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StartseiteKalenderblatt"Ein besserer Faden für ein besseres Leben"28.02.2010

"Ein besserer Faden für ein besseres Leben"

Vor 75 Jahren gelang dem amerikanischen Chemiker Wallace Hume Carothers die Herstellung von Nylon

Verschwitzte, stinkende Männerhemden, grellbunte Kittelschürzen oder billige Freizeitanzüge aus "Ballonseide"- das wird heute meist mit Nylon assoziiert, ein billiger Ersatz für wertvolle Naturmaterialien. Vor 75 Jahren war das ganz anders.

Von Andrea Westhoff

Auch zur Herstellung von Gleitschirmen wird Nylon verwendet.  (Martin Kroll)
Auch zur Herstellung von Gleitschirmen wird Nylon verwendet. (Martin Kroll)

Als der amerikanische Chemiekonzern DuPont am 15. Mai 1940 fünf Millionen Paar Nylonstrümpfe auf den Markt brachte, balgten sich Käuferinnen um das neue Produkt, obwohl das Paar 250 Dollar kostete. "N-Day" wurde dieser Tag später genannt. Nylon war aber nicht nur der Stoff für Frauenträume.

"Ein besserer Faden für ein besseres Leben"

Unter diesem Slogan wurde die erste synthetische Faser auf der New Yorker Weltausstellung 1939 präsentiert. Es war ein lang gehegter Menschheitstraum, Seide künstlich herstellen zu können und so unabhängig von japanischen Lieferungen zu werden. Diesen Traum machte der amerikanische Chemiker Wallace Hume Carothers wahr. Einen wichtigen Anstoß bekam er aus Deutschland: Der Freiburger Chemiker Herrmann Staudinger hatte bei seinen Forschungen mit verschiedenen Naturstoffen die Makromoleküle entdeckt und damit die Möglichkeit, aus vielen kleinen Molekülen ganz neue chemische Verbindungen zu schaffen:

"Ich kann ihnen das etwas klarmachen, wenn wir die Moleküle mit Bauwerken vergleichen. Kleine Moleküle sind Bauwerke mit zehn, 100 Atomen. Die Makromoleküle, das sind Bauwerke, die genauso aufgebaut sind wie die kleinen, aber die aus 1000, 10.000, Hunderttausenden von Bausteinen aufgebaut sind, und drum können damit Bauwerke von großer Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit gemacht werden."

Carothers schaffte genau dies. Allerdings war es wie so oft bei Erfindungen ein zäher Prozess, der seinen Arbeitgeber DuPont 27 Millionen Dollar kostete!

"Er gab sich nie damit zufrieden, ausgetretenen Pfaden zu folgen",

schrieb James Conant, ein Kollege aus Harvard-Zeiten, über Carothers. Am 28. Februar 1935 gelingt es ihm schließlich, das richtige chemische Gemisch zu finden: "Polyhexamethylenadipinamid" oder kurz "Polyamid 6.6" Und als bei DuPont dann auch noch das neue "Trockenspinnverfahren" entwickelt wird, um aus der chemischen Masse hauchdünne Fäden herzustellen, kann die Firma 1938 in einer Anzeigenkampagne jubeln:

"Eine durchsichtige, seidig schimmernde Faser aus Kohle, Wasser und Luft, reißfest, temperaturbeständig, unverwüstlich"

Wie es zu dem Namen "Nylon" kam, darüber gibt es unterschiedliche Geschichten. Zum Beispiel soll er die Abkürzung sein für:

"Now you look, old Nippon – Da staunst Du, Japan"

Richtig ist aber wohl, dass die Kunstfaser erst "No-run" heißen sollte, was so viel wie "keine Laufmaschen" bedeutet. Weil davon jedoch keine Rede sein kann, einigte man sich schließlich auf das Kunstwort "Nylon". Fast zur selben Zeit, im Januar 1938, fand übrigens der deutsche Chemiker Paul Schlack bei der IG Farben mehr durch einen Zufall ebenfalls die Formel für eine synthetische Seidenfaser, die wenig später als "Perlon" auf den Markt kam.

Als erstes hergestellt wurden aus Nylon Zahnbürsten, Angelleinen und chirurgisches Garn, bald aber eben auch die berühmten Damenstrümpfe. Von da an verbanden sich mit Nylon Träume von Schönheit und erotische Fantasien, denn die Faser ermöglicht die Herstellung von Stoffen, die fast transparent sind und deshalb die nackte Haut eher betonen als verhüllen.

1941 allerdings war erst einmal Schluss mit der Erotik. Die hauchzarte Faser sah man nur noch bei Stars wie Marlene Dietrich, wenn sie zur Truppenbetreuung kamen. Denn nach dem Angriff auf Pearl Harbor wurde Nylon wegen seiner Reißfestigkeit zum kriegswichtigen Material erklärt, vor allem um Fallschirme herzustellen. Sofort nach Kriegsende aber wurde in den USA die zivile Massenproduktion wieder angekurbelt. Amerikanische GIs konnten nun auch deutschen "Frolleins" die begehrten "Nylons" schenken, die auf dem Schwarzmarkt so wertvoll waren wie Zigaretten.

Und in der folgenden Wirtschaftswunder-Zeit rührte die Strumpfindustrie kräftig die Werbetrommel, um möglichst viele Frauen "anzuziehen":

"Das fein-zarte Gewirk und der straffe Sitz – steigert die Anmut Ihrer Beine."

Wallace Hume Carothers selbst hat den Siegeszug seiner Erfindung nicht erlebt. Der geniale Chemiker war zeitlebens manisch-depressiv und trug, so wird behauptet, stets eine Ampulle mit Zyanid bei sich. Am 29. April 1937 benutzte er das Gift tatsächlich, um sich selbst zu töten.

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