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StartseiteBüchermarktGeorgien - Wandel im Spiegel der Literatur25.09.2018

Ehrengast der Frankfurter BuchmesseGeorgien - Wandel im Spiegel der Literatur

Georgien hat seit der Unabhängigkeit 1991 große Unsicherheit erlebt und sich trotzdem stabilisiert. Viele Schriftsteller des Landes sind aufmerksame Beobachter der Entwicklung. Sie erzählen von der Bürde der Vergangenheit und blicken doch zuversichtlich nach vorn.

Von Holger Heimann

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(Buchcover: Ullstein Verlag, FVA, Mitteldeutscher Verlag, Hintergrund: imago-imageBROKER-GTW)
Literatur aus Georgien (Buchcover: Ullstein Verlag, FVA, Mitteldeutscher Verlag, Hintergrund: imago-imageBROKER-GTW)
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Kaum irgendwo sonst wurden auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion die Symbole der alten Macht rascher zur Seite geräumt als in Georgien. Kaum eine ehedem von Moskau kontrollierte Region pochte - mit Ausnahme der baltischen Länder - entschiedener auf ihre staatliche Unabhängigkeit. Doch die Euphorie des Aufbruchs machte nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 rasch Ernüchterung Platz.

Verwunschene Schönheit

Die Umbruchszeit mit all ihren Hoffnungen und Enttäuschungen ist bis heute das große Thema der georgischen Literatur. Zwar hat der junge Staat die Unsicherheit der dramatischen Anfangsjahre hinter sich gelassen. Den Menschen geht es besser und Georgien ist nach Bürgerkrieg und Anarchie zu einem politisch stabileren Land gereift. Die meisten Besucher sind überdies ohnehin rasch eingenommen von der verwunschenen Schönheit der Hauptstadt, von großer Gastlichkeit und südländischem Temperament. Aber die besten georgischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller lassen sich von den Fortschritten nicht blenden. Der 46-jährige Archil Kikodze hat mit "Der Südelefant" einen der geschichtenreichsten und komplexesten Romane über die Zeit des Umbruchs geschrieben. Rückblickend meint er:

"Wir mögen es nicht, auf die 90er zurückzuschauen. Ich glaube, es war so etwas wie eine Prüfung für die Gesellschaft, die wir nicht bestanden haben. Wir haben zwar die Unabhängigkeit erlangt, aber wir waren nicht wirklich bereit dafür. Es war die Zeit eines wütenden Nationalismus, des Bürgerkriegs, ethnischer Konflikte, der Kriegstraumata. Es liegt nah, darüber zu schreiben oder Filme zu drehen. Aber viele Menschen haben genug davon. Es ist einfach schmerzhaft."

Anarchie und Kriege

Kikodze, der sein Geld als Fremdenführer verdient, hat eine faszinierende Form gefunden, um über die aggressiv aufgeladene Periode zu schreiben. Sein Ich-Erzähler streunt ziellos durch die Straßen der heutigen Stadt. Er trifft Bekannte, erinnert sich an Freundschaften und Liebschaften. Aus Assoziationen und Erinnerungsbruchstücken entsteht dabei ein immer klareres Bild der von Gewalt geprägten Geschichte Georgiens. Da sind zunächst die Jahre der Anarchie und der Kriege nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Doch die existenziell gefärbten Erzählungen reichen weiter zurück - bis zu den frühen 1920er-Jahren und der Periode des sowjetischen Terrors. Archil Kikodze betrachtet Georgier aber keineswegs bloß als Opfer, wie er sagt:

"Politiker stellen manches von Zeit zu Zeit sehr vereinfacht dar: 'Russland ist schlecht. Georgien wurde in das sowjetische Imperium einverleibt!' Nichts sonst. Aber Stalin kam aus Georgien, Beria ebenso, die bolschewistischen Ideen waren sehr populär hier."

Für viele Georgier ist Stalin zuallererst der Mann, der den Krieg gewonnen hat. Ein Denkmal des Diktators in seiner Heimatstadt Gori wurde erste 2010 entfernt. Eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Stalinismus steht ohnehin noch aus. Und nicht nur das, meint Archil Kikodze.

"Die gesamte sowjetische Periode sollte neu bewertet werden. Viele haben mit dem Regime kollaboriert. In den 70ern und 80ern, während der Jahre der Stagnation, wurde Georgien ein korruptes Land. Als die Sowjetunion kollabierte waren nur fünf Prozent der Russen Mitglieder der Kommunistischen Partei. Raten Sie, wie viele es in Georgien waren! 16 Prozent."

Autoren als Aufklärer

Denkmäler lassen sich leicht stürzen, ein tiefgreifender Mentalitätswechsel dauert länger. Der bekannte Schriftsteller Lasha Bugadze, dessen Bücher in mehrere Sprachen übersetzt sind, wurde für eine politische Satire, die er wenige Jahre nach der Unabhängigkeit publizierte, scharf attackiert. Jetzt hat er einen Roman mit dem Titel "Der erste Russe" über diese Erfahrung geschrieben und damit zugleich auf Probleme des unabhängig gewordenen Landes aufmerksam gemacht. Der 1977 geborene Autor gehört zu den präzisesten Analytikern im Land.

"Einige Gesellschaftsgruppen und einige Menschen haben die Sowjetmentalität verinnerlicht, dieses dogmatische Denken. Sie meinen immer noch, sie könnten bestimmen, was jemand schreiben oder sagen darf. Für sie sind wir, meine Schriftstellerkollegen und ich, Feinde. Sie sagen: 'Sie verändern unsere Mentalität, unsere Traditionen, unsere Geschichte.'"

So Bugadze im Gespräch. Falsch ist diese Vermutung sicher nicht. Denn die Georgier interessieren sich wieder für Bücher. Und viele Autoren rücken mit ihren dicht an der jüngeren Vergangenheit entlang geschriebenen Romanen in die Rolle von Aufklärern. Lasha Bugadze etwa entlarvt in "Der erste Russe" mit satirischem Überschwang, wie repressive Praktiken fortgeführt werden.

Die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher hat bei einem Besuch in Tbilissi 1990 gemutmaßt, dass Georgien 40 Jahre benötigen würde, um zu einem 'normalen Land' zu werden. Sie meinte damit, dass erst dann die Prägungen und Probleme der Sowjetzeit überwunden seien. Dem glühenden Patrioten Lewan Berdsenischwili schien das viel zu pessimistisch gedacht. Er ging seinerzeit von drei Jahren aus. Heute hingegen hält er Thatchers Vorausschau für eine sehr positive Einschätzung. Der Mann, der 1953 geboren wurde, ist jedoch mitnichten zum Pessimisten geworden. Im Gegenteil: Berdsenischwili erscheint als einer der beredtsten Enthusiasten des Wandels.

"Ich bin mir ganz sicher, dass Georgien ein für alle Mal die Unabhängigkeit errungen hat und diese in der Zukunft nie wieder verlieren wird. Denn wir blicken mittlerweile auf über 25 Jahre der Eigenständigkeit zurück. Einige Teile sind okkupiert von der russischen Föderation - mehr als 20 Prozent des Territoriums. Manche denken deswegen, dass unsere Unabhängigkeit nicht sehr stabil ist. Und natürlich haben wir Probleme. Aber das ist mittlerweile ganz eindeutig ein anderes Land."

Gefangener im Gulag

Lewan Berdsenischwili ist Autor, Universitätslehrer und Mitglied des georgischen Parlaments. Gegen die Bevormundung durch die kommunistische Ideologie hat er schon früh gekämpft. Anfang der 1980er-Jahre gründete er mit Gleichgesinnten die erste Untergrundpartei Georgiens. Einige Jahre warb er heimlich für die Unabhängigkeit seiner Heimat, dann wurde er verhaftet und von 1984 bis 1987 in ein sowjetisches Lager gesperrt, wie er erzählt:

"Immer wenn ich neue Menschen treffe, erkläre ich zuallererst, dass ich früher ein politischer Gefangener im Gulag war. Denn das ist die entscheidende Erfahrung meines Lebens. Ich bin mir ganz sicher, dass mich diese Zeit verändert hat."

2010 erschienen in Georgien seine Erinnerungen an die Haftzeit. Das Buch, das unter dem Titel "Heiliges Dunkel. Die letzten Tage des Gulag" nun auch auf Deutsch herausgekommen ist und in 15 Kapiteln ebenso viele Reminiszenzen an Leidensgenossen versammelt, hat nicht die existenzielle Wucht der großen Anklagen von Solschenizyn oder Schalamow. Das mag auch damit zu tun haben, dass sich die Sowjetunion der Endzeit merklich vom unberechenbaren blutigen Terrorregime Stalins unterschied. Lewan Berdsenischwili schreibt - anders als seine großen Vorgänger - mit leiser Ironie, ja zuweilen mit einer heiteren Gelassenheit über die letzten Jahre des Gulag. Sein Resümee der Lagerzeit erstaunt trotzdem.

"Es war eine wundervolle Erfahrung, denn ich bin einigen Menschen begegnet, die man sonst in der Sowjetunion nicht treffen konnte. Der KGB hatte für mich all diese bemerkenswerten Menschen aus dem ganzen großen Land zusammengebracht. Ich bin mir ganz sicher, dass nicht nur mein Leben, sondern auch ihres durch diese Erfahrung reicher geworden ist."

Für Lewan Berdsenischwili ist mit der georgischen Unabhängigkeit ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. In Georgien mögen zwar viele Menschen solchen Träumen nachgehangen haben, aber nur wenige haben so teuer wie Berdsenischwili für ihre Überzeugungen bezahlt. Der Mann, der demütigende Schikanen und den dumpfen Alltag der Haft erlebt hat, wirkt jedoch weder verbittert, noch spricht er im laut auftrumpfenden Ton eines Triumphators.

"Manchmal habe ich das Gefühl, jeden Tag glücklich zu sein aufgrund der Unabhängigkeit. Aber Unabhängigkeit ist nicht genug. Wir brauchen Freiheit für die Menschen und vieles mehr. Unsere gegenwärtige Lage ist schwieriger als zur Sowjetzeit - wenn man die Wirtschaft betrachtet. Aber sie ist sehr viel besser hinsichtlich der Gefühle der Menschen."

Homo Sovieticus

Kein in Georgien lebender Schriftsteller formuliert den Anspruch, vom literarischen Schreiben leben zu können. Alle verdienen sie ihr Geld mit anderen Jobs - als Fremdenführer, Universitätslehrer oder als Journalisten. Bei aller Kritik an noch ungelösten Problemen im Land schwingt bei vielen oft berechtigter Stolz über das Erreichte mit, auch bei Archil Kikodze.

"Wir machen Fortschritte. Natürlich geht alles sehr langsam. Und zuweilen habe ich den Eindruck, wir bewegen uns im Kreis und begehen dieselben Fehler. Aber ich glaube, wenn es friedlich bleibt im Land, werden wir letztlich eine Zivilgesellschaft etablieren können."

Die Hoffnungen der Älteren ruhen auf der jungen Generation, die nicht in der Sowjetunion sozialisiert wurde. Es sind Nachgeborene, die nicht mehr, wie Lasha Bugadze sagt, zur "Gattung des Homo Sovieticus" zählen. Lewan Berdsenischwili begegnet dieser unverbrauchten georgischen Jugend fast täglich:

"Ich bin Professor an drei georgischen Universitäten und habe eine Menge Studenten. Noch ist das Land in den Händen der Älteren. Wir haben die Hälfte unseres Lebens in der Sowjetunion verbracht. Aber meine Studenten sind in einem freien, unabhängigen Land geboren. Sie teilen nicht unsere Vorsicht. Es sind freie Menschen und das ist wundervoll."

In einigen Jahren wird eine heranwachsende Autorengeneration neue Bücher vorlegen, die sich vielleicht anderen Themen widmen. Vorerst aber bleiben die Erschütterungen der jüngeren georgischen Geschichte und eine traumatisierte Gesellschaft der Stoff, aus dem die interessantesten Romane der georgischen Literatur gemacht sind.

Archil Kikodze: "Der Südelefant"
Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Ullstein Verlag, Berlin; 272 Seiten, 22 Euro

Lasha Bugadze: "Der erste Russe"
Aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld und Sybilla Heinze
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M.; 576 Seiten, 26 Euro

Lewan Berdsenischwili: "Heiliges Dunkel. Die letzten Tage des Gulag"
Aus dem Russischen von Christine Hengefoß
Mitteldeutscher Verlag, Halle; 264 Seiten, 25 Euro

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