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StartseiteKultur heuteEichmann und die Folgen13.11.2011

Eichmann und die Folgen

Eine Tagung der Humboldt-Universität 50 Jahre nach dem Prozess

Eichmann hat geblufft. Das ist das eine erstaunliche Ergebnis der in mehrerer Hinsicht überraschenden Konferenz "Eichmann und die Folgen" an der Berliner Humboldt Universität.

Von Frank Hessenland

Adolf Eichmann in Jerusalem (AP Archiv)
Adolf Eichmann in Jerusalem (AP Archiv)
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BND-Beobachtung des Eichmann-Prozesses
Der Schreibtischmörder

Adolf Eichmann, Sturmbannführer und über fünf Jahre die Schaltstelle der Judenvernichtung im Dritten Reich, hat, vom Moment seiner Entführung durch Mossad-Agenten in Argentinien, über neun Monate Verhöre und Gerichtsverfahren in Jerusalem bis zur buchstäblichen Sekunde seines Todes durch Erhängen in der Nähe von Tel Aviv die Rolle des irgendwie unschuldigen halbintellektuellen Bürokraten gespielt. Er hat dabei alle Beteiligten verwirrt, Richter, Historiker und Journalisten, von Hannah Arendt bis zum Polizisten Miki Goldmann-Gilad, der sich heute noch fragt, was er bei der Hinrichtung Eichmanns eigentlich gesehen hat:

"Wann er schon hinter dem Galgen stand. Da sagt er, es lebe Deutschland,... Sagt er, ich war gottgläubig und sterbe gottgläubig. Und in diesem Moment hab ich, ich hab's nicht verstanden. Ich hab mir selbst gesagt, an welchen Gott hat er geglaubt, dieser Massenmörder?"

Eichmann, so jedenfalls hat es die Philosophin und Historikerin Barbara Stangneth in einer zehnjährigen Recherche ermittelt, in der sie Tausende Seiten mit bislang versteckten Eichmann Gesprächsprotokollen aus argentinischen Nachlässen auswertete, Eichmann plante mit ebenfalls nach Argentinien untergetauchten Nazigrößen, noch in den 50er-Jahren Umsturzversuche in Deutschland und bedauerte auf Tonbandaufzeichnungen 16 Jahre nach dem Krieg nur sechs - und nicht zehn Millionen Juden getötet zu haben. Für seinen Auftritt im Prozess hat sie nur eine Erklärung: Mimikry. Er spielte den in Philosophie und Theologie beschlagenen fast schon jüdisch aussehenden unbedarften Bürokraten, um die Grausamkeit des Nationalsozialismus nicht erkennbar werden zu lassen, so Barbara Stangneth.

"Für ihn war die Lüge eine Waffe, die letzte Waffe, die ihm blieb. Aussagebereitschaft, Ehrlichkeit, hätte etwas zu tun gehabt mit Kooperation, und für Eichmann waren die Juden der Feind, und sie blieben der Feind, und er war immer noch im Krieg. Und im Krieg kooperiert man nicht. Es musste gelingen, weil ja niemand wusste, was er vorher gesagt hatte."

Für Israel und Deutschland hatte der Eichmann Prozess übrigens gegenteilige Folgen, machte die Tagung deutlich: In Deutschland wurden nach Jerusalemer Vorbild unter anderem die Auschwitzprozesse durchgeführt. Es begann eine zähe, jahrzehntelange Debatte zur Aufarbeitung der meisten Aspekte des NS, wenn auch die meisten der Täter zu gering bestraft wurden, so Völkerrechtler Gerhard Werle. In Israel, behauptet der renommierte israelische Historiker Moshe Zimmermann, verengte sich die Aufarbeitung nach dem Prozess. Die Gesellschaft verlor nach Eichmanns Auftritt die Lust, weitere Nazis vor Gericht zu stellen, konzentrierte sich in ihren Feiern, Gedenktagen, Schulbüchern auf die Vernichtung der Juden. Sie vergaß darüber, wesentliche Begriffe des NS zu diskutieren: nämlich wie Hitler eine exklusive Volksgemeinschaft kreierte, wie er Minderheiten ausgrenzte, wie er Rassismus und Kampflust in die deutsche Gesellschaft, von denen die Juden ein Teil waren, einführte. Die versäumte Aufarbeitung hat bis heute Konsequenzen sagt Zimmermann.

"Die Ereignisse in Israel zeigen, dass hier wahrscheinlich die Auseinandersetzung nicht stattgefunden hat mit dem Thema Nationalsozialismus, weil eben rassistische Einstellungen, rassistische Attitüde für legitim gehalten wird oder mindestens nicht sorgfältig und nicht systematisch genug bekämpft werden."

Die Lehre des "Nie wieder" verpflichte damit die israelische Politik nur zum Kampf gegen den Antisemitismus, nicht aber wie andere, die das Völkerkriegsrecht in die nationale Gesetzgebung übernommen haben, zum generellen Engagement gegen alle Völkermorde, etwa in Armenien, Jugoslawien, Ruanda oder Kongo, Libyen.


Kalenderblatt 2011:Vor 50 Jahren begann der Prozess gegen Adolf Eichmann

Kalenderblatt 2010: Der Schreibtischmörder - Vor 50 Jahren wurde Adolf Eichmann in Buenos Aires festgenommen

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