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StartseiteForschung aktuellEhrgeiziger Plan22.03.2007

Ehrgeiziger Plan

Weltgesundheitsorganisation stellt Tuberkulosebericht vor

Medizin. - "Stopp TB", so nennt sich der ehrgeizige Plan, die Tuberkulose weltweit zu bekämpfen. Bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle halbiert werden im Vergleich zu 1990. Und im Jahr 2050 soll die Schwindsucht sogar ganz verschwunden sein. Die Weltgesundheitsorganisation hat ihren jährlichen Tuberkulosebericht vorgelegt. Und darin stehen nicht nur Erfolgsmeldungen.

Von Volkart Wildermuth

Der Erreger der Tuberkulose stellt immer noch eine Gefahr dar. (Southern Illinois University)
Der Erreger der Tuberkulose stellt immer noch eine Gefahr dar. (Southern Illinois University)

Dr. Paul Nunn von der Stopp-TB-Abteilung der Weltgesundheitsorganisation konnte zufrieden sein. Nachdem er Jahre lang nur schlechte Nachrichten vermelden konnte, gibt es 2007 positives zu vermelden. Nunn:

"”Was diesen Bericht von seinen Vorgängern unterscheidet, ist, dass wir zum allerersten Mal sehen, dass es einen leichten Rückgang in der geschätzten Häufigkeit der Tuberkulose gibt und das weltweit.""

Seit den Fünfzigern hat sich die Tuberkulose immer weiter ausgebreitet, zum ersten Mal sinken nun die Zahlen, vorerst allerdings nur bei der Häufigkeit der Erkrankung. Weil die Weltbevölkerung anwächst, steigt die absolute Zahl der Patienten weiter. Konkret gab es 2005 8,8 Millionen Neuerkrankungen, 1,6 Millionen Menschen starben an der Tuberkulose, einer heilbaren Krankheit. Allerdings ist die Behandlung schwierig, die Patienten müssen mindestens ein halbes Jahr lang mehrere Antibiotika gleichzeitig einnehmen, und das jeden Tag. Tritt eine Lücke auf, entwickeln sich Resistenzen, die Therapie versagt und der Erreger kann sich weiter ausbreiten. Deshalb empfiehlt die WHO auch, die Behandlung durch Krankenschwestern überwachen zu lassen. Diese Strategie haben sich 187 Nationen zu Eigen gemacht, in denen 89 Prozent aller Tuberkulosepatienten leben. Nunn:

"”Wir erreichen unsere Zielvorgaben, was die Diagnose und die Behandlung der Tuberkulose betrifft. Probleme bereitet aber das Zusammenspiel des Aids-Erregers mit der TB und bei der mehrfach resistenten TB verfehlen wir die Ziele bei weitem. Das liegt vor allem daran, dass die Regierungen zu wenig investieren.""

Zum ersten Problem, in Afrika fachen sich die Tuberkulose und die Aids-Epidemie gegenseitig an. Die TB ist die Haupttodesursache der Aids-Patienten, umgekehrt führt die Immunschwäche häufig zum Ausbruch schon abgeheilter Tuberkuloseinfektionen. Trotzdem werden beide Krankheiten meist getrennt behandelt, mit fatalen Folgen für die Patienten. Das zweite Problem ist die Resistenzentwicklung. Wenn die Medikamente nicht konsequent verschrieben und eingenommen werden, entwickeln sich Resistenzen. Das geschieht selbst in einem so gut ausgestatteten Gesundheitssystem wie in Deutschland. Hier fallen die Infektionsraten, 2005 kam es zu rund 6000 Neuerkrankungen, aber so Sabine Rüsch-Gerdes vom Nationalen Referenzzentrum für Mykobakterien:

"Im Gegensatz zu den allgemeinen Zahlen, die ja rückläufig sind, nehmen die Resistenzahlen leicht zu."

Etwa 2,7 Prozent der Patienten haben eine schwer zu behandelnde multiresistente MDR -Tuberkulose, sie kommen vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion, wo die MDR-Tuberkulose weit verbreitet ist. Rüsch-Gerdes:

"Das heißt aber nicht, dass wir denen nicht mehr die Hand geben dürfen und die Grenzen schließen, das meinte ich damit nicht. Bis jetzt sind es, im Verhältnis zu den ganzen 6000 haben wir ungefähr 100 Patienten, die mit einem multiresistenten Stamm infiziert sind."

Aber die Zahlen steigen langsam, in Deutschland und weltweit, das beunruhigt auch Paul Nunn.

"”Die Erreger sind gleich gegen mehrere Wirkstoffe resistent. Es besteht die Möglichkeit, dass unsere jetzige im Prinzip behandelbare TB-Epidemie durch eine Epidemie der resistenten TB ersetzt wird. Dann hätten wir eine Situation vor den Fünfzigern.""

Vor der Einführung der Antibiotika. Das gilt es zu verhindern, meint Professor Robert Lodenkemper, Generalsekretär des Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose.

"Ich denke, wir als Deutsche haben die Pflicht einmal natürlich die Situation im Lande selber zu kontrollieren, aber ich denke, als Deutsche haben wir dann eben auch die Verpflichtung, den Ländern zu helfen, wo die Tuberkulose im Augenblick blüht, muss man sagen."

Im August diskutieren die Gesundheitsminister von 53 Staaten aus Europa und Zentralasien in Berlin das Thema Tuberkulose. Für die Bundesregierung die Chance, sich auch finanziell weiter zu engagieren.

Neue Medikamente werden deshalb dringend benötigt. Nachdem die Tuberkuloseforschung lange vernachlässigt wurde, befinden sich inzwischen einige Wirkstoffe in der klinischen Prüfung. Das Resistenzproblem können sie wahrscheinlich nicht lösen, dazu sind sie den alten Medikamenten zu ähnlich, aber sie haben einen anderen Vorteil: sie erlauben es, die Behandlungszeit um zwei Monate zu verkürzen, das macht es den Patienten leichter, die Pillen zu schlucken, und beugt so indirekt Resistenzen vor.

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