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StartseiteKultur heuteJannis Kounellis' theatrale Installation in Mailand30.12.2015

Ehrung für Heiner MüllerJannis Kounellis' theatrale Installation in Mailand

Vor 20 Jahren starb der Dramaturg, Regisseur und Lyriker Heiner Müller, der Autoren, Regisseure und sogar bildende Künstler auch außerhalb des deutschen Sprachraums beeinflusst hat. In einer Raum-Installation am Mailänder Piccolo Teatro würdigte der Arte-Povera-Künstler Jannis Kounellis nun Müllers Arbeit - in Zusammenarbeit mit dem griechischen Regisseur Theodoros Terzopoulos.

Von Henning Klüver

"Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa." Mit diesen Worten beginnt das Stück "Die Hamletmaschine" von Heiner Müller aus dem Jahr 1977. Meist mit Rücken- oder Seitenteilen wenden sich heute alte Kleiderschränke auf der schmalen Bühne der Scatola Magica des Piccolo Teatro dem Publikum zu. Die Scatola Magica ist der kleinste Veranstaltungsraum des Mailänder Theaters. Zwischen Stühlen unterschiedlicher Herkunft, die etwa 40 Personen Platz bieten, stehen Nachtschränke mit angeschlagenen Waschschüsseln aus Emaille. So zieht sich diese Installation des Italo-Griechen Jannis Kounellis von der Bühne bis ins Publikum. Peter Kammerer von der Universität Urbino, einer der Übersetzer der italienischen Werkausgabe Müllers, zeigt sich beeindruckt:

"Kounellis will eigentlich Geschichten erzählen mit Material. Wahrscheinlich hat ihn dieser Beginn von der Hamletmaschine ergriffen, diese Idee, dass Hamlet am Meer steht, rausschaut und eigentlich nur Blabla sagt, Europa ist ein einziges Blabla."

Gleichsam sprachlos gibt sich dieses Europa auch in der halbstündigen Performance von Theodoros Terzopoulos. Er lässt seine Schauspielerin Sophia Hill zu elektronischer Livemusik Müller-Texte aus der Hamletmaschine mal in weiche, mal in schrille Töne zerlegen. Dem Regisseur geht es um eine Abkehr von Realismus oder "neuem Naturalismus", wie er auf der Vernissage der Performance erläutert:

"Also diese Distanzierung, diese Verfremdung der Sprache. Und wir machen das in deutscher Sprache nicht auf Griechisch oder Italienisch. Weil die Sprache ist sehr gut auch für uns mit den Konsonanten. Die Konsonanten sind in der deutschen Sprache wie die Säulen, die Vokale stehen fest zwischen zwei Säulen. Das ist nicht wie die italienische und die neugriechische Sprache mit vielen Vokalen."

Der heute 70-jährige Theodoros Terzopoulos gilt als einer der wichtigsten Gegenwartsregisseure Europas. Als in Griechenland die Obristen herrschten, fand er Anfang der 1970er-Jahre in der DDR Zuflucht und arbeitete auch mit Heiner Müller zusammen. 1985 gründete er in Athen mit dem Attis-Theater eine eigene Bühne, die sich besonders der "Poesie der Klassiker" widmet, wie Terzopoulos es nennt:

"Immer mit Müller, mit Brecht in der Hand. Müller ist ganz in der Nähe von uns und wir zu ihm. Wir haben zum Beispiel die Klassiker besser verstanden mit Müller als mit anderen Autoren oder Regisseuren."

Heiner Müller verband auch eine lange Freundschaft mit dem inzwischen 79-jährigen Jannis Kounellis, der in Piräus geboren wurde, aber bereits seit vielen Jahrzehnten in Umbrien und in Rom lebt. 1991 schuf er für eine Inszenierung des "Mauser" am Deutschen Theater in Berlin das Bühnenbild. Vom italienischen Interesse an Müller erzählt Peter Kammerer:

"Heiner Müller hatte immer einen Faible für Italien und die italienische Bühne und zwar die Probebühnen, die interessanter sind in Italien, dieses experimentierfreudige Theatervolk, die haben sich alle auf Heiner Müller gestürzt. Zum ersten Mal kam er ans Piccolo Teatro mit seiner Inszenierung vom "Traktor", das war aber schon sehr spät, das war kurz vor seinem Tod eigentlich."

Jetzt ist er also in dieser Hommage durch seine alten Weggenossen ans Piccolo zurückgekehrt. Die Mailänder Performance ist zugleich eine Vorarbeit für eine moderne Oper nach Motiven der Hamletmaschine, die Terzopoulos Ende 2016 in Moskau herausbringen möchte und die anschließend auch nach Deutschland kommen soll. Eine Interpretation ganz nach dem Sinn Müllers, die virtuos mit den Rollen spielt, in der alle Hamlet sein können – und keiner.

"Ich bin nicht Hamlet" – "Io non sono Hamlet"

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