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StartseiteCorsoEin DDR-Roman als TV-Event02.10.2012

Ein DDR-Roman als TV-Event

Uwe Tellkamps "Der Turm" als 2-Teiler in der ARD

Pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit zeigt das Erste den ersten Teil von "Der Turm". Die Verfilmung von Uwe Tellkamps Bestseller über die letzten sieben Jahre der DDR konzentriert sich auf die Familiengeschichte des Chirurgen Richard Hoffmann, gespielt von Jan Josef Liefers.

Von Eric Leimann

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp (li.) und der Schauspieler Jan Josef Liefers (re.) bei der Premiere des ARD-Zweiteilers "Der Turm". (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp (li.) und der Schauspieler Jan Josef Liefers (re.) bei der Premiere des ARD-Zweiteilers "Der Turm". (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
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Der Turm - Die Verfilmung

"Es gibt keine unverfilmbaren Bücher", sagt Thomas Kirchner, Drehbuchautor von "Der Turm". "Es gibt nur schlechte Romane und schlechte Drehbücher." Kirchner hat den ultimativen DDR-Roman - so wurde Uwe Tellkamps Buch immer wieder bezeichnet - auf zweimal 90 Minuten Fernsehfilm heruntergebrochen. Von denen Autor Tellkamp, der den Film als einer der Ersten sah, übrigens hellauf begeistert war ...

"Sag mal Manne, du hast doch diesen Abteilungsleiter von Fließ-Textilien in Behandlung?" "Oh, jetzt nicht schon wieder Arbeit!" " Kannst du dem nicht mal sagen, dass wir dringend Verbandsmaterial brauchen?" " Du, das habe ich schon versucht, aber der kommt mir immer mit der Plan, der Plan - gibt noch mehr Krankenhäuser in der Republik." "Dann überweis ihn an Thomas. Du verschreibst ihm ne schöne Kur: 14 Tage Bad Gottleuba - für eine Palette direkt auf die Chirurgie." " Und wie soll er das abrechnen?" "Lässt du ‘nen Lehrling ne Sonderschicht machen - für die Patenbrigade."

Die DDR und ihr System - sie können diesen Mann scheinbar kaum einschüchtern. Richard Hoffmann, der erfolgreiche, selbstbewusste Chirurg, gespielt von Jan Josef Liefers, steht im Zentrum der zweiteiligen Eventverfilmung nach Uwe Tellkamp. Ein anarchischer Kraftmensch, der sich nimmt, was er will; der in der Villengegend "Weißer Hirsch" - auf den Elbhängen über der Stadt und mit zwei Frauen lebt. Von beiden hat er jeweils ein Kind, was am Heiligen Abend zu zwei Bescherungen samt verkürzter Besinnlichkeit führt.

" Bleib bei uns, bleib bei uns - hör auf mit dem Versteckspielen. Wir sind doch auch deine Familie." "Daniel ist nicht mein Sohn." "Er hat sich für dich geprügelt auf dem Schulhof. Irgendjemand hat was Schlechtes über die Klinik gesagt - da hat er zugeschlagen." "Wirklich?" "Ja, und Lucy ist ja wohl ohne Zweifel deine Tochter. Brauchst du das - dich hierher zu schleichen immer wieder? Weil dich dein Doppelleben besonders macht?" "Jetzt hör mal auf, gib mir ein Handtuch."

Thomas Kirchner hat den komplexen Roman knallhart auf die Geschichte dieser Familie heruntergebrochen. Eine Geschichte über den Niedergang einer Familie in einem untergehenden Land. Mit starken Dialogen für großartige Schauspieler wie Jan Josef Liefers, der wenige Jahre vor Uwe Tellkamp in Dresden geboren wurde. Nur nicht auf der Sonnenseite.

" Meine Welt war eine ganz andere. Ich war ein Downtown-Kind: Prager Straße, Beton, Asphalt, sechsspurige Autostraßen, Fahrradfahren, Fußballspielen, auf Mauern klettern, Eis klauen. Und da oben am Weißen Hirsch, da sangen die Vögel abends und morgens und die hörte man auch. Das war immer eine sehr privilegierte Gegend Dresdens - auch wenn die Gebäude damals zu DDR-Zeiten genauso runtergekommen waren wie überall sonst, hat da offensichtlich dieser Spirit, dieser gutbürgerliche, da oben so ein Versteck gefunden."

Auf dem Turm beziehungsweise am Weißen Hirsch leben die Bildungsbürger mit Hausmusik und literarischen Diskussionszirkeln wie in einer magischen Traumwelt.

"Und so entdeckt man, dass das Leben in der DDR sich überhaupt hauptsächlich in Parallelwelten abgespielt hat."

Parallelwelten, die jedoch im Laufe der sieben Jahre, die Roman und Film erzählen, immer mehr zerfallen, um dem großen Sog der Geschichte Platz zu machen.

"Was ich lange vermisst habe in dieser ganzen Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte mit der DDR, ist eben das Maß an Differenzierung, wozu der Tellkamp gefunden hat – gerade in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung, wo das große Ding immer Stasi war. Da ging es immer um spektakuläre Geschichten mit effektvoller Dramaturgie: Die Stasi und die freiheitsliebenden Menschen. Man einigt sich auf so ein Weltbild, dass man sagt: Na gut, das war halt so ne Diktatur, die einen mehr so Täter und die anderen mehr so Opfer. Das ist natürlich für alle Menschen, die da groß geworden sind, eine unbefriedigende Verkürzung. Jetzt haben wir das hinter uns und man kann die eigentlich interessanten Fragen angehen: Wie geht es denn, dass einer beides sein kann - und zwar innerhalb einer Stunde? Ein Verräter, ein Schwein und ein Opfer, das unser Mitgefühl verdient. Wie geht das? Da kommen wir der Wahrheit natürlich viel näher, auch wenn es viel schwieriger ist, dann ein Urteil zu fällen."

Richard Hoffmann, den unabhängigen Kraftmeier, holt die alte Zusammenarbeit mit der Stasi wieder ein. Auch er muss sich dem späten DDR-Staatsapparat anpassen.

"Wir werden unsere Kontakte auf die Donnerstage beschränken. Dann sind sie doch immer schwimmen. Zumindest glaubt ihre Frau das. Rufen Sie einfach diese Nummer an, Herr Fromme, und wir treffen uns, bevor Sie Frau Fischer und Ihrer Tochter einen Besuch abstatten." Ich bitte um Bedenkzeit." "Wir sind doch hier nicht beim Wunschkonzert. Ihr Studium hat viel Geld gekostet. Das Ihres Sohnes wird viel Geld kosten. Ist es da nicht legitim, dass der Staat wissen will, wie der zu unserem Land steht, der durch Studium und Beruf privilegierte Positionen einnehmen will?"

Die Verfilmung von der "Turm" ist ein aufregendes Stück Fernsehen. Facettenreich inszeniert und toll ausgestattet, mit vielen kleinen DDR-Mosaiksteinen, die ein faszinierendes Bild ostdeutschen Lebens zwischen 1982 und 1989 ergeben. Und das ohne die bekannten, ein bisschen müde gespielten Szenen mit Prager Botschaft, Schabowskys Zettel und winkenden Menschen auf der Mauer. Entstanden übrigens mit einem rein ostdeutschen Schauspiel-Ensemble. Ob es der ultimative DDR-Film ist - das wird die Fernsehgeschichte zeigen.


Weitere Infos:
Der Turm - Die Verfilmung

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