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StartseiteSport am WochenendeEin bißchen was zu meckern16.10.2011

Ein bißchen was zu meckern

Sportbücher auf der Buchmesse

Dreiundsechzig Prozent aller von Menschen verantworteten Angelegenheiten sind entbehrlich, wenn nicht der reine Unfug. Das gilt für die Frankfurter Buchmesse allemal, für Sportbücher in der Regel nicht minder.

Von Jürgen Roth

Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse 2011 (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse 2011 (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Sprach man in den vergangenen Tagen mit Verlegern, die ihr Urteilsvermögen trotz des Drucks aus den Presse- und Vertriebsabteilungen nicht haben kastrieren lassen, war zu hören, daß die meisten Sportthemen ausgereizt und im Grunde nur noch Aktualisierungen bewährter Titel sinnvoll seien. Es ist schlicht und einfach beinahe alles beackert und gesagt worden, lautet der Tenor.

Dennoch wird munter weiterproduziert, werden weiterhin Bäume gefällt und gehäckselt für Elaborate, die die Welt so dringend braucht wie die Bild-Zeitung, Investmentbanken und Militärhaushalte. Nahezu jeder sogenannte Sportstar hat heutzutage einen Manager, der den Athleten dazu drängt oder animiert, die Vermarktung durch die Veröffentlichung irgendeiner zusammengelaberten Kladde zu forcieren. Heraus kommt dann etwa ein Mirakel von Bekenntnisbuch wie Timo Bolls Mein China – Eine Reise ins Wunderland des Tischtennis, in dem man, welch Überraschung, erfährt, daß der Pingpongartist da hinten, auf der anderen Seite der Welt, eine enorme Popularität genießt und ab und an gerne die eine oder andere Pekingente verspeist.

Oder was möchte uns die Fechtolympiasiegerin Britta Heidemann, obwohl niemand danach gefragt hat, in ihrem Opus Erfolg ist eine Frage der Haltung – Was Sie vom Fechten für das Leben lernen können mitteilen? Daß das Leben einem Kampf gleiche? "Ich sehe das Leben als Kampf füreinander, miteinander und gegeneinander", schreibt sie und unterstreicht, "daß das Streben nach Leistung und Willensstärke nicht im Widerspruch zu einem zufriedenen und glücklichen Leben steht, sondern daß sich beides im Gegenteil wunderbar ergänzt". Man müsse halt hie und da an den berühmten "Stellschrauben" drehen. Wir sind vor Begeisterung am Schreibtisch eingenickt.

Auch ehemaligen Wettkämpfern nimmt niemand den Laptop weg. Michael "Albatros" Groß, der eine sogenannte Unternehmenskommunikationsagentur betreibt, hat den flunderplatten Ratgeber, den er freilich wichtig- und windmacherisch "Impulsgeber" nennt, Siegen kann jeder –Jeden Tag die richtigen Fragen stellen ausgebrütet. Das Fazit laut FAZ: "Man müsse sich selbst die richtigen Fragen stellen, die eigenen Vorstellungen und Ziele ausloten." So was darf das Manager Magazin loben, wir loben derweil die brave Sonne am blitzblanken Herbsthimmel.

Zwei Bände hingegen, die angekündigt waren, aber erst in Bälde erscheinen, könnten die Lektüre lohnen: zum einen Sportpolitik – Ein Studienbuch von Jürgen Mittag und Jörg-Uwe Nieland (VS Verlag), zum anderen Ralf Schäfers voluminöse Untersuchung zu Carl Diem, dem oft als "Vater des deutschen Sports" titulierten Großfunktionär, der den Nazis inbrünstig diente. Titel: Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus – Carl Diem und die Politisierung des bürgerlichen Sports im Kaiserreich (Metropol Verlag).

Sonst aber haben wir nur zu meckern? Nein. Der Verlag Die Werkstatt, der heuer seinen dreißigsten Geburtstag feiert, hat zwei – das eine stark, das andere ein bißchen weniger – hervorhebens- und empfehlenswerte Bücher vorgelegt. Dietrich Schulze-Marmeling rekonstruiert in "Der FC Bayern und seine Juden" – Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur die jüdisch-bürgerliche Geschichte des 1900 gegründeten und bis zur Zerstörung durch die Nazis weltoffenen Vereins und skizziert historische und gesellschaftliche Zusammenhänge, in denen der Fußball zu Recht als Teil der Alltags-, Kultur- und Politikgeschichte erscheint.

Der FC Bayern war, zumal unter seinem langjährigen Präsidenten Kurt Landauer, einem bayerischen Juden, ein dezidiert "modernistischer" Klub, in dem man der unsäglichen, antisemitischen deutschen Turnerideologie offensiv entgegentrat. Gepflegt wurden, bis die Nationalsozialisten 1933 alldem ein Ende bereiteten und die systematische Verfolgung jüdischer Sportler begann, die Ideale des aufgeklärt-toleranten Citoyens – nach dem Vorbild des englischen sportsman.

Der FC Bayern hat seine Tradition, auf der sein Erfolg bis heute beruht, jahrzehntelang verdrängt. Erst vor wenigen Jahren änderte sich das. Heute wird das Erbe Kurt Landauers auch von der Vereinsspitze anerkannt, nicht zuletzt auf Grund der Initiativen der Fangruppierung der Münchner Ultras.

Dietrich Schulze-Marmelings präzise, detaillierte Studie wird Ende Oktober von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur als "Fußballbuch des Jahres" ausgezeichnet. Der Monographie seines Kollegen Christoph Bausenwein, Joachim Löw und sein Traum vom perfekten Spiel, mangelt es dagegen an Straffung. Bausenwein zeichnet Löws durchaus holprigen Weg als Spieler und Trainer inklusive der jüngeren Narreteien rund um Kevin Kurányi, Ballack, Podolski und Philipp Lahm akribisch nach und verliert sich dabei bisweilen in der Anhäufung von irrelevanten Einzelheiten. Die engbedruckten 350 Seiten sind streckenweise leider zu sehr Fleißarbeit, als daß sie uneingeschränkte Freude hervorriefen.

Schlüssig ist, daß Bausenwein am Ende noch einmal die "Philosophie" und die "diskursive" "Lehrmethode" des "Feingeistes des Fußballs" erörtert, die mittlerweile bekannten Credos von den "Laufwegen", vom "punktgenauen Paßspiel", von der Fehlervermeidung, vom Tempofußball und dessen Verwissenschaftlichung. Doch daß Bausenwein Löws Maximen allen Ernstes an Grundfragen mißt, die Immanuel Kant stellte, ist, mit Verlaub, albern. Denn die Verknüpfung von Fußball und Philosophie ist, das räumt Bausenwein zwischendurch halbherzig selber ein, nichts anderes als Ausdruck einer degoutanten "Begriffsmode", die uns nicht weniger molestiert denn all die Buchmessen und Sportbücher dieser Welt.

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