Mittwoch, 19.02.2020
 
Seit 21:05 Uhr Querköpfe
StartseiteForschung aktuellEhrenwort für Extremisten18.07.2006

Ehrenwort für Extremisten

Meeresforscher geloben schonenden Umgang mit der Tiefsee

<strong>Umwelt. - Der mittelatlantische Rücken ist gespickt mit Vulkanen und heißen Quellen. Dort leben bestens eingespielte, aber empfindliche Lebensgemeinschaften unter extremen Bedingungen. Experten geloben anlässlich der ESOF bei ihrer Erforschung Zurückhaltung.</strong>

Monika Seynsche im Gespräch mit Colin Devey

Meeresforscher wollen schonend mit unterseeischen Oasen des Lebens umgehen. (NOAA)
Meeresforscher wollen schonend mit unterseeischen Oasen des Lebens umgehen. (NOAA)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Leibniz-Institut für Meereswissenschaften
ESOF

Auf dem Grund des Atlantiks, ziemlich genau in der Mitte zwischen Amerika und Europa, verläuft der so genannte mittelatlantische Rücken von der Arktis bis fast zur Antarktis. Dieser unterseeische Gebirgskamm ist gespickt mit Vulkanen und heißen Quellen, die besonders hart gesottenen Mikroorganismen einen einzigartigen Lebensraum bieten. Während der Forschungskonferenz ESOF 2006 in München treffen sich auch Hydrothermalforscher aus aller Welt, um eine Selbstverpflichtungserklärung zum verantwortungsvollen Umgang mit ihren Forschungsobjekten abzugeben. InterRidge heißt der Zusammenschluss der internationalen Wissenschaftler, ihr Vorsitzender ist Colin Devey vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel.

Monika Seynsche: Was macht denn Hydrothermalquellen in der Tiefsee so schützenswert?

Colin Devey: Für die Menschheit, würde ich sagen, es sind relativ seltene Gebilde. Wir wissen nicht sehr viel darüber, wir wissen aber, dass sie nicht überall im Meer vorhanden sind. Es ist ein relativ seltenes Ereignis, eine solche Quelle am Meeresboden zu finden. Wir sind dabei, die zu erforschen. Nächstes Jahr ist der 30. Jahrestag der ersten Entdeckung einer solchen Quelle. Wir sind erst am Anfang der Erforschung dieser Objekte. Da ist schon Umsicht oder Vorsicht geboten, dass man aufpasst, dass man die Dinge versteht, bevor man vielleicht einen Schritt zu weit geht.

Seynsche: Jetzt geben Sie heute Nachmittag eine Selbstverpflichtungserklärung ab. Was ist denn darin enthalten, wozu wollen Sie sich verpflichten?

Devey: Wir wollen klar Stellung dazu nehmen, wie wir denken, und ich spreche für rund 2000 Wissenschaftler weltweit, deren Vorsitz ich jetzt innehabe. Wir wollen sagen, was wir für einen vernünftigen Umgang mit diesen Objekten halten - in dem Sinne, dass wir jene Leute sind, die dorthin kommen. Es ist nicht wie ein Nationalpark, wohin jeder gehen kann, sondern es ist ein Teil des Planeten, wo wirklich die wenigsten Leute hinkommen - und das sind meist die Forscher. Und da ist es schon geboten, dass wir sagen, wenn wir schon dahin kommen, dann passen wir auf, was wir tun und wir sagen dann ganz genau, wie wir das machen und lassen uns auch danach begutachten, von mir aus. Ich finde es richtig, dass wir das so machen.

Seynsche: Haben Sie ein paar Beispiele dafür, wozu Sie sich verpflichten?

Devey: Zum Beispiel, dass man versucht, das Minimum an Impact an einer solchen Stelle zu haben. Die Physiker haben schon vor 100 Jahren gesagt, man kann kein System beobachten, ohne das System dabei zu ändern. Das ist überall in der Natur so. Wir gehen nach da unten mit Tauchrobotern und wir müssen auch Proben entnehmen. Wenn Sie wissen wollen, wie die Genetik von diesen Organismen ist, dann brauchen Sie ein Stück von diesen Organismen. Das geht nicht anders. Aber wir versuchen, das minimalinvasiv zu machen, wie es in der Chirurgie heißt - also wirklich diese Zahl an Proben zu nehmen, die wir brauchen. Und wenn wir Proben genommen haben, dann dafür Sorge zu tragen, dass diese Proben auch international verfügbar sind. Dazu kann man sich zum Beispiel auch verpflichten: ich nehme eine Probe, aber ich stelle sie dann der Gemeinschaft zur Verfügung. Das heißt kein Zweiter braucht dahin zu gehen, um eine zweite Probe zu entnehmen. Das reduziert den Impact auf diese Stelle.

Seynsche: Warum haben Sie sich ausgerechnet die ESOF 2006 ausgesucht, um die Verpflichtung abzugeben? Was erhoffen Sie sich davon?

Devey: Wir denken, dass es wichtig ist, dass diese Verpflichtung an die Öffentlichkeit gebracht wird. Es nutzt nichts, wenn wir unter uns 2000 Forschern sagen, wir wissen, wie wir damit umgehen wollen. Es ist unsere eigene Verpflichtung, das in die Öffentlichkeit zu tragen. Das Wissenschaftsforum ESOF bietet eine ideale Bühne dafür. Hier ist wirklich die europäische Gemeinde versammelt, wir haben schon jetzt im Laufe des Tages gesehen, wie viele Nachfragen kommen, wie viel Interesse gezeigt wird. Wir haben uns das ausgesucht als eine Bühne, wo wir wirklich sagen können: Wir haben der Welt erzählt, was wir da machen wollen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk