüler aus anderen Ländern, konkret aus den USA und aus Frankreich nacheinander bei uns Quartier bezogen. Auf diese Weise lernte ich kennen oder wissen, dass es jenseits der Stadtmauern von Münster, meiner Heimatstadt, noch eine große weite Welt gibt, die es zu entdecken lohnt. Das hab ich dann während meiner Schüler- und auch Studienzeit systematisch betrieben. Dann war eigentlich der Eintritt in den Auswärtigen Dienst eine folgerichtige Entscheidung, denn die Welt der 80er-Jahre war keine globalisierte Welt, und wenn man international arbeiten wollte, dann gab es dafür im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Die eine war der Auswärtige Dienst, was sich auch in den unglaublichen Bewerberzahlen jener Jahre niedergeschlagen hat, und das andere war die Entwicklungshilfe. Also ich habe mich für den Auswärtigen Dienst entschieden und bin dann dankenswerterweise 1981 durch das Auswahlverfahren als Kandidat für die Attaché-Ausbildung – so nannte sich das damals und auch heute noch – ausgewählt worden.

"Ich habe festgestellt, dass die Welt um Westfalen herum auch sehr bunt sein kann"

Herter: War die Diplomaten-Ausbildung eine erste oder dann schon zweite wichtige interkulturelle Erfahrung? Sie sind ja Westfale, und dann lernt man doch auch die Rheinländer kennen und wird vorbereitet auf andere Kulturen, die noch viel exotischer sind als die rheinländische.

Erdmann: Genau, ich habe mich immer als Beute-Rheinländer bezeichnet, denn in der Tat bin ich in Westfalen sozialisiert worden. Man sagt ja den Westfalen nach, dass es ungefähr einen Sack Salz dauert, bis man mit ihnen warm wird. Das habe ich dann in Bonn sehr schnell abgelegt und in der Tat festgestellt, dass die Welt um Westfalen herum auch sehr bunt sein kann.

Herter: Noch einmal zurück zur Haltung der bundesdeutschen Diplomatie und was Ihnen dort vermittelt worden ist: Hat man Ihnen Zurückhaltung beigebracht, schon wegen des Zweiten Weltkriegs? In den 1980er-Jahren war man ja, zumindest aus heutiger Sicht, noch tief in der Nachkriegszeit. War Zurückhaltung das wesentliche Leitmotiv für die Ausbildung deutscher Diplomalten?

Erdmann: Das würde ich so nicht sagen, aber was ich in meinen ersten Berufsjahren in der praktischen Tätigkeit festgestellt habe, ist, dass Deutschland zu jener Zeit zwar formal vollberechtigtes Mitglied der Völkergemeinschaft war, Mitglied der Vereinten Nationen, aber dass wir aufgrund unserer Geschichte doch einen besonderen Status haben und dass dieser Status uns noch eine ganze Weile begleitete, auch noch bis nach dem Jahr der Wiedervereinigung 1990. Heute kann man sich das nicht vorstellen, Deutschland spielt heute in der ersten Liga auch in der Weltpolitik mit eine bedeutende Rolle, das war damals so nicht absehbar.

Herter: Wenn man heute im Ausland, einen Vortrag eines deutschen Botschafters hört, dann sprechen jedenfalls viele Botschafter ganz offen von "deutschen Interessen". Durfte man diesen Begriff damals eigentlich offen aussprechen?

Erdmann: Das war nicht so. Unsere Interessen waren eingebettet in die multilateralen Foren. Unser staatspolitisches Interesse war, ein konstruktives und nützliches Mitglied in der Europäischen Union und in der NATO und in anderen Organisationen zu sein, denn diese Organisationen gaben uns im Grunde unser Selbstverständnis als ein Land, das nach dem desaströsen Zusammenbruch im Zuge des Zweiten Weltkriegs in die Völkergemeinschaft zurückkehren wollte und musste.

"Eine sehr, sehr prägende Epoche für mein gesamtes restliches Berufsleben"

Herter: Gehen wir mal durch Ihre erste Laufbahn, die eines jungen Diplomaten: Was im Lehrplan sicher nicht drinsteht, was man aber sofort lernt, ist, dass man sich mit dem Personalreferat des Auswärtigen Amts gut stellen muss, weil entweder schicken die einen in einen afrikanischen Zwergstaat oder in die Botschaft in einem Land, das Annehmlichkeiten zu bieten hatte. Bei Ihnen fällt auf, ihr erster Posten war der eines persönlichen Referenten des Staatsministers Alois Mertes, ein CDU-Politiker, Karrierediplomat und deswegen auch kein Fremdling im Auswärtigen Amt. Hatten Sie einfach Glück, auf diesen Posten zu kommen als ersten Posten oder sogar etwas mehr als Glück, Herr Erdmann?

Erdmann: Oh, das war sehr viel mehr als Glück. Das war eine sehr prägende Zeit, die von Anfang an auf ein Jahr begrenzt war, aber sie hat mich deshalb geprägt, weil ich das Ministerium gleich aus der Vogelperspektive, also aus dem Leitungsbereich kennenlernte und gleich spürte, wo die politischen Interessen Deutschlands zu jener Zeit lagen.

Das Thema, das uns damals sehr beschäftigt hat, natürlich beschäftigt hat, war die Frage, wie geht es mit den zwei deutschen Staaten künftig weiter und wie ist das Verhältnis dieser beiden Staaten zueinander in Drittstaaten und in der Welt überhaupt. Das konnte man bei Alois Mertes – Sie sagten es, CDU-Politiker, einer der führenden Außenpolitiker jener Zeit – lernen von der Pike auf. Insofern war das eine sehr, sehr prägende Epoche für mein gesamtes restliches Berufsleben.

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Erdmann: Es ging um finnische Einsichten in das sowjetische Gebaren

Herter: Und Helsinki, Ihre zweite Station, hatte ja damit etwas zu tun. Generationen von deutschen Diplomaten sahen in der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit, die ja Mitte der 70er-Jahre eben in Helsinki stattgefunden hatte, so eine Art Blaupause für erfolgreiche deutsche Diplomatie. Also man macht protokollarische Kompromisse, zum Beispiel mit der DDR, verhandelt geschickt im Schatten der Großen. War dieser Geist von Helsinki, so will ich es mal nennen, noch präsent, als Sie zwischen 1985 und 1987 Zweiter Sekretär an der deutschen Botschaft in Finnland waren?

Erdmann: Durchaus, denn Finnland war der Vorposten der westlichen Welt gegenüber der Sowjetunion, und viele Nationen haben dorthin Diplomaten entsandt, die die Aufgabe hatten, von außen die Entwicklungen in der Sowjetunion zu beobachten. Natürlich haben alle Staaten, auch Deutschland natürlich, eine Botschaft in Moskau, aber die Frage, wie geht Finnland als nicht blockgebundes Land, wie geht Finnland mit dieser Situation um und was sind die finnischen Einsichten in sowjetisches Gebaren. Das war ein ganz wesentlicher Teil der Arbeit der deutschen Botschaft in Helsinki in jener Zeit.

Herter: Und dann gingen Sie nach Brüssel zur NATO, also sozusagen das Gegenteil. Auch da war die UdSSR aber nah, ganz anders, als Führungsmacht des Warschauer Pakts, als Feind möglicherweise. 1987 bis 1990 waren sie zum ersten Mal in Brüssel. Ein Feindbild, das sich aber über Jahrzehnte gebildet hatte, löste sich auf, die Raison D’Être, die Daseinsberechtigung der NATO, geriet in Gefahr. Wie schnell wurde Ihnen das klar, Herr Erdmann?

Erdmann: 1985 trat Michael Gorbatschow sein Amt als Generalsekretär der KPdSU in Moskau an – übrigens ist er gerade 90 Jahre alt geworden –, und Hans-Dietrich Genscher in jener Zeit formulierte den Satz: Wir müssen Gorbatschow beim Wort nehmen. Genau das war unsere Politik in der NATO, nämlich die sowjetischen Bewegungen jener Zeit beim Wort zu nehmen und sie als deutsche Sicherheitspolitik und Außenpolitik in das Bündnis zu übersetzen. Das war eine ganz wesentliche Rolle der deutschen NATO-Vertretung in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre und ein ganz wesentliches Motiv der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik, in der Hans-Dietrich Genscher eine führende Rolle im Bündnis vertreten hat.

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"Die Kommunikation der Welt verlief in deutlich ruhigeren Bahnen"

Herter: Herr Erdmann, deutsche Interessen, im Rückblick denkt man wohl am ehesten an die Wiedervereinigung, wenn man einen Punkt sucht in der deutschen Nachkriegsgeschichte, an dem eben besonders deutlich wurde, dass auch die Bonner Republik Interessen hatte, sie auch vertrat. Neben Helmut Kohl wird in diesem Zusammenhang immer wieder ein anderer Name genannt, Sie haben ihn schon erwähnt, der von Hans-Dietrich Genscher, für den Sie ab 1990 Pressearbeit machten. Wie war das, Herr Erdmann, mit Hans-Dietrich Genscher?

Erdmann: Ja, zunächst mal fand diese Pressearbeit in einer vollkommen anderen Welt statt, als wir sie heute kennen. Es gab keine sozialen Medien, Pressemitteilungen wurden noch als Lochstreifenticker versandt, das Faxgerät war zu jener Zeit noch in der Probephase, mit anderen Worten: Die Kommunikation in der Welt und auch seitens einer Behörde wie des Auswärtigen Amts verlief in deutlich ruhigeren Bahnen, als das heute der Fall ist.

Hans-Dietrich Genscher war jemand, den ich als Referent im Pressereferat – ich war nicht der Sprecher, ich war Referent – kennengelernt habe bei vielen Reisen und bei vielen Aktivitäten in Deutschland und der auf der damaligen Klaviatur der deutschen Medienlandschaft perfekt gespielt hat. Ich nenne ein Beispiel: Es gab jeden Morgen ein Interview des Ministers mit einer Rundfunkanstalt, meistens mit dem Deutschlandfunk. Dieses Interview wurde dann vom Pressereferat in Windeseile ausgedruckt, es wurde im Hause verteilt und es wurde verteilt an die Mitglieder der Bundespressekonferenz, und damit hatte Hans-Dietrich Genscher morgens um sechs Uhr oder 6:30 Uhr bereits das Thema des Tages gesetzt. Diese Kunst beherrschte er in einer unnachahmlichen Weise wie kein anderer Politiker in jener Zeit.

"Genscher war ein Meister der verdeckten Kommunikation"

Herter: Man musste ihm genau zuhören. Er hat sich selten aufgeregt, selten unüberlegt geäußert, es waren Andeutungen, aus denen man schließen konnte, in welche Richtung eine Entwicklung gehen sollte. Haben Sie seine Sprache auch so empfunden?

Erdmann: Es war so, wie Sie es beschreiben, aber er war ein Meister der Formulierung und ein Meister der verdeckten Kommunikation. Wenn wir Interviews oder Reden des Ministers ins Haus gaben, dann wurden die begierig abgeholt – es gab damals noch keine Arbeitsplatzcomputer, also alles spielte sich auf Papier ab –, und die Referate schickten dann ihre Mitarbeiter, um diese Papierform des Interviews oder einer Rede abzuholen und dann zu analysieren, wohin geht die Reise heute, was will er uns sagen. Und ja, das war oftmals in einer Weise formuliert, die es dem Außenstehenden schwer machten zu verstehen, worin besteht die Änderung, aber die Beamten im Hause, die wussten sehr genau, was mit der Begrifflichkeit dann gemeint war und wohin die Reise geht.

Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags in Moskau, v.l.n.r.: James Baker (USA), Douglas Hurd (Großbritannien), Eduard Schewardnadze (UdSSR), Roland Dumas (Frankreich), Lothar de Maizière (DDR), Hans-Dietrich Genscher (BRD) (imago images / Rainer Unkel) (imago images / Rainer Unkel)

Zwei-plus-Vier-Vertrag vor 30 Jahren - Ein Friedensvertrag, der keiner warAm 12. September 1990 unterzeichnen die BRD, die DDR, die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion ein Abkommen, das die Einheit bringt und die Nachkriegszeit beendet – so die deutsche Lesart des Zwei-plus-Vier-Vertrags. Aus Sicht anderer Staaten bleibt ein Thema offen: deutsche Reparationen.

Erdmann: Der Zwei-plus-Vier-Vertrag war das alles dominierende Thema

Herter: Es war die Zeit des Zwei-plus-Vier-Vertrags, der wurde am 12. September 1990 in Moskau unterzeichnet – Vertreter beider deutschen Staaten und der vier Siegermächte. Er trat im März 1991 in Kraft. Es ging da auch um die Anerkennung der deutschen Außengrenzen und die Wiedererlangung der deutschen Souveränität – darüber hatten wir schon gesprochen. War das nun das alles Erdrückende, zumindest alles bestimmende Thema, als Sie im Pressereferat des Auswärtigen Amts als Referent Ihren Schreibtisch bezogen haben?

Erdmann: Das war das alles dominierende Thema. Zwei-plus-Vier war ein Konstrukt von Hans-Dietrich Genscher, und das hat in der Tat das Jahr 1990 und 1991 bis zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober ganz wesentlich geprägt mit vielen Momenten des Luftanhaltens, weil der Prozess Zwei-plus-Vier sich über viele Monate erstreckte und in jeweils anderen Hauptstädten die Treffen abgehalten wurden und nicht jedes dieser Treffen unbedingt die Garantie war, dass es auch klappen würde am Ende. Geklappt hat es zwar, wie wir alle wissen aus den Geschichtsbüchern, erst zu einem sehr späten Zeitpunkt.

Herter: Ja, es waren nicht alle mit allem einverstanden, aber staatliche Souveränität – Sie waren anderes gewohnt –, wie schnell hat man das realisiert?

Erdmann: Durch Zumutungen, denn als die staatliche Einheit Deutschlands wiederhergestellt war, stand die Welt vor uns und sagte: So, jetzt habt ihr keine Ausreden mehr, euch zu verstecken hinter eurer Juniorrolle als ein nicht vollständig souveränes Land, wir erwarten jetzt, dass ihr euch beteiligt an den Maßnahmen, die erforderlich sind, um zum Beispiel die Staatennachfolgekriege auf dem Balkan zu beenden. Und das prägte dann ganz wesentlich die 1990er-Jahre von 1991/92 bis 1999, als Joschka Fischer im März 1999 in Bielefeld den Farbbeutel ans Ohr geworfen bekam, weil er sich dafür einsetzte, dass Deutschland sich mit seiner Luftwaffe an der Militäroperation zur Sicherung des Kosovo und des Ende des Genozids und der menschlichen Vertreibung – ethnic cleansing, ethnische Säuberung – sich beteiligen würde. Das zieht sich, diese Zumutung, wie ein roter Faden durch die 1990er-Jahre.

Herter: Gehen wir ganz an den Anfang zurück: 1991, da hat Deutschland eine Führungsrolle übernommen, zur Überraschung seiner Verbündeten, Frankreich zum Beispiel, und zwar preschte Bonn vor, als es um die Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens ging. Sie mussten das in der Öffentlichkeit vermitteln – hatten Sie nicht doch auch Zweifel an dieser Politik?

Erdmann: Nein, denn es war klar, dass die Bundesrepublik Jugoslawien, so wie sie existierte, nicht weiter existieren konnte. Die zentrifugalen Kräfte in diesem Land waren zu stark geworden, und das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist nicht zuletzt aufgrund unserer eigenen Geschichte und der deutschen Wiedervereinigung immer ein prioritäres Thema deutscher Außenpolitik gewesen. Deshalb gehörte es zur Raison D’Être des wiedervereinigten Deutschlands, auch anderen dabei zu helfen, ihren Weg zu gehen.

Herter: Dennoch kann man sagen, dass Europa in Jugoslawien in dieser Zeit gescheitert ist. Das war keine große Stunde Europas, und Deutschland war im europäischen Geleitzug. Wo sehen Sie die Hauptgründe dafür, dass man uneins war, dass man seine Folgen nicht abschätzen konnte, dass man den Menschen in den ehemaligen jugoslawischen Republiken nicht so helfen konnte, dass man viele Tote hätte vermeiden können und viele Verletzungen?

Erdmann: Ja, in der Tat, die Nachfolgekriege des früheren Jugoslawien waren die Katastrophe des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Wir erinnern uns an Orte wie Srebrenica, wir erinnern uns an die "ethnischen Säuberungen", in Anführungsstrichen, im Kosovo. Es war ein Jahrzehnt des Krieges. Sarajevo stand sozusagen als Symbol und die Zerstörung dieser Stadt standen als Symbol für das Scheitern der Europäer, die sich untereinander nicht einig waren, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Das waren unter anderem historische Interessen, die eine Rolle spielten, Loyalitäten aus vergangenen Zeiten, die eine Rolle spielten, und es bedurfte dann des Auftritts von Madeleine Albright und ihres Unterhändlers Richard Holbrooke, um zum Daytoner Vertrag 1995 zu gelangen und um Milosevic davon abzubringen, weiter den Kosovo zu drangsalieren und die Menschen von dort zu vertreiben.

Herter: Als Pressesprecher und schon als stellvertretender Pressesprecher ist man immer sehr nah an der Spitze des Amts dran. Wie ist der Außenminister Klaus Kinkel, also vor Fischer, mit der Jugoslawienkrise umgegangen?

Erdmann: Das war auch für ihn eine schwierige Rolle, weil die FDP letztlich in jener Zeit noch mit sich selbst haderte zu der Frage der Beteiligung Deutschlands an Auslandseinsätzen. Also das war für den FDP-Außenminister keine leichte Materie, aber damit war er nicht allein. Die gesamte deutsche Gesellschaft, die gesamte deutsche Politik stand vor der Frage, wie gehen wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, auch militärischen Mitteln, mit dieser humanitären Katastrophe um.

"Als Sprecher ist man Berater"

Herter: Kinkel galt als redlich, aufrichtig, durchaus sympathisch, aber doch manchmal als rhetorisch etwas schwach. Gab es Dinge, vor denen Sie diesen Minister bewahren mussten, Herr Erdmann?

Erdmann: Na ja, als Sprecher ist man Berater, nicht der einzige, aber man ist Berater, und ein Minister Kinkel war so klug, sich beraten zu lassen. Er war nicht beratungsresistent, sondern suchte mit seinen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer den Dialog, und dieser Dialog führte dann oftmals dazu, dass bestimmte Formulierungen oder auch sogar Entscheidungen in die eine oder andere Richtung verändert worden sind. Ich habe das als eine Zeit in Erinnerung, wo ein Beamter wie ich von gerade mal 40 Jahren doch den Eindruck hatte, dass seine Argumente gehört wurden, nicht immer, aber doch nicht einfach in den Wind geschrieben wurden.

Erdmann: Joscka Fischers Einzug ins Auswärtige Amt war eine Gezeitenwende

Herter: Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Joschka Fischer ins Auswärtige Amt kam?

Erdmann: Natürlich.

Herter: Und wie war das?

Erdmann: Das war eine Gezeitenwende – eine Gezeitenwende deshalb, weil es sich um den ersten, weltweit ersten grünen Außenminister handelte, und es war Zeitenwende, weil 16 Jahre Regierung Kohl mit verschiedenen Kabinetten ein Ende fanden. Im Grunde fand auch erst dann, 1998, mit dem Amtsantritt der Regierung Schröder/Fischer das Ende des Wiedervereinigungsprozesses statt, in dem Sinne, dass Deutschland seine Verantwortung nach außen voll und ganz wahrnehmen musste. Wir erinnern uns daran, nach 2001 begann die Operation in Afghanistan, es begann in Mazedonien eine Waffeneinsammelaktion, der wir uns nicht mehr entziehen konnten, das heißt also, die rot-grüne Koalition mit ihrem grünen Außenminister Fischer musste plötzlich Dinge tun, die sie vorher vehement stets abgelehnt hat. Und es war Joschka Fischer, der seiner Partei abtrotzte, Deutschlands Verantwortung in einer Weise wahrzunehmen, die am Ende dazu führte, dass die NATO – denn es waren ja NATO-Operationen – einig und kraftvoll dem Regime Milosevic entgegentreten konnte. Also es war ein Gezeitenwechsel, was den Stil der Außenpolitik betraf, es war eine Gezeitenwende, was die Generation derer, die jetzt die Außenpolitik zu verantworten hatten, betraf, und es war auch im Auswärtigen Amt ein Wechsel des Stils und der Führungsart und -weise.

Herter: Sie sind nicht Mitglied einer Partei, schon gar nicht bei den Grünen. Wie wird einem Sprecher im Auswärtigen Amt klar, dass man nach einem Regierungswechsel nur noch auf Abruf auf seinem Posten ist, bis der neue Minister einen neuen Sprecher hat?

Erdmann: Joschka Fischer hat aus meiner Sicht und aus Sicht vieler Beobachter damals eine sehr kluge Entscheidung getroffen: Er hat nämlich gesagt – nach dem Beginn der rot-grünen Koalition im Oktober/November –, dass er den größten Teil der Spitzenbeamten im Leitungsbereich des Auswärtigen Amts beibehält für eine gewisse Zeit. Warum hat er das getan? Er hat es getan, weil Deutschland ab dem 1. Januar 1999 in der EU die Ratspräsidentschaft für ein halbes Jahr übernehmen musste und gleichzeitig für ein ganzes Jahr den Vorsitz in der Gruppe der sieben wichtigsten Wirtschaftsnationen, Industrienationen der Welt, der Gruppe der G7. Das ist für eine Behörde wie das Auswärtige Amt schon eine Herkulesaufgabe, und für mich hieß das bis zum Ende der EU-Ratspräsidentschaft, Sommer 1999. Es war von Anfang an klar, dass ich dann meinen Posten verlassen würde nach vier Jahren, was auch mehr als genug Zeit für einen Pressesprecher ist.

November 1995: Die drei Präsidenten Alija Izetbegovic (Bosnien, l.), Slobodan Milosevic (Serbien, r.) und Franjo Tudjman (Kroatien, M.) zu Beginn der Friedensverhandlungen in Dayton, Ohio (picture alliance / AP / Joe Marquette)November 1995: Die drei Präsidenten Alija Izetbegovic (Bosnien, l.), Slobodan Milosevic (Serbien, r.) und Franjo Tudjman (Kroatien, M.) zu Beginn der Friedensverhandlungen in Dayton, Ohio (picture alliance / AP / Joe Marquette)Dayton-Abkommen von 1995 - Ein Frieden, der viele Konflikte auf dem Balkan nicht löste
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Herter: Insgesamt 18 Jahre lang haben Sie bei und in der NATO gearbeitet, 1987 bis 1990 und dann zwischen den Jahren 2000 und 2015. War auch das wieder Glück, so lange bei der NATO zu sein?

Erdmann: Ich habe es als großes Glück empfunden, anders als in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen, ist die NATO alles andere als eine militärische Organisation. Das Militärische ist ein wichtiger Arm, ein wichtiges Instrument der Nordatlantikvertragsorganisation, das ist ja ihr Name, aber der Kern der Allianz ist die Entwicklung eines gemeinsamen politischen Willens ihrer Mitglieder. Deshalb ist der NATO-Rat das wichtigste Entscheidungs- und Beratungsgremium, und dort kann man bis heute ganz viel lernen, denn die Schatten der Geschichte sind lang, und Sicherheitspolitik gehört zu den Residuen nationaler Souveränität bis heute.

Und wenn man lernen will, warum Staaten sich verhalten, wie sie das tun, dann ist man im NATO-Rat in einer permanenten Lernschleife. Insofern empfinde ich diese Jahre, die ich dort verbringen durfte, zuletzt als Ständiger Vertreter Deutschlands im Nordatlantikrat, als einen unglaublichen persönlichen und beruflichen Lerngewinn.

"Milosevic hat sich verkalkuliert"

Herter: Wie bedeutend war der Kosovo-Krieg 1999, ein Einsatz ohne Mandat der Vereinten Nationen? Zum ersten Mal war die NATO im Krieg, auch wenn Sie von Luftangriffen sprechen, aber gemeinhin kann man das sicher als Krieg bezeichnen.

Erdmann: Ja, die treibende Kraft war wie gesagt Madeleine Albright und Richard Holbrooke, die beide Milosevic klargemacht haben, vor Beginn der Luftschläge, dass es jetzt zwölf Uhr ist und dass er die Chance hat, die humanitäre Katastrophe im Kosovo zu beenden, oder es würde zu massiven militärischen Reaktionen der NATO kommen. Daran hat Milosevic nicht geglaubt, und er hat sich verkalkuliert. Damals war es Javier Solana, der als NATO-Generalsekretär die Führung des Bündnisses übernommen hatte und der mit einem unglaublichen persönlichen Engagement einschließlich Sitzungen des NATO-Rats an jedem Tag der Wochenenden über viele Wochen hinweg dafür sorgte, dass der Zusammenhalt des Bündnisses trotz vieler schrecklicher Bilder, die diese Luftschläge – Stichwort chinesische Botschaft in Belgrad – erzeugt hatten, beisammenbleiben würde.

Herter: Die wurde angegriffen, die chinesische Botschaft in Belgrad, und es gab viele andere Angriffe, bei denen Zivilisten ums Leben kamen. Wie schwierig ist es für ein Bündnis demokratischer Staaten, eine kriegerische Auseinandersetzung durchzuhalten?

Erdmann: Es muss eine vernünftige und für die Gesellschaften nachvollziehbare Begründung geben, und diese Begründung bestand darin, dass zum einen das Leid, das ja über zehn Jahre ohnehin schon groß war auf dem Gebiet des früheren Jugoslawien, dass dieses Leid im Kosovo sich noch einmal durch die ethnischen Säuberungen und durch die humanitäre Katastrophe dort weiter zugespitzt hat, bis zu einem Punkt, zu dem die Welt nicht länger zuschauen konnte. Die bedauerlichen und durchaus verlustreichen sogenannten Kollateralschäden – ich betone sogenannte Kollateralschäden – waren dann immer wieder Grund für die Überprüfung der Einsatzregeln et cetera, et cetera, aber an dem Ziel, dem Tun von Milosevic Einhalt zu gebieten, hat das am Ende nichts geändert.

Herter: Hat der Kosovo-Krieg aber nicht auch gezeigt, wie groß der Einsatz der Amerikaner war und wie gering ausgeprägt der Wille der Amerikaner war, mit den europäischen Verbündeten auch operativ zusammenzuarbeiten?

Erdmann: Ja, da gab es in der Tat immer wieder Differenzen und Divergenzen. Es gab lange Streitigkeiten auch in der Öffentlichkeit zu der Frage der Zieldefinition für Luftangriffe, inwieweit diese festgelegt werden durften von Nationen beziehungsweise nur im Konsens des NATO-Rates. Die NATO musste damals lernen, das Bündnis musste lernen, erstmals seit seiner Gründung 1949, eine militärische Operation durchzuführen, und zwar nicht nur in einem Planspiel, sondern in Echtzeit und in der wirklichen Welt. Vieles von dem, was man dort an Erfahrung sammelte, spielte dann später in Afghanistan eine ganz wichtige Rolle oder auch bei der von der NATO ja geführten Libyen-Operation 2011, an der sich Deutschland übrigens ja, wie wir uns alle erinnern, nicht beteiligt hat.

Herter: Zwei Jahre später etwa nach dem Kosovo-Krieg 2001 die Anschläge des 11. September in den USA, ich erinnere mich gut. Eine Agentur meldete, dass an diesem Tag, dem 11. September 2001, das NATO-Hauptquartier in Brüssel evakuiert werden sollte – das war eine Falschmeldung. Wie haben Sie diesen Tag in Brüssel erlebt?

Erdmann: Die Angriffe auf das World Trade Center fanden um 9 Uhr morgens New Yorker Zeit statt, also 15 Uhr Brüsseler Zeit. Ich saß damals als Gesandter – ich war die Nummer zwei, also der Vertreter des Botschafters – in einem Ausschuss. Um 15:15 Uhr wurde meine amerikanische Kollegin plötzlich aus dem Sitzungssaal gerufen, und sie kam ein paar Minuten später zurück, und man merkte, sie war etwas konsterniert, aber blieb im Saal. In den nächsten zehn Minuten erfolgte dann der zweite Angriff auf das World Trade Center mit dem zweiten Flugzeug, und sie wurde wieder herausgerufen, kam sofort zurück und sagte, was passiert ist, und daraufhin wurde die Sitzung sofort unterbrochen. Den Rest des Tages haben dann alle Delegationen unter den Fittichen von NATO-Generalsekretär Lord Robertson in einer gemeinsamen Sitzung verbracht, um zu überlegen, wie mit dieser Lage jetzt umzugehen sei. Unter anderem wurde entschieden, dass das Personal, das nicht für die Funktionsfähigkeit der politischen Entscheidungsprozesse erforderlich ist, nicht im Hauptquartier verbleiben solle, weil man Angst hatte, dass es auch zu Angriffen auf das NATO-Hauptquartier kommen könnte, das ja nahe dem Flughafen Zaventem in Brüssel liegt. Und es wurde vor allem an jenem Tag bereits vorstrukturiert die Frage, ob der Angriff auf das World Trade Center nicht ein Auslöser für den Artikel 5 Bündnisfall sein könnte, was dann sich am nächsten Tag im Konsens der damals 26 Nationen so entwickelte.

Erdmann: An der Operation in Afghanistan führte kein Weg vorbei

Herter: Bundeskanzler Schröder sicherte den USA uneingeschränkte Solidarität zu, das ist berühmt geworden, weil Deutschland faktisch dahinter zurückblieb, hinter dieser Zusicherung. Die Bundeswehr zog nicht in den Krieg am Golf, ging aber nach Afghanistan, wo sie immer noch ist. Passte das 2001, war das die richtige Entscheidung, passt es noch heute, Herr Erdmann?

Erdmann: Das will ich im Nachhinein nicht beurteilen. Die Entscheidung, sich nicht am Golfkrieg zu beteiligen, der nicht NATO-geführt war, war, glaube ich, unter den damaligen Umständen nachvollziehbar. Wir mussten uns hingegen an der Operation in Afghanistan beteiligen, da führte kein Weg dran vorbei. Das heißt also, Deutschland hat sich seiner besonderen Verantwortung besonnen und hat das, was Bundeskanzler Schröder erklärte – uneingeschränkte Solidarität – mit etwas Zeitverzug, aber dann doch eingelöst.

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"Der türkischen Führung stand das Entsetzen im Gesicht geschrieben"

Herter: Ich versuche mal einen Bogen zu schlagen zwischen den NATO-Mitgliedstaaten und den ständigen Mitgliedern im UN-Sicherheitsrat, die verbindet zumindest eines: Alle haben ein Vetorecht. In Wertegemeinschaften kann solch eine Entscheidungsfindung funktionieren, wenn die Auffassungsunterschiede in der internationalen Politik zu groß sind, funktioniert es nicht mehr. In solch einer Zeit, glaube ich, befinden wir uns. Westliche Demokratien kommen etwas aus der Mode – Russland, Ungarn, Türkei sind Beispiele. 2015 wurden Sie deutscher Botschafter in Ankara. Wussten Sie da schon, wie schwierig diese Aufgabe würde?

Erdmann: Nein, aber ich begann zu ahnen, dass es sehr schwierig werden würde, am 10. Oktober 2015. An jenem Samstagmorgen explodierte im Zentrum der türkischen Hauptstadt ein Sprengsatz, der 120 Menschen das Leben gekostet hat, im Herzen des sicherheitsmäßig wohlgeschützten Kerns der türkischen Hauptstadt Ankara. Dem folgten im Januar, Februar und März des Jahres 2016 weitere Terroranschläge, und das Klima in jener Zeit in der Türkei, das sicherheitspolitische Klima in der Türkei war extrem volatil geworden. Mit anderen Worten: Der türkischen Führung stand das Entsetzen im Gesicht geschrieben, dass es dem Islamischen Staat, den sogenannten Islamischen Staat, dieser Terrororganisation gelungen war, bis in das Herz der türkischen Hauptstadt vorzudringen. Was dann sich entwickelte und mit diesem eigentlichen von mir jetzt vorgetragenen Thema nichts zu tun hat, sind dann bilaterale Entwicklungen gewesen im Verhältnis Deutschland-Türkei, die das Verhältnis beider Länder, das ein traditionell sehr enges und freundschaftliches Verhältnis war, doch bis auf die Grundfesten erschütterte. Wenn Sie als Botschafter in einem Land zu Gast sind und den Auftrag haben, die Beziehungen zu verbessern, und sie müssen jeden Tag erleben, wie sich die Beziehungen verschlechtern, dann ist das schon eine schwere Last.

"Einbestellungen sind ein ganz wichtiges Instrument der internationalen Diplomatie"

Herter: Allein zwischen März 2016 und Juli 2019 sind Sie 25-mal ins türkische Außenministerium einbestellt worden. Wie verläuft solch ein Termin? Wird man da angeschrien oder kriegt man ein Schreiben überreicht?

Erdmann: Ja, ich bin oft gefragt worden, ob denn das in Handgreiflichkeiten endet oder ob die Guillotine in den Hof geschoben wird, wenn man eintrifft, oder ob man geteert und gefedert wird. Also Einbestellungen sind ein ganz wichtiges Instrument der internationalen Diplomatie. Mein Gegenüber ist genauso Profi, wie ich es bin – wenn er in der Rolle des türkischen Botschafters in einem anderen Land einbestellt wird, erwartet er auch, dass er entsprechend den Usancen behandelt wird. Also man trinkt eine Tasse Tee, man tauscht die Argumente aus, manchmal geht es auch im Ton etwas strenger zu, aber es bleibt alles immer zivilisiert.

Herter: Protestnoten, Einbestellungen, in anderen Fällen Ausweisungen von Diplomaten bis hin zum Abbruch von Beziehungen, das sind diplomatische Instrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert, vor-wilhelminisch sozusagen. Sollte man das nicht ohnehin bleiben lassen, eben weil es aus der Zeit gefallen ist?

Erdmann: Ich glaube nein, denn welche anderen Instrumente gibt es, um zu signalisieren, dass der Entsendestaat und der Empfangsstaat von einer schweren Belastung der bilateralen Beziehungen ausgeht, und man signalisieren möchte, wie ernst man es mit der Situation nimmt. Übrigens möchte ich Ihnen insofern recht geben, als die deutsche Außenpolitik es vermeidet, gegenüber Bündnispartnern oder gar EU-Mitgliedsländern von Einbestellungen zu reden. Das tun wir in Berlin nicht. Wir bitten zum Gespräch. Die türkische Seite aber wollte aus Gründen der Innenpolitik zeigen, dass es ihr im Umgang mit Deutschland ernst ist und dass man aus diesem Grunde zum Instrument der Einbestellung greift. Es war oftmals so, in meinem Falle, dass ich das Ministerium im Rahmen der Einbestellung noch nicht verlassen hatte, da meldete bereits die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu von der Einbestellung, die dann aufgegriffen wurde von den deutschen Nachrichtenagenturen und womit dann das Thema auch in der deutschen Innenpolitik angekommen war.

"Wir sind in den Gastländern, um für unsere Position zu werben"

Herter: Sprechen wir über modernere Instrumente: Man kann ja auch reagieren, und ist das, was Sie in Ankara gemacht haben, als Active Diplomacy zu bezeichnen? Also man geht in die Öffentlichkeit, etwas, was wir ja von amerikanischen Geschäftsträgern über Jahrzehnte kannten, von deutschen Botschaftern aber eher seltener.

Erdmann: Eine der zentralen Aufgaben eines deutschen Botschafters, gerade heute in der Zeit der medialen Behandlung auch außenpolitischer Themen, ist es, öffentlich zu wirken. Deutsche Botschafter sind in Deutschland kaum bekannt, denn sie agieren ja nicht in der deutschen Öffentlichkeit. Sie agieren aber in der Öffentlichkeit des Gastlandes, und da hat jeder deutsche Botschafter die Aufgabe, für die Interessen, für das Ansehen, für die Dinge, für die Deutschland steht, zu werben, indem er dies öffentlich tut. Meine frühere Tätigkeit als Pressesprecher hatte mich gelehrt, wie man mit dem Instrument der Pressearbeit auch als Botschafter umgeht, und ich habe immer sehr viel Wert darauf gelegt, auch in den schwierigsten Zeiten des bilateralen Verhältnisses, den deutschen Standpunkt öffentlich darzulegen, und ich habe nicht davor zurückgeschreckt, dass mir das manchmal auch in der Türkei um die Ohren flog. Aber dafür sind wir dort, in unseren Gastländern, um für unsere Position zu werben.

Herter: Letzte große Frage: Welche Zukunft hat Diplomatie im digitalen Zeitalter, im Zeitalter von Despotismus, gelenkten Demokratien überall auf der Welt?

Erdmann: Ich würde sagen eine Wachstumsbranche, denn eines lehrt uns die moderne Medienvielfalt, mediale Präsenz, die soziale Kommunikation, dass es ohne vertrauliche Netzwerke, ohne Kommunikation über Kanäle, amtliche Kanäle, die dafür sorgen, dass Wogen geglättet werden und nicht alles zum Nennwert genommen wird, was über Twitter und andere soziale Medien ausgestoßen wird, das letzte Wort … Gerade heute zeigt sich, dass die Diplomatie, dass das Gespräch mit den entsandten Botschafterinnen und Botschaftern und der Gastregierung doch eine ganz wichtige Grundlage ist für das gegenseitige Verständnis von bestimmten Positionen, die dann im Europäischen Rat oder sonst wo, im NATO-Rat ausgetauscht werden.

Ich bin der Meinung, nachdem ich jetzt vor einem knappen Jahr den diplomatischen Dienst verlassen habe, dass diese Profession unter anderen Umständen als in der Vergangenheit, unter einer anderen Methodik noch eine große Zukunft hat. Je mehr diese Welt regiert wird von Autokraten, desto wichtiger ist es, dass die Staaten zueinander belastbare Instrumente haben, die es ihnen erlauben, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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