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StartseiteSport am WochenendeNummer für die Ewigkeit15.08.2020

Ehrung von SpielernNummer für die Ewigkeit

Immer mehr Sportklubs ehren ihre Ausnahmeathleten symbolisch. Sie mustern die Rückennummer aus, mit der sie sich einen Namen gemacht haben. Jude Bellingham, der jetzt zum BVB wechselt, wird von Birmingham so geehrt. Die Idee kommt aus Nordamerika.

Von Jürgen Kalwa

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Jude Bellingham vom englischen Zweitligisten Birmingham City. (www.imago-images.de)
Obwohl er erst 17 ist, hat Birmingham City angekündigt, Jude Bellinghams Nummer 22 nicht mehr zu vergeben. (www.imago-images.de)
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Es war und ist einer der bewegendsten Augenblicke in der Geschichte des amerikanischen Sports. Die Abschiedsrede von Lou Gehrig, einem der besten Baseball-Profis aller Zeiten, am 4. Juli 1939 im Yankee Stadium in New York. Eine unheilbare Krankheit hatte ihn gezwungen, den Sport aufzugeben.

"Kein Mensch auf der ganzen Welt hat jemals soviel Glück gehabt wie ich. Sicher, das ist Pech. Aber ich habe noch soviel, wofür es sich zu leben lohnt."

Ein Porträt von Lou Gehrig von den New York Yankees aus dem Jahr 1932. (imago sportfotodienst)Die Yankees erklärten Lou Gehrigs Rückennummer 4 zu einem Kultgegenstand. Sie wurde nie wieder vergeben. (imago sportfotodienst)

Zwei Jahre danach war er tot. Die degenerative Erkrankung des Muskelgewebes, die dafür verantwortlich war, nennt man noch heute in Amerika im allgemeinen Sprachgebrauch Lou-Gehrig-Syndrom.

Die Erinnerung an den Sohn deutscher Einwanderer blieb aber auch noch auf eine andere Art erhalten. Denn Gehrig war der erste amerikanische Sportler, dem eine besondere Ehre zuteilwurde: Die Yankees erklärten damals seine Rückennummer 4 zu einem Kultgegenstand. Sie wurde vom Team aus dem Verkehr gezogen und nie wieder vergeben.

Bei den Yankees sind 21 Rückennummern nicht mehr im Einsatz

Diese Form der Würdigung verdienstvoller Mannschaftssportler wurde seitdem in den USA oft nachgeahmt. Doch nirgendwo mit einer solchen Vehemenz wie bei den Yankees. Dort, wo eine Generation nach der anderen mit Jahrhundertathleten wie Babe Ruth, Joe DiMaggio und Mickey Mantle einen Erfolg nach dem anderen feierte, sind inzwischen sage und schreibe 21 Rückennummern nicht mehr im Einsatz. Darunter alle Ziffern von 1 bis 10 aus den frühen, glorreichen Jahrzehnten. Es passt zum Gesamtbild, dass die Biographien der Besten in Hollywood verfilmt wurden. Mit Schauspielern wie Gary Cooper in den Hauptrollen.

Viele der alten Trikots existieren noch. Denn sie landeten in der Baseball Hall of Fame in Cooperstown, eröffnet 1939 und das größte Sport-Archiv der Welt. Ein Ort, an dem man andächtig und äußerst sorgfältig mit den Textilien umgeht, die auf dem Sammlermarkt sechsstellige Summen erzielen würden. Tom Shieber, der Chef-Kurator: 

"Sie werden in Räumen aufbewahrt, in denen wir die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit kontrollieren können. Mit der Luftfeuchtigkeit auf einem konstant niedrigen Wert. Sonst droht der Befall von Schimmel."

Export des Rituals nach Europa erst spät

Außerhalb der USA fand das Phänomen erst spät Nachahmer. Es ist am weitesten in Italien und in England verbreitet. Und in vielen Fällen wird die Nummer erst nach dem Tod des jeweiligen Spielers blockiert. So wie bei Giacinto Facchetti und dessen Nummer 3 bei Inter Mailand. Oder Bobby Moores und dessen Nummer 6 bei West Ham United.

Umso bemerkenswerter klang die Nachricht, dass man bei Birmingham City einem 17-jährigen Nachwuchstalent eine solche Ehre angedeihen lassen würde. Jude Bellingham nahm seine 22 nach Borussia Dortmund mit. In seiner englischen Heimat wurde sie zum Kultobjekt erhoben. Anders als in Italien und England, wo man den Vorgang übersetzt "die Nummer in den Ruhestand schicken" nennt, fehlt der deutschen Fußballlinguistik ein passender Ausdruck. Malte von Pidoll, Kurator am Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, sieht die Herausforderung. Seine Gedanken gehen in folgende Richtung:

"Das ist ja kein Wegnehmen der Nummer, sondern man vergibt sie für alle Ewigkeit. Man vergibt die Nummer an einen Spieler fest für immer. Über seine Karriere hinaus. Das kann sehr gut sein, so dass man sich auch noch Jahren an ihn erinnert und weiß, da gab es mal glorreiche Zeiten. Aber gerade bei Vereinen, die früher mal gut waren, aber dann absteigen, kann das auch belastet sein. Wenn man immer wieder daran erinnert wird, wie gut man mal war."

Gute Möglichkeit zur Vermarktung

Trotzdem wird sich der Trend zum Deaktivieren wohl fortsetzen: "Das sind Sachen, die Medieninteresse erzeugen, die man vermarkten kann. Vielleicht ist das auch eine Entwicklung im Hintergrund, die das Ganze ein bisschen fördert."

Eine Entwicklung, die mit anderen Formen der Heldenverehrung einhergeht. Wie etwa dem Boom, der in den neunziger Jahren in England und in den USA begann, verdienstvollen Sportlern und Trainern ein Denkmal aus Bronze zu setzen. Die Gründe dafür nannte dem Deutschlandfunk der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette, Professor an der Technischen Universität Darmstadt und Autor des Buchs "Sporthelden: Spitzensport in postheroischen Zeiten":

"Ich glaube, dass da einige Aspekte zum Vorschein kommen. Der erste Punkt ist, dass der Sport im Moment mit Themen wie Doping, Korruption, Überkommerzialisierung, Hooliganismus durchaus kritisch in der öffentlichen Diskussion steht. Der Sport versucht sozusagen, das Negative durch eine so eine positiv gestimmte Erinnerungskultur und Gedächtnis- und Verehrungsindustrie zu kompensieren. Und der zweite Gesichtspunkt ist: Sportler sind nicht nur für sich selbst erfolgreich, sondern immer auch für ein Milieu, das sie entsendet hat. Das sind Vereine, das sind in Amerika die Universitäten, das sind die Nationalstaaten. Die Athleten sind im Grunde dann Stellvertreterfiguren. Das Aufbauen von Skulpturen, das Aufhängen von Büsten, das gehört mit zur Inszenierung des Sports."

Eine Cristiano Ronaldo-Statue in seiner Heimatstadt Funchal auf Madeira. Vor der Büste stehen Ronaldo, seine Mutter und Geschwister. (LUSA, Jose Sena Goulao)Eine Cristiano Ronaldo-Statue in seiner Heimatstadt Funchal auf Madeira. (LUSA, Jose Sena Goulao)

Eine Inszenierung von meist sehr geringem künstlerischen Wert. Wie bei der Büste des portugiesischen Stürmerstars Ronaldo auf dem Flughafen von Madeira, die vor zwei Jahren Schlagzeilen machte. Viel unspektakulärer war im Vergleich dazu, wie der Klub auf der Insel an ihn erinnert, für den Ronaldo im Alter von acht bis zehn spielte. Dort wird einfach seine Rückennummer 7 nicht mehr vergeben.

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