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StartseiteKalenderblattEin bekennender Italiener04.03.2011

Ein bekennender Italiener

150. Todestag des italienischen Schriftstellers Ippolito Nievo

Die Entstehung des Nationalstaats Italiens im 19. Jahrhundert ist nicht nur dem sagenumwobenen Freiheitskämpfer Garibaldi zu verdanken, an den bis heute in jeder italienischen Stadt eine Hauptstraße erinnert, sondern auch Intellektuellen wie Ippolito Nievo. Der umtriebige Aufklärer und großartige Schriftsteller starb heute vor 150 Jahren.

Von Maike Albath

"Vom nördlichsten bis zum südlichsten Zipfel unseres armen Italien sind wir gar nicht so verschieden, wie man uns weismachen will", schrieb Nievo. (picture alliance / dpa)
"Vom nördlichsten bis zum südlichsten Zipfel unseres armen Italien sind wir gar nicht so verschieden, wie man uns weismachen will", schrieb Nievo. (picture alliance / dpa)

"Ich wurde am 18. Oktober 1775, dem Tag des Evangelisten Lukas, als Venezianer geboren; und ich werde, so Gott will, als Italiener sterben, wenn es der Vorsehung, die geheimnisvoll in der Welt waltet, gefällt. Das ist die Lehre meines Lebens."

Mit diesen Worten beginnt Ippolito Nievos 1500-seitiges Hauptwerk "Bekenntnisse eines Italieners". In gemächlichem Rhythmus lässt Nievo den 83-jährigen Carlo Altoviti die Abenteuer der vergangenen Jahrzehnte ausbreiten. Ende des 18. Jahrhunderts zerfiel Italien in unzählige Teilstaaten und war kaum mehr als ein geografischer Begriff.

"Vom nördlichsten bis zum südlichsten Zipfel unseres armen Italien sind wir gar nicht so verschieden, wie man uns weismachen will, ja, es gibt die erstaunlichsten Übereinstimmungen, wie man sie bei kaum einer anderen Nation antrifft. So besitzt ein Bauer aus dem Friaul den ganzen Geiz und Starrsinn eines Genueser Kaufmanns, ein venezianischer Gondoliere die geschliffene Redekunst eines Florentiner Stutzers, und ein Veroneser Makler und ein Baron aus Neapel kommen sich an Prahlerei so nahe wie ein Häscher aus Modena und ein römischer Priester an Durchtriebenheit. Wasserträger aus Caserta und Bologneser Doktoren wetteifern in Beredsamkeit, neapolitanische Tagediebe und Fischer aus Chioggia in Geduld und Aberglauben."

Ippolito Nievo, mütterlicherseits Abkömmling eines venezianischen Patriziergeschlechts und 1831 in Padua geboren, gelingt mit seinem dickleibigen Roman eine mitreißende Mischung aus Sozialstudie, Abenteuergeschichte, Liebesromanze und Schauermärchen. Genau wie sein Protagonist Carlo Altoviti war auch Nievo ein leidenschaftlicher Anhänger des Risorgimento, der Bewegung für die nationale Einheit. Als Gymnasiast hatte er 1848 an den erfolglosen antiösterreichischen Aufständen in Mantua teilgenommen, erste Gedichte verfasst, seinen Stil an Liebesbriefen geschult und nach dem Jura-Studium mit der Arbeit an mehreren Romanen begonnen. Sein Lieblingsschauplatz war Venedig, dessen dekadente Führungsschicht ihm exemplarisch für die Haltung der italienischen Aristokratie schien.

"Der Wohlstand hatte zu Müßiggang und Leichtsinn geführt und im gleichen Maße zu Sittenlosigkeit, die wie eine Seuche um sich griff; Schändliches, was sonst in der Familie blieb, war nun in aller Munde, und auch das Gefühl von Anstand blieb von dieser allgemeinen Umwälzung der moralischen Ordnung nicht verschont. Verpönt war jede Form von Mäßigung; verloren der Sinn für das Schöne, der sich ja nur in harmonisch gebildeten Seelen entfalten kann; Ämter, Titel, Würden käuflich, denn Gold ist das Mittel zur Befriedigung jeder rohen Lust; Erziehung ein Hohn; die öffentlich bestallten Lehrer entweder feiste Günstlinge oder schwülstige Phrasendrescher; die Dienerschaft servile Weggefährten oder wissende Kumpane; die Gesellschaft insgesamt schließlich ein Gemisch aus Hochmut, Verderbtheit, unsäglicher Einfalt, feiger Heuchelei und widerwärtiger Speichelleckerei."

Mit literarischen Mitteln die Entstehung der Nation Italien voranzutreiben - das war Nievos großes Ziel. Sein farbenprächtiges Panorama "Bekenntnisse eines Italieners", das er 1858 innerhalb von nur acht Monaten niederschrieb, sollte moralische Schützenhilfe leisten und das Bürgertum für den Einigungsprozess gewinnen. Nievo war bewusst anti-elitär. Von tiefer demokratischer Gesinnung getragen, wandte sich der engagierte Publizist und Literat an eine größere Leserschaft, kleidete die geschichtlichen Zusammenhänge in eine packende Handlung, gebrauchte eine einfache Sprache und wollte erzieherisch wirken. Kurz nach der Niederschrift der "Bekenntnisse" schloss sich Nievo dem Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi an, um in dessen Gefolge den Befreiungskampf in Sizilien auszufechten. Gerade noch hatte er seinen lebenssatten Helden über den Tod sinnieren lassen, da kam Nievo bei der Überfahrt von Palermo nach Neapel am 4. März 1861 mit nur 29 Jahren ums Leben. Sein großes literarisches Vermächtnis erschien 1867. Die Entstehung des italienischen Nationalstaates, den er in seinem Werk immer wieder beschwor, hat er nicht mehr miterlebt.

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